Von James Hamilton-Paterson
Diese Verbindung von Sonnenuntergang und Tod hat eine lange Geschichte. Die alten Ägypter sahen den Tod als eine Reise nach Westen, der untergehenden Sonne entgegen, die dabei "starb", um ein paar Stunden später im Osten wiedergeboren zu werden; und als Odysseus den Hades besuchte, segelte auch er westwärts. In den Mythen vieler Stämme überall auf der Welt lebt diese Vorstellung fort.
Wir glauben, bei uns sei es anders, schließlich sind wir weltgewandt und wissen, dass ein langer Flug Richtung Westen nicht mehr bewirkt als einen Jetlag. Doch es ist kein Zufall, dass im Englischen "sunset" als Adjektiv verwendet wird für etwas, das im Sterben liegt wie beispielsweise "sunset industries" für "veraltete Unternehmen", nicht zu reden von "sunset homes" für alte Menschen ... Ja, mittlerweile gibt es sogar ein amerikanisches Verb "to sunset", was so viel bedeutet wie "abschaffen, schließen, verschrotten".
Ohne Frage haben Sonnenuntergänge etwas mit Abschied zu tun. Es ist unmöglich, stumm zuzuschauen, wie die Sonne sinkt, zu einem roten Fingernagel schrumpft und dann blitzend hinter dem Horizont im Meer verschwindet, ohne dass in uns unversehens etwas nachdenklich wird. Zu erleben, dass die Sonne ausgelöscht wird, ist unbestreitbar faszinierend, auch wenn wir wissen, dass wir nur rasch hundert Meter hochfahren müssten, um das Schauspiel noch einmal beobachten zu können. Da gibt es eine sonderbare Parallele zum modernen medizinischen Problem der Feststellung des genauen Zeitpunkts des Todes: alles eine Sache der Definition und des Standpunkts. Dennoch kommt immer der Moment, wo es unzweifelhaft Nacht geworden ist.
Eine Freundin, die möglichst jeden Sonnenuntergang zu betrachten versucht, sagt, die Farben und die Unterschiede des Lichtes seien ihr wichtig, fügt dann aber hinzu: "Was allerdings den genauen Moment betrifft, wo die Sonne verschwindet - der hat für mich mit dem Schwarz-Weiß-Fernseher zu tun, den wir in meiner Kindheit hatten: Wenn du den abgeschaltet hast, wurde der Bildschirm schwarz - bis auf einen weißen Punkt in der Mitte, der langsam verblasste und dann verschwand. Ein bisschen, wie wenn die Sonne hinter einem Berg untergeht. Meine Mutter hat mich jeweils dazu ermuntert, mich vor den Bildschirm zu stellen und den Punkt 'auszupusten', und ich konnte erst schlafen gehen, wenn der völlig verschwunden war. Wenn die Sonne untergeht, ist das für mich ebenfalls ein wichtiger und besonderer Moment im Tageslauf, etwas, das man nicht einfach ignorieren sollte."
Applaus bei Sonnenuntergang
Dass Sonnenuntergänge etwas Besonderes an sich haben, ist angesichts ihrer offensichtlichen Beliebtheit eine Plattitüde. Dennoch herrscht nicht wirklich Einigkeit darüber, wie man auf sie zu reagieren habe. Neulich stieß ich auf den verwunderten Bericht eines Australiers, der auf eine Klippe gestiegen war und sich zu amerikanischen Wanderern gesellt hatte, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Als die Sonne hinter dem Horizont im Meer verschwand, brachen die Amerikaner in Beifall aus; das war dem Australier so fremd, dass er ebenso verständnislos reagierte, wie ich dies getan hätte.
Die stille und aufmerksame Stimmung durch einen kollektiven Ausbruch zu zerstören ist schon sonderbar. Wollten sie vielleicht Gott für eine besonders spektakuläre Darbietung applaudieren - und hätten sie gebuht, wenn diese in letzter Minute durch aufziehende Wolken verdorben worden wäre? Verwechselten sie das Schauspiel mit einem Leinwandspektakel, oder hatte es für sie mehr von einem Konzert an sich? Möglicherweise applaudierten sie nur Sonnenuntergängen, vielleicht gab es bei ihnen aber auch Ovationen für beeindruckende Blitze oder bemerkenswerte Brecher.
Wie auch immer: Sonnenuntergänge scheinen die erstaunlichsten Leute unter den erstaunlichsten Umständen in ihren Bann zu ziehen, wenn man der Behauptung Glauben schenken darf, dass überall auf der Welt Leute, die das Videospiel "Grand Theft Auto: San Andreas" mit Schauplatz Kalifornien spielen, inmitten von Chaos und Zerstörung oft eine Pause einlegen und auf dem Bildschirm an den Strand "fahren", um von dort aus den Sonnenuntergang über dem Meer zu sehen.
Was bedeutet es, wenn Leute immer wieder Fotos machen oder Postkarten schicken mit Sujets, die jeder schon tausendmal gesehen hat - Kätzchen in einem Korb, Michelangelos David oder der Eiffelturm? Warum mögen so viele Menschen am liebsten Niedliches und Infantiles, Hündchen, Kindchen oder Teddybären?
Ich will damit nicht ihren Geschmack kritisieren, sondern bloß feststellen, dass dies ein Phänomen ist, das der Erklärung bedarf. Außerdem sind Sonnenuntergänge ja nicht niedlich. Ihrem Farbenüberschwang zum Trotz wirken sie eher majestätisch und somit ernüchternd.
"Ein weit gereister, sensibler Mensch mit gutem Geschmack"
Aber ich wage jetzt einmal eine Vermutung: Menschen, die gewohnheitsmäßig Sonnenuntergänge fotografieren oder Postkarten davon verschicken, wollen damit eigentlich sagen: "Hier habt ihr den Beweis! Ich bin ein Mensch, der ein tiefes Empfinden für Natur und die ästhetischen Qualitäten von Naturereignissen hat. Ich habe den Blick eines Malers, denn kein Sonnenuntergang ist dem anderen gleich, ihre Wirkungen verändern sich vielmehr in einem fort. Ich bin aber auch ein nachdenklicher Mensch, denn Bilder von Sonnenuntergängen haben etwas Ruhiges, ja eine spirituelle Qualität.
Und was diese Postkarte angeht, die ich euch schicke: Ihr habt bestimmt bemerkt, dass die aus Thailand/Palau/dem südlichen Pazifik stammt - wie schon die Palmen zeigen! -, was bedeutet, dass ich genug Geld und Muße habe, um für zwei Wochen um die halbe Welt zu gondeln, und außerdem so viel Feingefühl, dass ich euch eben nicht eine Juxkarte mit einer anzüglichen Bildunterschrift schicke oder eine von Eingeborenenmädchen, die Baströcke tragen und irgendeinen 'National Geographic'-Tanz vollführen. Mit anderen Worten: Ich bin ein weit gereister, nachdenklicher, sensibler Mensch mit gutem Geschmack."
Doch in Anbetracht dessen, dass zurzeit vor allem kompetitiver Materialismus angesagt ist, wollen sie vielleicht tatsächlich sagen: "Zieh dir mal das Bild rein, Freundchen: So was kriegst du nur mit CMOS-Sensor und 21,1 Megapixeln hin. Du verstehst schon: High-End. Siehst du diese grünen Tupfer? Die nimmt das menschliche Auge gar nicht wahr, aber diesem Ding hier entgehen sie nicht."
Nicht beabsichtigt dürfte die Botschaft sein: "Ich dachte, es schadet dir nichts, daran erinnert zu werden, dass das menschliche Dasein etwas mit Sonnenuntergängen zu tun hat und dass wir uns mit jedem Tag ein Stückchen weiter westwärts bewegen. Drum rate ich dir: Bewahre jeden Sonnenuntergang in deinem Herzen, denn du hast immer weniger Gelegenheiten, noch einen zu erleben. Doch damit wir nicht nur an solche Dinge denken: Hier sind noch ein paar niedliche Kätzchen..."
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