Urlaubskitsch Schöne Grüße vom Sonnenuntergang

Kaum ein anderes Motiv auf Postkarten und im Urlaubsalbum ist so beliebt wie der Sonnenuntergang - mit oder ohne Palmen. Warum nur? Und seit wann eigentlich? Versuch der Erklärung eines verkitschten Phänomens.

Von James Hamilton-Paterson

Corbis

Jedes Jahr machen Millionen Menschen Millionen Fotos von Sonnenuntergängen. Dies tun sie besonders gern, wenn sie im Urlaub sind, vielleicht, um zu beweisen, dass die Sonne auch auf der anderen Seite der Welt untergeht. Und jedes Jahr, wenn ich nicht aufpasse, bedrängen mich Menschen und zeigen mir gefühlte Millionen Bilder von Sonnenuntergängen, die sie aufgenommen haben.

Ich verstehe nicht genug von Technik, um über Pixel und Brennweiten reden zu können, weshalb ich nur ein unverbindliches "Hm, sehr malerisch" über die Lippen bringe. Und sogar wenn ich solch erzwungenen Diaabenden zu entgehen vermag, erhalte ich im Lauf des Jahres Postkarten mit Sonnenuntergängen aus fernen Ländern. Sollte nun jemand glauben, ich übertreibe mit meiner Schilderung dieser Obsession, rate ich, einfach einmal ins Internet zu gehen: Da werden Sie entdecken, wie viele Firmen davon leben, Kunstwerke, die Sonnenuntergänge darstellen, zu reproduzieren.

Was hat es denn nun mit Sonnenuntergängen auf sich? Sie sind - neben Kätzchen und Alpenszenerien - ein besonders populäres Sujet, das zeitlos und allgemeingültig wirkt. Merkwürdigerweise jedoch, zumindest der europäischen Kunst nach zu schließen, scheint man sie erst seit relativ kurzer Zeit überhaupt wahrzunehmen. Vor zwei Jahrhunderten war ein Sonnenuntergang nicht mehr als ein Zeichen dafür, dass der Arbeitstag zu Ende ging, ein willkommenes alltägliches Ereignis, das nicht wichtig genug war, von Malern festgehalten zu werden.

Natürlich gab es schon vor dem Ende des 18. Jahrhunderts da und dort einen Sonnenuntergang auf einem Gemälde, bei flämischen und holländischen Meistern wie Ruisdael beispielsweise, doch die waren eher nebensächlich, hatten bestenfalls allegorische Bedeutung als Hintergrund. Nie galt ihnen das Hauptinteresse. Doch mit der Romantik wurde die Natur in ihrer Pracht und Vielfalt zum Anlass für tiefste Empfindungen. Von 1780 an schätzte man Sonnenuntergänge zusammen mit Ehrfurcht gebietenden Sujets wie Bergen, Gletschern, Wüsten und wilden Küsten zunehmend dafür, dass sie ein Gefühl der Erhabenheit evozierten.

Es ist kein Zufall, dass zur selben Zeit der Pantheismus Mode wurde. Infolge der Aufklärung und des Aufkommens der Naturwissenschaften waren die in heiligen Schriften festgehaltenen religiösen Gewissheiten ins Hintertreffen geraten. Dank dem Pantheismus konnte man nicht nur die Menschheit, sondern die Natur überhaupt als Gottes Werk betrachten. Damit wurde die unschuldige Natur erstmals in der abendländischen Kultur Objekt aller möglichen menschlichen Sehnsüchte.

Reflexion melancholischer Gedanken

Schlagartig wurden Sonnenuntergänge zum Malerischen schlechthin, und die großen romantischen Landschaftsmaler ließen ihrem Gefühlsüberschwang freien Lauf. In Deutschland malte Caspar David Friedrich zahlreiche stimmungsvolle Sonnenuntergangsszenen, den Hafen von Greifswald zum Beispiel oder eine Küstenlandschaft mit Fischern im Abendlicht. Auf dem Gemälde "Der Träumer" von 1835 sitzt ein einsamer Mann auf dem Sims des gotischen Fensters der Ruine des Klosters Oybin, hinter ihm leuchtet ein Sonnenuntergang. Des Mannes Haltung verrät Nachdenklichkeit, und der Sonnenuntergang scheint eine Reflexion seiner melancholischen Gedanken zu sein.

Nur ein, zwei Jahre davor malte John Constable in England Sonnenuntergänge. Meteorologie faszinierte ihn, seine Himmel und Wasseroberflächen sind immer genauestens beobachtet, die Effekte und Farben extrem präzis. Seinem Zeitgenossen William Turner dagegen ging es darum, Stimmungen zu vermitteln durch eine geradezu theatralische Wahl der Farben und fantastische Effekte. Seine Sonnenuntergänge hatten oft etwas Überschwängliches und müssen Impressionisten wie Monet inspiriert haben, dessen rot flammende Bilder von der venezianischen Lagune im Abendlicht die Betrachter genauso beeindrucken wie die von Turner selbst.

In den USA malte zur selben Zeit der Deutsch-Amerikaner Albert Bierstadt riesige Bilder von Landschaften des amerikanischen Westens. Er war ein Vertreter des Luminismus mit seinen romantischen Lichteffekten. Geradezu unverschämt in seiner Dramatik ist Bierstadts "Sonnenuntergang im Yosemite-Tal" von 1868. Solche Bilder waren höchst populär und wurden in Massen reproduziert. Schon bald fühlten sich Tausende von Sonntagsmalern dazu inspiriert, es ebenfalls mit Sonnenuntergängen zu versuchen. Diese Bilder vermittelten meist eine ruhige, nachdenkliche Stimmung und ein gewisses Maß an viktorianischer Religiosität.

Doch eine andere Art von Bildern wurde immer häufiger: handkolorierte Postkarten mit Sonnenuntergängen an exotischen Schauplätzen und fernen Küsten. Sie waren darauf angelegt, den Empfänger mit einer dramatischen Farbenpracht zu verblüffen, die Europäer aufgrund von Reiseberichten für typisch in solchen Breiten hielten. Die heutigen Postkarten haben diese Tendenz bloß verstärkt: Da sacken riesige Sonnen wie zusammenschrumpfende orange Wasserbälle in tropische Meere, immer von Palmen gerahmt, damit niemand auf die Idee kommt, es könnte der Genfer See sein.

Sonnenuntergänge in der Literatur

Lange vor den ersten Filmen waren romantische Sonnenuntergänge bereits zu visuellen und literarischen Klischees geworden. Das schrie nach einer satirischen Gegenreaktion. Und so ließ der bissige englische Autor Evelyn Waugh denn seine malerische Beschreibung eines Sonnenuntergangs hinter dem Ätna mit den Worten enden: "Weder in der Natur noch in der Kunst habe ich je etwas so Widerliches gesehen."

Lang zuvor waren Sonnenuntergänge in der Literatur zum bevorzugten Hintergrund für Liebesszenen geworden, bevorzugt solche am Meeresstrand. Der Humorist P.G. Wodehouse ließ einen seiner unverhohlen prosaisch denkenden jungen Männer seine Chancen auf Heirat mit einer romantischen jungen Dame folgendermaßen verpatzen: Auf ihre Frage, wie ihm der farbenprächtige Sonnenuntergang gefalle, den beide gerade sahen, meinte der junge Mann, er erinnere ihn an eine Tranche perfekt blutig gebratenen Roastbeefs.

Wir können verfolgen, wie Sonnenuntergänge im populären Bildervorrat immer wichtiger wurden; warum sie dies jedoch taten und was sie bedeuten könnten, ist etwas schwieriger zu erklären. Man müsste sie entschlüsseln, ähnlich wie Roland Barthes dies in seinen "Mythen des Alltags" tat. Nun bin ich kein Semiotiker und beschränke mich deshalb auf ein paar Gedankengänge. So lässt sich wohl mit Fug sagen: Je weiter wir uns durch unseren immer urbaneren Lebensstil von der Natur entfernen, desto größer wird unser - sentimental angehauchtes - Interesse an Naturphänomenen, die für unsere Vorfahren etwas Alltägliches waren.

In den heutigen Städten und Großstädten haben die wenigsten Leute einen freien Blick auf Sonnenaufgänge oder Sonnenuntergänge, ebensowenig wie sie nachts der künstlichen Beleuchtung wegen die Sterne sehen können. Für nächtliche Spaziergänge sind wir nicht mehr auf Mondlicht angewiesen; allenthalben regieren Uhren unsere Arbeitszeit, und geweckt werden wir von elektronischen Hahnenschreien. Wenn wir schon keine Sonnenuntergänge beobachten können, können wir immerhin Bilder davon sammeln: Der unnatürlichen Abschottung durch unsere Städte zum Trotz erinnern sie uns daran, dass wir nicht mehr als sterbliche Durchreisende auf einem Planeten sind, der sich majestätisch um eine Sonne dreht, die jeden Tag gratis Schauspiele von atemberaubender Schönheit bietet.

Tödliche Bedeutung von Sonnenauf- und -untergängen

Wobei "sterblich" das entscheidende Wort ist. Es gibt in der Ikonografie der Sonnenuntergänge einen Strang, der mit dem Tod zu tun hat. Dies mag banal klingen und war für die Maler des 19. Jahrhunderts etwas Offensichtliches; es geht aber leicht unter in der jährlichen Flut von Urlaubsfotos und Postkarten. Ich bin aufgewachsen mit dem Ausdruck "going west" für "sterben", der im Ersten Weltkrieg ein bei englischen und amerikanischen Soldaten verbreiteter Euphemismus war. In seinem glänzenden Buch "The Great War and Modern Memory" von 1975 weist der amerikanische Gelehrte Paul Fussell darauf hin, dass Sonnenauf- und -untergänge von tödlicher Bedeutung sein konnten für Soldaten in der statischen Hölle des Grabenkriegs: Wenn sie in den Gräben steckten, gab es wenig anderes anzuschauen als den Himmel.

Im Morgengrauen und der Abenddämmerung aber kam das Ritual des Postenbeziehens: Dann blickte man über das Niemandsland zum Feind hinüber, als überlegte man, was zu tun wäre, wenn dieser angriffe. Da herrschte beiderseits erhöhte Anspannung. Im Morgengrauen waren die Briten im Vorteil: Dann hoben sich gegen die aufgehende Sonne die Silhouetten deutscher Patrouillen ab, die verspätet zu ihren Gräben zurückkehrten. Am Abend war es umgekehrt: Dann wurde ein unvorsichtiger Alliierter im Licht der untergehenden Sonne leicht zu einem Kandidaten für eine Reise westwärts.



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