Billig-Reisen im Internet Die Tricks der Schnäppchen-Könige

Für acht Euro nach Paris, für 60 Euro nach Barcelona: Auf Online-Portalen wie Urlaubspiraten.de oder Urlaubsguru.de vermitteln Schnäppchen-Experten Reisen zu teils unglaublichen Preisen. Enttäuschungen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Von Stephan Orth

DPA

Ende Juni reiste Oliver O. in die Karibik, sieben Tage Trinidad und Tobago inklusive Flug, Hotelübernachtung und Frühstück. Kostenpunkt: 620 Euro. Am Wochenende geht es für zwei Nächte nach Barcelona, mit seiner Freundin, inklusive Flug zahlen sie zusammen 120 Euro. "Ich freue mich gerade auf 23 Grad", sagt der 29-Jährige. Und er freut sich auf Anfang Februar. Dann haben sie New York gebucht, gerade mal 370 Euro kostet der Hin- und Rückflug pro Person.

Der Informatiker ist Stammgast auf dem Reiseportal Urlaubsguru.de, täglich scannt er über Facebook und per App die neuesten Schnäppchen-Angebote. "Vor zehn Jahren habe ich aufgehört, ins Reisebüro zu gehen", sagt er. Hauptsächlich aus Bequemlichkeit: Es sei einfach entspannter, immer mal wieder nebenher das Angebot zu scannen.

So wie Oliver O. stöbern Hunderttausende täglich nach günstigen Reisen. Weihnachten 2012 feierte Urlaubsguru.de die Schnapszahl von 3333 "Likes" bei Facebook, jetzt sind es mehr als 420.000. Die Seite Urlaubspiraten.de lag Mitte 2012 bei 10.000 "Likes", heute sind es mehr als 500.000. Der am längsten etablierte Anbieter Travelzoo, der schon seit 2006 auf dem deutschen Markt aktiv ist, kommt sogar auf 1,4 Millionen Facebook-Freunde.

Zum Vergleich: Das Reisebuchungsportal Expedia hat weniger als 50.000 "Likes", Opodo um die 22.000. Weitere Schnäppchensucher wie Travelcloud oder Exbir und Dutzende mehr liefern sich längst eine Art Wettbewerb darum, wer am schnellsten die besten Angebote ins Netz stellt.

Wer flexibel ist, spart

"Das ist ein sehr virales Thema", sagt Igor Simonow, 28, einer der beiden Macher von Urlaubspiraten.de. Sie geben viel Geld bei Facebook aus, um ihre Mitteilungen zu "boosten", also besser sichtbar zu machen. Dann hoffen sie auf Schneeball-Effekte: "Die Leute träumen halt, vielleicht finden sie auch einfach das Bild eines Postings gut, oder sie können den Preis nicht glauben - also verbreiten sie es weiter." Zielgruppe sind vor allem Studenten und Freiberufler, sparsame Menschen, die viel online sind und ihre Urlaubszeit flexibel wählen können.

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Sein größter Coup bisher war diese Alitalia-Geschichte. Auf der japanischen Seite der Fluglinie entdeckte er 240-Euro-Gutscheine, die als Promotion für Langstreckenflüge aus Japan gedacht waren. Doch als er merkte, dass man die Sparcodes auch für Flüge innerhalb Europas nutzen konnte, empfahl er das seinen Lesern. Die buchten dann beispielsweise Gratisflüge von Frankfurt nach Rom oder New-York-Reisen für 33 Euro, Hunderte stürzten sich auf das Angebot.

Allerdings erkannte die Fluggesellschaft nach viel rechtlichem Hin und Her die Null-Euro-Flüge nicht an. Alle Kunden jedoch, die mindestens einen Cent zusätzlich zum Gutschein bezahlt hatten, durften das Angebot wahrnehmen. "Da hat mir Alitalia sogar ein bisschen leidgetan", sagt Simonow.

Solche "Error Fares", also Billigangebote, die durch einen Fehler des Anbieters möglich wurden, sind so etwas wie die Hauptgewinne für Schnäppchensucher. Auch wenn immer eine Restunsicherheit besteht, ob die Buchungen tatsächlich akzeptiert werden. Aber so läuft das Spielchen, das wissen auch die Kunden, man kann es ja mal probieren. Ein anderes Ärgernis ist, dass immer wieder Buchungsseiten wegen der plötzlichen Explosion der Zugriffe zusammenbrechen. So geschehen, als Flixbus Ein-Euro-Tickets für Deutschland-Städtereisen anbot, oder als beim Bahnunternehmen Thalys Reisen nach Paris für acht Euro reserviert werden konnten.

Die Hoffnung auf solche Deals führt dazu, dass sich unzählige Fans freiwillig ihre Facebook-Seiten mit Einträgen überfluten lassen, die mit "Das ist gerade extrem billig", "Karibik-Kracher!" oder "Unglaublich günstig" überschrieben sind. Klingt wie Spam, aber dank der Suchwut und Expertise der Portalbetreiber ist häufig tatsächlich was Interessantes dabei. Solange man nicht erwartet, als Hotelgutschein-Einlöser automatisch wie ein König behandelt zu werden oder bei einem Drei-Sterne-Hotel in der Karibik auf elitären Luxus hofft, versteht sich.

Dankespost mit Urlaubsfotos

Die Portalbetreiber durchforsten kleine Insider-Reiseportale und die Echtzeit-Reisebürosoftware Traveltainment. Sie stöbern Gabelflüge auf, die manchmal erheblich günstiger sind als Reisen von A nach B nach A. Und sie scannen ausländische Webseiten wie arke.nl, wo oft günstige USA- und Karibik-Pauschalreisen angepriesen werden.

Manchmal kriegen sie sogar Dankespost oder Urlaubsfotos von Usern, "das baut einen schon auf", sagt Wirtschaftswissenschaftler Simonow, der früher für sich selbst akribisch nach günstigen Reisen suchte und nun sein Hobby zum Beruf gemacht hat.

Viele Facebook-Fans machen vielleicht glücklich, aber nicht zwangsweise reich. Schnäppchen-Portale verdienen mit Provisionen, die Margen im Reisebereich sind jedoch gering. "Im einstelligen Prozentbereich" liegt der Verdienst, wenn ein Kunde bucht, sagt Daniel Krahn von Urlaubsguru.de. Nicht jede Reise bringt etwas ein: Billigflieger wie Ryanair oder Wizz Air etwa, die man bei einer konsequenten Schnäppchenreise-Suche kaum ignorieren kann, bringen dem Vermittler keinen Cent.

Sind die Online-Billigheimer besser informiert als Reisebüros? Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband, der unter anderem die Reisebüros vertritt, hat da Zweifel: "Sie kriegen alle diese Angebote zu identischen Preisen auch woanders", sagt er. "Und in Reisebüros haben Sie kostenlos die Beratung dabei - zum Beispiel wenn Sie wissen wollen, ob ein Hotel auch für das Kind geeignet ist. Oder wenn Sie nicht im Blick haben, dass Karibik-Reisen im September und Oktober nur deshalb so billig sind, weil dort Hurrikan-Saison ist."

Guru-Fans als Zimmernachbarn

Wenn es um kompetente Belege geht, warum ein Angebot empfohlen wird, hat unter den Online-Schnäppchenjägern wohl Travelzoo die größte Ähnlichkeit mit einem Reisebüro. In drei deutschen Städten arbeiten inzwischen 45 Mitarbeiter, die den Markt genau beobachten und häufig selbst nachverhandeln, um die Preise noch ein wenig zu drücken. Jeden Mittwoch verschicken sie an 1,5 Millionen Abonnenten einen Newsletter mit ihren "Top 20"- Schnäppchen. "Bevor es ein Angebot in unsere Newsletter schafft, wird es geprüft, mit der Konkurrenz verglichen und auf einschlägigen Portalen auf die Zufriedenheit bisheriger Gäste überprüft", verspricht Geschäftsführer Christian Smart.

Auch bei Urlaubspiraten, Urlaubsguru, Exbir und Travelcloud werden bei Hotels immer auf die User-Bewertungen von Holidaycheck oder TripAdvisor verlinkt, um ein realistisches Bild zu vermitteln und zu zeigen, dass es nicht immer Top-Unterkünfte sind.

"Man muss schon wissen, was man will, und man muss genau lesen", sagt Kunde Oliver O. Und man muss längst damit rechnen, nicht der einzige Schnäppchenjäger vor Ort zu sein. In Trinidad und Tobago habe sich herausgestellt, dass die Zimmernachbarn ebenfalls über Urlaubsguru.de gebucht hatten und ständig online nach Angeboten suchten. "Wir schreiben uns bis heute und tauschen Reisetipps aus", sagt er.

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
rechtsbelehrung 08.11.2013
1. eklig
Irgendwie auch ein bißchen eklig dieses Geschacher. Ohne Geld geht's vielleicht besser in den Harz ...
loox 08.11.2013
2. Für Leute mit viel Freizeit und Geld
Diese Portale lassen einen echt schon staunen was den preislich möglich ist beim Reisen. Ich schaue auch immer wieder mal bei Urlaubspiraten nach, aber bisher habe ich höchstens mal einen 20€ Lufthansa-Gutschein von der Seite nutzen können. Die Pauschalreisen wie "8 Tage Mexico incl. Flug & Hotel" für 400 €" sind meist so kurzfristig und werden nur an EINEM Flughafen zu EINEM termin in 5 Tagen angeboten, dass es für einen Angestellten, der jetzt schon den Urlaubsplan für 2014 vorlegen muss, unmöglich ist, davon zu profitieren. Selbst wenn man Last Minute bucht, muss genau dann das passende Angebot dabei sein. Außerdem ist es seh riskant zu reisen, wenn man Gutscheine nutzt, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Da steht man dann in Mexico und das Hotel lässt einen nicht rein, weil der Gutschein ungültig ist.
airbuspilot 08.11.2013
3. Ich war für 63€ in Tokyo und gratis in Antalya und Budapest dank Exbir
Ich war dank Exbir für 63€ für Hin- und Rückflug in Tokyo und 3 Tage gratis in Budapest in einem sehr guten Hotelboot (3* aber ich brauche keine Luxus) und in Antalya. Die Unterkünfte sind die Selben wie aus Reisebürokatalogen. Aso von TUI, Neckermann und Co geprüft. Und für alle ohne Luxusansprüche gut geeignet. In dem Artikel fehlt Travel-Dealz. Neben Exbir die beste Seite. Urlaubsguru und Urlaubspirat schreiben fast nur ab. Den 240€ Alitalia-Gutschein hatte das Portal Fly4free entdeckt. Ich hatte längst gebucht bevor es beim Piraten auftauchte. Neben Travel-Deals und Exbir bedient sich der Datenpirat bei den ebenfalls guten polnischen Portalen. Ein Riesen-Problem: Aufgrund der gekauften Reichweite durch Facebookwerbung sind viele Deals schnell kaputt sobald Sie der Urlaubspirat abgeschrieben hat: Denn dann gibt es massiv Klicks &Buchungen und die Airlines merken das etwas faul ist und stornieren. :-( Error-Fares die nicht bei ihm standen wie 63€ nach Tokyo, die 65€ nach Dubai etc. konnten problemlos abgeflogen werden.
Alfred Ahrens 08.11.2013
4. Alles gut, solange man nicht Turkish Airlines fliegen muss,
ein Freund von mir sitzt in Westafrika seit 6 Tagen ohne Koffer in einem der ärmsten Länder der Welt weil Turkish Airlines seinen Koffer nicht von Berlin über Istanbul nach Nouakchott geschafft hat. Es ist eben ein Unterschied, ob man grosse Werbung macht und billig ist oder Leistung bringt,
hasimen 08.11.2013
5. No likes ...
Zitat von rechtsbelehrungIrgendwie auch ein bißchen eklig dieses Geschacher. Ohne Geld geht's vielleicht besser in den Harz ...
Ich kann nun wirklich nicht nachvollziehen warum die sg. "LIKES" als Messfaktor oder Angabe eines Erfolges dienen sollen. Zum Glück gibt es auch Reisende die ihren Intellekt nicht auf dem Fratzenbuch verbrannt haben. Reisen bildet - Facebook nicht !
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