USA Luxushotel mit eigener Unterwelt

Eines der früher am besten gehüteten Geheimnisse der Vereinigten Staaten von Amerika liegt in einem Wald in West Virginia - unter einem Luxushotel. Auf dem Gelände des Greenbrier befindet sich ein Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges mit Platz für 1100 US-Politiker.


Luxushotel Greenbrier: Schöne Fassade, ernste Nebenaufgabe
GMS

Luxushotel Greenbrier: Schöne Fassade, ernste Nebenaufgabe

White Sulphur Springs - Umso größer war die Sensation, als die Tageszeitung "Washington Post" 1992 die Bombe platzen ließ: Auf dem Gelände des Luxushotels Greenbrier, das selbst Präsidenten in seinem Gästebuch führt, befinde sich ein Bunker von gewaltigem Ausmaß. Im Kriegsfall, so hieß es, würden sämtliche Mitglieder des Kongresses in den Bunker verfrachtet und darin leben und arbeiten. Tags darauf erklärte die US-Regierung die Anlage für aufgelöst - heute steht sie Touristen für Besichtigungen offen.

"Nur eine Hand voll Menschen wusste von der Existenz des Bunkers", sagt Bob Conte, Historiker des Greenbrier, das im Südosten West Virginias etwa viereinhalb Autostunden von Washington entfernt liegt. "Natürlich gab es immer wieder Gerüchte, aber bestätigt wurden sie von niemandem." Das war aus Sicht der Strategen zur Zeit des Kalten Krieges auch dringend geboten. Schließlich sollte die Anlage im Ernstfall - also einem Krieg gegen die Sowjetunion - die neben der Regierung hochrangigsten Politiker der USA beherbergen. Dieser Ernstfall war im Jahr der Fertigstellung des Bunkers, 1962, in Form der Kuba-Krise greifbar nahe.

Danger - High Voltage: Hinter dieser unscheinbaren Blechtür verbirgt sich das 25 Tonnen schwere Portal zum Bunker
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Danger - High Voltage: Hinter dieser unscheinbaren Blechtür verbirgt sich das 25 Tonnen schwere Portal zum Bunker

Was nötig ist, um Spitzenpolitikern der Supermacht USA - rund 1100 Menschen - unter dem Erdboden West Virginias reibungsloses Arbeiten zu ermöglichen, können Besucher bei geführten Touren nachvollziehen. Durch ein 25 Tonnen schweres Portal geht es hinein in den Bunker und zunächst vorbei an gestapelten Kartons voller Lebensmittel. Als die Anlage noch "top secret" war, reichten die Vorräte grundsätzlich für 60 Tage aus. Nach Ablauf der Verfallsdaten wurden die Kartons von den Eingeweihten jeweils in Nacht-und-Nebel-Aktionen ausgetauscht.

Die Flagge stets im Blick

Ein Kraftwerk mit mächtigen Rohren und Schaltanlagen hätte 40 Tage lang Energie produzieren können, ehe Rohstoff-Nachschub gebraucht worden wäre. Getagt hätten die Politiker in der 440 Sitze fassenden Governor's Hall oder im kleineren Mountaineer Room - die Flagge der USA stets im Blick. Für Pressekonferenzen stand ein Raum mit einer riesigen Weltkarte und einem ebenso großen Foto des Kapitols an den Wänden zur Verfügung. Vor letzterem hätten Interviewte posiert - "um den Menschen draußen einen Hauch Normalität zu vermitteln", so Conte.

Governor's Hall: Für die Zusammenkünfte der Politiker unter Kriegsbedingungen waren im Bunker mehrere Versammlungsräume eingerichtet worden
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Governor's Hall: Für die Zusammenkünfte der Politiker unter Kriegsbedingungen waren im Bunker mehrere Versammlungsräume eingerichtet worden

Wie weit die Politiker im Bunker trotzdem von jeder Normalität entfernt gewesen wären, wird beim Gang durch die Schlafräume deutlich: Dicht an dicht stehen dort im fahlen Schein von Neonröhren metallene Stockbetten - kaum breit genug, um sich darin umzudrehen. Angenehmer wirkt der Speisesaal mit tiefroten Wänden, einem Boden in Schachbrettoptik und Topfpflanzen. "Der Raum wurde allerdings erst vor kurzem neu gestaltet", macht Conte jegliche Mutmaßungen zunichte, wonach die Politiker es sich hier nach Feierabend ein bisschen gemütlich hätten machen können.

Dabei wären sie nur ein paar Meter von einer Hotelanlage entfernt gewesen, die jeden Luxus bietet: Drei 18-Loch-Golfplätze, Tennis-Plätze drinnen und draußen, Reitpferde und ein riesiges Spa, das von den Sulphur Springs gespeist wird - der Mineralquelle, die zur Gründung des Hotels führte. Schon vor dem Sensations-Artikel der "Washington Post" hielten sich gelegentlich Gäste des Greenbrier im Bunker auf: Eine frei zugängliche Ausstellungshalle liegt innerhalb der dicken Mauern der Anlage - was die Konstrukteure freilich bestens verschleiert hatten.

Von Alexander Lueck, gms



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