Massentourismus Wie Europas Städte gegen Überfüllung kämpfen

Venedig, Barcelona, Dubrovnik - tolle Städte eint ein Problem: In ihren Gassen drängen sich zu viele Touristen. Was tun?

Markusplatz in Venedig
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Markusplatz in Venedig


Ob auf dem Markusplatz in Venedig, der Promenade "La Rambla" in Barcelona oder in der Altstadt von Dubrovnik - wo es schön ist, stehen sich die Touristen in der Hochsaison gegenseitig auf den Füßen. Das nervt nicht nur die Reisenden, der ausufernde Massentourismus erzürnt auch die Einheimischen. Durch Ferienwohnungen für Touristen geht Wohnraum verloren, die Mieten stiegen, hinzu kommen der Lärm und der Müll, den Urlauber produzieren. "Die Einwohner haben das Gefühl, dass ihnen die Stadt nicht mehr gehört", sagt Frans van der Avert, Chef von Amsterdam Marketing.

"Overtourism"- das Phänomen ist ein viel diskutiertes Thema auf der Touristikmesse ITB in Berlin. Der Reisebranche bereitet es Kopfschmerzen, wenn Urlauber als Plage betrachtet werden. "Schließlich schafft Tourismus Arbeitsplätze und Wohlstand und bekämpft die Armut - aber er sollte für jeden ein Vorteil sein", sagt Gloria Guevara, Präsidentin des Welttourismusverbandes WTTC. "Wir sind gefragt, an Lösungen zu arbeiten und nicht als Branche Opfer unseres eigenen Erfolges zu werden", mahnt auch der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Frenzel.

Einzelne Ursachen gibt es nicht

Das Problem ist vielschichtig. Da ist der Boom der Billigflieger, die zunehmende Beliebtheit von Kreuzfahrten, deren Passagiere Ziele wie Dubrovnik oder Venedig fast überrennen. Hinzu kommen Angebote wie Airbnb und andere Vermittler privater Unterkünfte. Eine einzelne Ursache für den Overtourism gibt es nicht.

Was also tun? Mit dem Beratungsunternehmen McKinsey arbeitet der WTTC an einer Strategie gegen Überfüllung, die in sechs Städten erprobt werden soll. Einige Orte setzen Smartphone-Apps und Car-Sharing-Angebote ein, um zu entzerren. Denn nicht nur die Anwohner beschweren sich. Auch neun Prozent der Touristen gaben in einer Umfrage der Beratung IPK an, Überfüllung habe im vergangenen Jahr ihre Urlaubsfreude getrübt. Spanien war davon besonders betroffen, weil nach Anschlägen und politischen Unruhen viele Reisende die Türkei oder Ägypten mieden und sich im vergangenen Jahr am westlichen Mittelmeer ballten.

Das Umland attraktiv machen

Barcelona arbeitet deshalb mit seiner Regionalvertretung an einem Marketingplan, um Touristen auch für das Umland zu begeistern. Auch New York City hat eine Kampagne gestartet, damit Urlauber sich nicht mehr so dicht in Manhattan oder an der Freiheitsstatue drängen. Sonderangebote zu Restaurant- oder Broadway-Wochen sollen Lust machen, schon im Januar oder Februar anzureisen.

Mit dem Problem zu vieler Menschen auf zu engem Raum schlägt sich auch Mato Frankovic herum, der Bürgermeister von Dubrovnik. In der malerischen Altstadt an der kroatischen Adriaküste ist im Sommer kein Durchkommen mehr, wenn Tausende aus gleich mehreren Kreuzfahrtschiffen strömen. Das Stadtoberhaupt ergriff die Initiative und handelte mit dem Kreuzfahrtverband aus, dass Schiffe ihre Anlegezeiten besser abstimmen. Auch moderne Technik soll helfen: Ende des Jahres will Dubrovnik eine App anbieten, die anzeigt, wenn die Altstadt zu voll ist und den Weg zu anderen Sehenswürdigkeiten außerhalb der Stadtmauern weist.

Die Preisschraube als Mittel gegen Overtourism

Andere Maßnahmen gegen den Overtourism sind auch gesetzliche Beschränkungen für neue Hotels oder die Vermietung von Unterkünften. In Amsterdam etwa dürfen Wohnungen von 2019 an nur noch maximal 30 Tage im Jahr an Touristen vermietet werden. Im Stadtzentrum werden außerdem keine neuen Hotels gebaut.

Radikaler ist der Weg, an der Preisschraube zu drehen. Auf Mallorca müssen Urlauber seit 2016 eine Touristenabgabe zahlen. Trotzdem reisten 2017 rund 4,5 Millionen Deutsche auf die Baleareninsel - 6,1 Prozent mehr als 2016. Die Hotels, Sehenswürdigkeiten und Eintrittsgelder massiv zu verteuern, widerspreche außerdem der Demokratisierung des Reisens, sagte Tourismusforscher Prof. Jürgen Schmude auf der ITB.

Fest steht: Ein Patentrezept für jede betroffene Stadt oder Region gibt es nicht. "Wir fischen ein bisschen im Trüben und wissen noch nicht so wirklich, was wir machen sollen", räumte Schmude ein. Relativ einig ist man sich aber darin, dass eine clevere Lenkung der Besucher und Alternativen zu touristischen Hotspots besser sind als Verbote.

Einfach wird das alles nicht. Denn die Asiaten - das ist auch eine Kernbotschaft der ITB 2018 - fangen mit dem Reisen weltweit gerade erst so richtig an. Der nächste Besucherrekord kommt bestimmt.

leh/Reuters/dpa



insgesamt 53 Beiträge
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didel-m 09.03.2018
1. Schmeißt die doch auch noch raus, nach den Autos nun die Touris
Dann habt ihr in euren Supersauber-Städten Verkehr wie 19anoo dutt und gaaanz viel Ruhe. Leider aber auch bittere Armut, wie anno dutt. Kann mal jemand den Reset-Knopf drücken, das wird ja alles immer blöder.
Balthasar1 09.03.2018
2. Alle ein bißchen bescheuert
Nein. Keine Übertreibung. Menschen, die in Schiffe und in Busse gepfercht werden, um wie Vieh im Schnellmarsch durch herrliche Städte getrieben werden - das ist, Entschuldigung - bescheuert. Städte, die ihre Bewohner diesem Viehtrieb aussetzen, sind auch bescheuert. Dabei gibt es, zum Nutzen (na ja fast) aller so herrliche Gegenden im Hinterland. Aber: Es gibt auch so viele herrliche Ecken in Deutschland.
zeisig 09.03.2018
3. Reisen ist zu billig.
Zuallererst müßten die Flugpreise angemessen und somit auch gerne teuerer werden. Heutztage fliegt doch Hinz und Kunz für ein Taschengeld durch Europa.
querulant_99 09.03.2018
4. SPON übertreibt maßlos...
Wer schon auf Las Ramplas in Barcelona Platzangst bekommt, den rate dringend davon ab, die Altstadt von Jerusalem zu besuchen. Dort benötigt man keinen Stadtplan, denn man wird von den Mitbesuchern in die einzig mögliche Richtung geschoben bis man schließlich die Klagemauer erreicht. Dort kann man dann sein Leid über die vielen Touristen beklagen...
Sibylle1969 09.03.2018
5. New York im Januar
Ich war neulich im Januar in New York, weil ich eine Geschäftsreise in die USA genutzt habe, um ein Wochenende in NYC dranzuhängen. Es war aber arschkalt, -9 Grad und ein eisiger Wind. Da macht Sightseeing nur begrenzt Spaß, ich war auch vor allem in Museen. Januar in New York ist zurecht absolute Nebensaison.
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