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Streik am Frankfurter Flughafen: "Mit 1600 netto und zwei Kindern fliegen Sie nicht in Urlaub"

Von , Frankfurt am Main

Streik am Flughafen: "Mit dem Gehalt fliegen Sie nicht in Urlaub" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Am Frankfurter Flughafen geht nichts mehr - Schlangen gibt es nur an den Umbuchungsschaltern. Die Ver.di-Streikenden treffen sich an Tor 3 und schreien: "Wir wollen mehr Geld!" Es ist erst ein Warnstreik, aber die Gewerkschafter drohen mit mehr.

Die endlosen Gänge des Frankfurter Flughafens sehen aus, als hätte man sie geräumt. Rund 550 Flüge wurden schon im Vorfeld des angekündigten bundesweiten Warnstreiks im Öffentlichen Dienst gestrichen, der am Donnerstagmorgen die deutschen Flughäfen teilweise lahmlegte. Das sind rund 40 Prozent der täglichen Flugbewegungen hier.

Und auch mit dem Ende des Warnstreiks am Nachmittag werde nicht gleich alles wieder normal laufen, sagt eine der "Service Guides", die die Betreibergesellschaft Fraport und die hauptsächlich betroffene Lufthansa überall im Terminal-1-Gebäude verteilt hat. "Dann wird es hektisch."

Von Hektik ist nichts zu spüren. Die meisten Passagiere sind erst gar nicht aufgelaufen. Warteschlangen gib es allein vor den Ticket-Umbuchungsschaltern der Lufthansa. Nach Riga habe sie gewollt, sagt eine Frau, die sich nicht fotografieren lassen will, weil sie weint. "Jetzt weiß ich nicht, was passiert. Niemand hat uns etwas gesagt. Es ist verrückt, alles verrückt."

Sehr breit lacht hingegen eine Chinesin mittleren Alters, die an der Information nach einer W-Lan-Anbindung fragt. "Die ist heute kostenfrei", sagt die Dame am Info-Stand, "weil wir einen Streik haben."

"Oh, gut!", sagt die Chinesin. "Wirklich? Vielen, vielen Dank!"

"Wenigstens eine, die sich drüber freut", sagt die Info-Dame.

Stress gibt es aber auch keinen. Von den Streikenden ist weit und breit nichts zu sehen. "Die versammeln sich an Tor 3", sagt eine nicht streikende Flughafenangestellte.

Auf eigene Kosten im Streik

Von Einsatzkräften der Polizei gelangweilt beobachtet, stehen sie am Tor 3 vor einer Ver.di-Bühne. Es ist sieben Uhr, eine türkische Band spielt zum Tanz auf, unter Pfeifen, Trommeln und Johlen dreht sich im Zentrum der Streikenden ein Männerkreis schwingend und hüpfend zur Musik.

Der Lärm ist ohrenbetäubend. "Wir wollen mehr Geld! Wir wollen mehr Geld!", skandieren Gruppen junger Männer, die Fahnen schwenkend schnell zum Hintergrund jedes Interviews der TV-Sender werden.

"Ich kann Ihnen sagen, ich hab bereut, dass ich hier vor 19 Jahren angefangen habe!", brüllt Murat gegen den gellenden Lärm des Trillerpfeifenkonzerts an. Murat ist einer von rund 60 Flughafenangestellten, die an diesem Morgen in den Ausstand gegangen sind. "Auf eigene Kosten. Ich bin gar kein Gewerkschaftsmitglied."

Das gilt für nahezu ein Drittel der Versammelten, die um diese Zeit längst Massen von Gepäck abfertigen, Sicherheitskontrollen durchführen, das Räderwerk des Flughafens am Laufen halten müssten. Sie sind die Arbeitsbienen im Hintergrund, die man sonst nicht sieht. Sie tragen Wetterschutzkleidung und Signalwesten, in der Arbeit wie im Streik.

Jetzt streiken sie, weil sie 3,5 Prozent mehr Lohn wollen. "Das ist doch nicht viel, das ist doch nichts!", ruft Fabio, der am Monatsende mit knapp 2000 Euro netto nach Hause geht. Er gehört damit zu den Besserverdienenden, weil er aus der Belegschaft der Fraport kommt. Die Arbeiter der Subunternehmer müssen mit 1400 bis 1600 Euro rechnen, sagen sie. "Ich habe drei Kinder. Kommen Sie damit mal über die Runden!"

"Die Leute verstehen das"

Über die Frage nach Lohnerhöhungen können die Arbeiter nur lachen. "Weniger geworden ist das. Die haben die Arbeitszeiten hochgesetzt. Dann bieten sie uns neue Verträge an, die noch schlechter sind. Und dann der Schwachsinn mit den Kurzraster-Schichten."

Die sind ein Experiment, von dem man hofft, dass es sich positiv auf die Krankenstände auswirkt: Statt fünf Tage am Stück in Wechselschicht arbeiten die Männer nun weniger Tage am Stück. Unter dem Strich bleibe die Zahl der Arbeitstage gleich, nur der Takt der Arbeit und Freizeit verschiebe sich. Das Resultat: "Wenn ich früher zehn Tage Urlaub genommen habe, hatte ich 14 Tage frei. Heute sind es, wenn ich Pech habe, nur zwölf." Was ja auch schon ein positives Ergebnis sei, je nach Perspektive - die Männer fühlen sich "verarscht".

Der Frust der Arbeiter ist echt und fühlbar, der Gewerkschaft gibt er Rückenwind. "Das ist sicher so", sagt Gerold Schaub, Landesfachbereichsleiter bei Ver.di. "In einigen Betriebsteilen haben wir hier einen Organisationsgrad von 90 Prozent. In anderen", er zeigt hinüber zur Verwaltung und grinst, "ist es deutlich weniger."

Noch ist es am Donnerstag nur ein Warnstreik. Und auch beim Demonstrationszug, der gegen 9 Uhr durch das Ankunftsterminal zieht, berühren sich die Sphären von Streikenden und vom Streik Betroffenen nicht. Er habe bisher keine negativen Reaktionen auf die Streiks erlebt, sagt Ver.di-Mann Schaub, "die Leute verstehen das".

Von 14.30 Uhr an soll sich die Lage am Flughafen nach und nach normalisieren. "Aber wenn die sich nicht einigen, streiken wir natürlich wieder", sagt Schaub. Montag beginnen die Verhandlungen, der Gewerkschafter hofft, dass es schon "Dienstag oder Mittwoch" zu einer Einigung kommt.

Wenn die Arbeitsbienen wieder wirken, können die Urlaubsflieger wieder abheben. "Aber ich nicht", sagt ein junger Grieche, "1600 netto und zwei Kinder. Da fliegen Sie nicht in Urlaub."

Die wichtigsten Informationen für Reisende finden Sie hier.

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Lahmgelegt: Ver.di-Streik trifft Frankfurter Flughafen

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1. Kein Geld
DerRuferimWald 27.03.2014
Mit 1400 oder 1600 Euro macht man keine grossen Sprünge. Aber dafür arbeiten darf man schon 40 oder mehr Stunden die Woche. Dass das nicht gut bezahlt ist, ist eine Sache. Vielleicht sollte man auch einmal beachten, dass diese menschen um die 3000 Euro brutto verdienen und abgezockt werden. Sie bezahlen in eine Rentenkasse, aus der sie keine oder wenig Rente bekommen werden, bezahlen für eine Krankenversicherung, die die meisten Leistungen nicht bezahlt und sich schadlos hält und sie bezahlen für eine Arbeitslosenversicherung, die gerade einmal 12 Monate (in manchen Fällen 18 Monate) bezahlt, wenn man arbeitslos wird. Das ist die Krux in Deutschland - man arbeiten, gibt erst einmal 50% ohne gegenleistung ab und was übrig bleibt reicht kaum aus, um das Leben zu bezahlen (und wird ja auch noch weiter versteuert). Ja, sie sollen streiken und sie sollen genug Geld haben, das sie durch ehrliche Arbeit verdient haben. Mancher würde wohl besser mit H4 fahren. Aber man muss den Staat auch dazu bringen, ehrlich und hart arbeitende weiter und weiter abzuzocken und das Geld sinnlos in EU und Banken und Ausland zu stecken. Der Streik richtet sich gegen die falschen.
2. Inkonsequente politische Orientierung
maths1 27.03.2014
Diese Verdi-Jünger werde ich zu Lebzeiten wahrscheinlich nicht mehr verstehen. Einerseits wählen sie alle wie stur abgestimmte Roboter brav SPD und Linke, also die Parteien, die aus 3000 Euro netto im Handumdrehen 1600 netto machen, und beschweren sich dann über zu wenig Geld in der Tasche. Man sollte den Leuten wieder das volle Bruttogehalt auszahlen, und die Steuern und Abgaben vom Girokonto abbuchen, damit sie endlich sehen, dass ihr Problem kein zu geringes Brutto sondern zu viel zu hohe Abgaben und Steuern sind. Man kann also nicht alles haben: eine Vollservice-Agentur und linke Politiker, die Mitte und Maß verloren haben, und viel Geld auf dem Konto. Anstatt hier blöd rumzudemonstrieren und das Land lahnzulegen, sollten sie sich besser Gedanken über ihre inneren politischen Werte machen. Diese gierigen Raffgeier.
3. Was genau soll der Protest?
Pango 27.03.2014
So bitter ist der Nettolohn bis 2000 Euro jetzt nicht. Und wer jahrelang dafür arbeitet und dabei eine Familie gründet, der sollte wissen, was das heißt. Arbeiten beide Eltern für circa 1500 Netto, sollte in der Tat auch ein Urlaub kein Problem mehr sein. In jedem Fall sind da ein paar Prozent mehr nicht lebensverändernd ... Die Arbeitsbedingungen sind in der Tat verbesserungswürdig, wenn sie sich wie hier beschrieben verschlechtert haben.
4. Alles eine Geldfrage
kunibertus 27.03.2014
Wie Herr de Misere schon erklärt hat: Die Kassen sind nun mal leer - das Geld ist nun mal für die Diätenerhöhung der Abgeordneten benötigt worden, und da ist nichts mehr für die Arbeiter und Angestellten des Bundes und der Kommunen übrig geblieben.
5. Übertrieben
robin-masters 27.03.2014
Zitat von maths1Diese Verdi-Jünger werde ich zu Lebzeiten wahrscheinlich nicht mehr verstehen. Einerseits wählen sie alle wie stur abgestimmte Roboter brav SPD und Linke, also die Parteien, die aus 3000 Euro netto im Handumdrehen 1600 netto machen, und beschweren sich dann über zu wenig Geld in der Tasche. Man sollte den Leuten wieder das volle Bruttogehalt auszahlen, und die Steuern und Abgaben vom Girokonto abbuchen, damit sie endlich sehen, dass ihr Problem kein zu geringes Brutto sondern zu viel zu hohe Abgaben und Steuern sind. Man kann also nicht alles haben: eine Vollservice-Agentur und linke Politiker, die Mitte und Maß verloren haben, und viel Geld auf dem Konto. Anstatt hier blöd rumzudemonstrieren und das Land lahnzulegen, sollten sie sich besser Gedanken über ihre inneren politischen Werte machen. Diese gierigen Raffgeier.
Also ich bekomme mit 2600 Brutto ca. 1700 Netto in Steuer-Klasse 1. Ihre Darstellung ist also etwas übertrieben... aber trotzdem sind fast 1000€ abgaben bei einem mittleren Gehalt ziemlich viel. Ich möchte betonen das die Arbeitslosenversicherung dabei das gringste Problem ist. Eher die Renten-, Krankenversicherung + Lohnsteuer ist das Problem. Wobei ich ein gravierende Diskrepanz bei der Rente sehe. Wenn ich die nächsten 30 Jahre so weiter arbeiten würde, würde ich 900€ Rente bekommen und das wobei ich fast 300€ monatlich einzahlen muss.
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