Verärgerte ICE-Passagiere "Das nächste Mal nehmen wir den Mietwagen"

Die Bahnkunden sind erbost und verwirrt: Das Chaos im ICE-Verkehr wegen Achsenkontrollen setzt sich auch am Mittwoch fort. Am Morgen fielen am Frankfurter Hauptbahnhof bereits mehrere Verbindungen aus.


Köln - Ungeduldig tritt Oliver Jolmes von einem Bein auf das andere, guckt auf die Uhr und zückt sein Handy. Auf zehn Minuten wird es am Ende ankommen. Zehn Minuten, die der Kaufmann und sein Kollege haben, um vom Bahnsteig am Frankfurter Flughafen zum Check-in zu rennen. Der Flieger nach Hongkong wartet nicht ewig auf Kunden der Deutschen Bahn. Es wird ganz eng. "Das nächste Mal nehmen wir wieder den Mietwagen", schnaubt der 41-Jährige. So wie Jolmes haben viele Reisende gedacht, die am Dienstag im Kölner Hauptbahnhof auf den ICE nach München warteten.

Die außerplanmäßigen Kontrollen an den Achsen der Schnellzüge haben den Fahrplan durcheinandergewirbelt. Und das Chaos im ICE-Verkehr setzt sich auch am Mittwoch fort: Bereits am Morgen fielen am Frankfurter Hauptbahnhof mehrere Verbindungen aus oder wurden nur teilweise bedient. Besonders betroffen sind die Strecken vom Ruhrgebiet über Köln und Frankfurt bis nach München oder Basel sowie von Frankfurt nach Dresden. Dort sind die ICE sind nur mit halber Länge und halbem Platzangebot unterwegs oder werden ersetzt.

Am Dienstag waren die Fahrgäste verwirrt, viele fühlten sich schlecht informiert. Walter Klein, 73, und seine Frau Sigrid, 72, wollten die Enkel in München besuchen. Dass es Probleme geben könnte, haben sie aus der Zeitung erfahren. Als sie einen Schaffner fragen, ob ihre Reservierungen noch gültig sind, bekamen sie die Antwort "Warum nicht?". Dann erfahren sie von einem Mitreisenden, dass ihr Zug nicht bis München durchfährt und sie auf einen IC umsteigen müssen. Und da werden für das ältere Ehepaar wohl keine Plätze reserviert sein.

Die meisten Bahnkunden haben sich vor der Fahrt informiert - an Hotlines, am Schalter oder im Internet. Doch sie bekommen teilweise widersprüchliche Auskünfte. "Das absolute Chaos", schimpfte Werner Jung. Einmal im Monat muss er geschäftlich nach Stuttgart. "Es wird immer schlimmer mit der Bahn", platzte es aus dem 45-jährigen Systemberater heraus. Kritik kommt auch von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie bemängelt, dass nicht ausreichend für Ersatzzüge gesorgt werde.

"Bahn für alle": Schleppende Aufklärung

Immerhin können betroffene Bahnfahrer mit Entschädigungen rechnen: Die Bahn werde ihren Kunden die Reservierungsgebühren erstatten, wenn sie ihren bestellten Sitzplatz nicht bekämen, versicherte ein Bahn-Sprecher. Verkehrten auf den Bahnstrecken anstatt der gebuchten ICE-Züge nur ältere Ersatzzüge vom Typ Intercity, bekämen Bahnfahrer zudem die Preisdifferenz für Tickets zwischen den beiden Zugklassen erstattet. Mit Beeinträchtigungen sei voraussichtlich noch bis zum Wochenende zu rechnen.

Das Aktionsbündnis "Bahn für alle" beanstandete am Dienstag die schleppende Aufklärung der Kölner ICE-Entgleisung vom 9. Juli. Alles spreche für einen Ermüdungsbruch der Achse, sagte dessen Verkehrsexperte Winfried Wolf dem Sender n-tv. Die Bahn und die zuständige Bundesanstalt für Materialprüfung seien aber in den drei Monaten seit der Entgleisung nicht in der Lage gewesen, "ein entsprechendes Gutachten herbeizuschaffen". Man habe alles tun wollen, um zu verhindern, dass in der Zeit des inzwischen verschobenen Bahn-Börsengangs "negative Nachrichten in die Medien dringen".

Dem Bündnis gehören unter anderem verschiedene Umweltverbände, Gewerkschaften und politische Jugendorganisationen an. Es setzt sich mit örtlichen und bundesweiten Aktionen vor allem gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn AG ein. Der Verband der Bahnindustrie (VDB) verteidigt dagegen die Deutsche Bahn. Zertifizierte Prüfverfahren seien dazu da, Mängel rechtzeitig festzustellen und zu beheben. "Und genau das passiert", sagte VDB-Hauptgeschäftsführer Ronald Pörner in Berlin.

Pro Zug 16 Stunden Kontrolle

Hochbetrieb herrscht unterdessen in den ICE-Werken in München, Dortmund, Frankfurt und Berlin. Rund um die Uhr arbeiten dort seit Tagen die Techniker im Drei-Schichten-Betrieb. Per Ultraschall werden die Achsen der Hochgeschwindigkeitszüge untersucht, weil vor kurzem wieder ein millimetertiefer Riss in einer ICE-Radsatzwelle gefunden worden ist.

"Das läuft so ähnlich wie bei einer Röntgenuntersuchung beim Arzt", berichtet ein Bahner. Unter spezieller Beobachtung stehen Radsatzwellen aus einer bestimmten Stahlsorte. Sie werden mit einer Genauigkeit von bis zu zwei Millimetern auf Risse untersucht. Dazu fahren die Techniker das Ultraschallgerät auf einer verschiebbaren Bühne an jede Achse heran. Auf Monitoren wird das Echo dann genau verfolgt. Aus den gemessenen Daten lassen sich kleinste Unregelmäßigkeiten ablesen.

Pro Schicht und Anlage können sechs Achsen geprüft werden. Jeder ICE-3 hat 32 Achsen, aber nicht alle müssen extra kontrolliert werden. Deshalb müsse bei den Sonderkontrollen bis Ende dieser Woche jeder Zug im Durchschnitt etwa 16 Stunden aus dem Betrieb genommen werden, dadurch ergeben sich die Ausfälle im Streckennetz.

Im Kölner Hauptbahnhof scheint Susanne Diester eine der wenigen zu sein, die noch gute Laune haben. Mit ihrem Mann und den drei Kindern war sie in der Domstadt, um die Oma besuchen. Auf der Hinfahrt war der ICE nur einteilig unterwegs, da durften sie in die Erste Klasse aufrücken. "Das war natürlich klasse", sagt die 32-Jährige lachend.

Steffen Berner und Bernd Röder, dpa/AP/AFP



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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