Modernisierung Verkehrsministerium baut 108 winzige Bahnhöfe barrierefrei um

Hadamar, Bramow, Sondershausen - täglich benutzen nur wenige Hundert Passagiere diese Bahnhöfe. Trotzdem will Bundesverkehrsminister Dobrindt verstärkt an solchen kleinen Stationen für Barrierefreiheit sorgen.

Deutsche Bahn AG

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In der Nähe des Sondershausener Bahnhofs liegen Behindertenwerkstätten und Seniorenheime - doch der Bahnsteig in dem thüringischen Ort ist nicht barrierefrei. Und bisher standen die Chancen, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern würde, nicht gerade gut. Vorrang bei behindertengerechten Modernisierungen haben Stationen, die mehr als tausend Reisende am Tag passieren. Sondershausen jedoch nutzen nur 472.

Ähnlich geht es Hadamar in Hessen oder Bramow in Mecklenburg-Vorpommern: Ihre Bahnhöfe sind winzig, aber auch hier gibt es Menschen, denen Rampen und Aufzüge das Bahnfahren erleichtern oder erst möglich machen würden. Diese drei und 105 weitere Bahnhöfe mit sogenannten Bedarfsschwerpunkten in der Nähe wurden jetzt in ein Modernisierungsprogramm aufgenommen, mit dem Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kleine Bahnstationen im ländlichen Raum fördern will.

"Kleine Bahnstationen sorgen mit ihrem Nahverkehrsangebot für die notwendige Mobilität für die Menschen in ländlichen Regionen", sagt Dobrindt. "Wir rüsten 108 Stationen um und geben ihnen einen Modernisierungsschub, indem wir sie barrierefrei machen und dadurch den Zugang für alle ermöglichen." Die Liste liegt SPIEGEL ONLINE vor - einen Überblick zeigt die Grafik:

Geplante barrierefreie Bahnhöfe
Quelle: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Stand: 07.06.2016

Der Bund investiert in dieses neu aufgelegte Sonderprogramm 80 Millionen Euro bis 2020, die gleiche Summe kommt von den Ländern. Das teilte das Bundesverkehrsministerium (BMVI) SPIEGEL ONLINE mit. Umsetzen wird die Maßnahmen die DB Station & Service AG, die Eigentümerin von insgesamt 5400 Bahnhöfen in Deutschland ist. Beteiligt ist auch die DB Netz AG. Die meisten Projekte liegen in Hessen (24), Niedersachsen (16) und Bayern (13). Im Herbst wird entschieden, welche Ortschaften zusätzlich auf die Liste gesetzt werden.

Das Sonderprogramm wird außerhalb der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen laufen, für die bis 2019 insgesamt 28 Milliarden Euro in Schieneninfrastruktur, Bahnhöfe und Energieanlagen fließen.

Rampen und Leitsysteme machen Bahnhöfe barrierefrei

Nach dem Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes (BGG), das 2002 in Kraft trat, und der Eisenbahnbau- und Betriebsordnung (EBO) sind Bahnunternehmen verpflichtet, ihre Infrastruktur und Fahrzeuge barrierefrei zu gestalten. Alle großen Bahnhöfe sind nach Auskunft der Deutschen Bahn bereits modernisiert oder befinden sich in der Planungs- oder Bauphase. Im Schnitt macht das Unternehmen pro Jahr hundert Bahnhöfe für Menschen mit Behinderung leichter zugänglich. Das heißt zum Beispiel,...

  • dass Bahnsteige ohne Stufen erreichbar sind - im Zweifel über Rampen oder Aufzüge (umgesetzt bei 75 Prozent aller Bahnhöfe).
  • dass Bahnsteige einen stufenfreien Einstieg in Züge ermöglichen (bei 58 Prozent der Bahnsteige umgesetzt).
  • dass Bahnsteige mithilfe von elektronischen Fahrgastinformationssystemen nach dem Zwei-Sinne-Prinzip ausgestattet sind: Die Information soll sowohl lesbar und hörbar sein. Unter anderem wurden 6600 "Dynamische Schriftanzeiger" (DSA) installiert.
  • dass blinde und sehbehinderte Reisende sich mithilfe eines taktilen Leitsystems auf Bahnsteigen orientieren können (umgesetzt bei 50 Prozent der Bahnsteige).

Im vergangenen Jahr ging ein Streit zwischen den Eisenbahnbundesamt und DB Station & Service über die Installation von DSA und Lautsprechern an kleinen Bahnhöfen vors Gericht. Das Amt hatte den Bahnhofsbetreiber schon 2010 verpflichtet, alle Haltepunkte mit der Technik auszustatten, die die Europäische Fahrgastrechte-Verordnung vorschreibt. An rund hundert Haltepunkten mit sehr wenigen Reisenden war dies der Bahn jedoch zu teuer. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verdonnerte das Unternehmen im September zum technischen Aufrüsten innerhalb der nächsten vier Jahre.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
jjpreston 16.06.2016
1.
Gut so. Wird auch - sozusagen - "höchste Eisenbahn"!
bibabuzelmann 16.06.2016
2. Furth i.W. ist nicht Fürth ;)
In der Karte ist Furth i.W. gleich neben Nürnberg zu finden, da gab es wohl einen kleinen IT-Fehler ;) Ansonsten zum Thema: Wenn Behindertenwerkstätten in der Nähe liegen ist es ok, auch wenn die Bahnhöfe sonst nicht stark genutzt werden. Aufgrund der vorhandenen Barrieren dürften die Einwohner die Bahn eher schlecht nutzen. Autofahren scheidet oft aber auch aus, ergo ist so ein barrierefreier Bahnhof sicherlich ne nette Sache für die Leute. Da können sie dann auch mal spontan in die Stadt fahren, ohne einen speziellen Bus/Taxi zu bestellen - zumindest solange der Bahnhof des Reiseziels auch barrierefrei gebaut ist. Das könnte noch ein Problem werden ;)
arnaudovasstaatsfeindno1 16.06.2016
3.
Ja, kann nur zum Vorteil sein. Zumal immer noch in weiten Teilen schwerbehinderte benachteiligt werden. So werden bislang, meines Wissens, in Jobcentern keine Gebärdendolmetscher oder Schriftdolmetscher von Amts wegen eingesetzt. Nicht, dass es vereinzelt Stellen gibt, die zumindest Gebärdendolmetscher im Einsatz haben, aber dahin wird nicht jeder verwiesen.
chichawa 16.06.2016
4. winzige Bahnhöfe?
Was soll mit dieser Überschrift suggeriert werden? Es ist völlig egal, wie groß (Nutzerzahl, Fläche, Anzahl der Gleise?) ein Bahnhof ist. Es kommt auf die Möglichkeit des Einstiegs an.
tommyblux 16.06.2016
5. Wir...
... Deutschen wissen auch nicht was wir wollen. Wird auf dem Land das Internet nicht nachgerüstet, beschweren sich alle und verweisen auf das Grundgesetz, wonach alle ähnliche Lebensbedingungen haben müssen. Jetzt wird auf dem Lande etwas nachgerüstet, und schon wieder wird sich beschwert...
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