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Verspätete Flüge: Hunderttausende Reisende verzichten auf Entschädigung

Ist es Bequemlichkeit? Oder doch eher Ahnungslosigkeit? Nur wenige Fluggäste fordern bei massiven Verspätungen oder Flugausfällen ihre Rechte ein. Das legt eine neue Statistik nahe. Grüne Politiker glauben, dass das Verkehrsministerium daran mitschuldig ist.

Flugpassagiere (in Düsseldorf, 2008): 1816 Flüge mehr als 180 Minuten verspätet Zur Großansicht
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Flugpassagiere (in Düsseldorf, 2008): 1816 Flüge mehr als 180 Minuten verspätet

Berlin - Viele Flugreisende sind Kummer gewohnt: Mal ist die Maschine zu spät, mal fällt sie sogar ganz aus. Seit einiger Zeit gibt es für die allergrößten Nervereien immerhin eine Entschädigung, geregelt durch eine Europäische Verordnung ("261/2004"). Doch hunderttausende Flugreisende in Deutschland nehmen die Zahlungen offenbar nicht in Anspruch - obwohl sie ein Recht darauf hätten.

Die "Frankfurter Rundschau" berichtet über eine Untersuchung, die die Grünen-Bundestagsfraktion bei der Inkassogesellschaft EUClaim in Auftrag gegeben hat. Das Unternehmen bietet anspruchsberechtigten Flugreisenden an, sich um die Durchsetzung ihrer Forderungen zu kümmern - und bekommt dafür eine Provision von gut einem Viertel des gezahlten Betrages. Insofern hat die Firma also auch ein finanzielles Interesse daran, dass sich mehr gefrustete Reisende melden.

Die Datenbanken der Firma belegen in jedem Fall ein Pünktlichkeitsproblem der Airlines: Von den knapp 800.000 Passagierflügen, die an größeren deutschen Flughäfen zwischen Februar und Dezember 2009 registriert wurden, waren demnach 1816 Flüge mehr als 180 Minuten verspätet. Ab dieser Zeitspanne stehen den betroffenen Kunden Entschädigungsleistungen zu. Dazu kommen noch einmal 5298, die den Angaben zufolge komplett gestrichen wurden.

Damit hätten im vergangenen Jahr theoretisch täglich bis zu 5000 Fluggäste Grund für eine Entschädigungsforderung gehabt. Das Luftfahrtbundesamte (LBA) wacht über die Wahrung der Fluggastrechte in Deutschland und bekommt in diesem Zusammenhang zwischen 3000 und 4000 Beschwerden auf den Tisch - und zwar pro Jahr. In den Niederlanden gibt es pro Jahr immerhin 12.000 Beschwerden, obwohl das Land deutlich kleiner als Deutschland ist.

Und längst nicht jede der beim LBA eingereichten Beschwerden wird auch positiv beschieden. Im Jahr 2009 wurden nach Angaben der "FR" rund 800 Verfahren eingeleitet. Bereits bekannt ist, dass die durchschnittliche Buße bei 3000 Euro liegt - allerdings sind die meisten Verfahren noch nicht rechtskräftig.

Die Grünen beschuldigen das Bundesverkehrsministerium, an den Problemen eine Mitschuld zu tragen. Auf diverse parlamentarische Anfragen, ob die maßgebliche EU-Verordnung in Deutschland ausreichend bekannt sei und wirkungsvoll durchgesetzt werde, habe das Ministerium ahnungslos reagiert oder Informationen zurückgehalten. Die Grünen haben bereits mehrfach beklagt, dass sie die entsprechende Abteilung im Ministerium für unterbesetzt halten, weil es nur 4,5 Planstellen und vier weitere Mitarbeiter mit Zeitverträgen gibt.

Manche Fluggesellschaften gehen das Problem der genervten Kunden allerdings auch von sich aus an: Das Unternehmen Germanwings beschäftigt zum Beispiel einen Mitarbeiter, der sich vor allem mit Entschuldigungen beschäftigt.

chs/AFP

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1. t
loncaros 13.11.2010
Wenn diese LBA bereits 80% aller Forderungen abweist ist es wenig verwunderlich wenn die meisten Menschen keine Lust haben sich für ein paar Euro diesen Mist aufzuhalsen.
2. die bügeln das eh alles mit fadenscheinigen Begründungen ab
the_flying_horse, 13.11.2010
---Zitat--- Ist es Bequemlichkeit? Oder doch eher Ahnungslosigkeit? Nur wenige Fluggäste fordern bei massiven Verspätungen oder Flugausfällen ihre Rechte ein. Das legt eine neue Statistik nahe. Grüne Politiker glauben, dass das Verkehrsministerium daran mitschuldig ist. ---Zitatende--- Nö, Schuld ist die gängige Praxis, dass die Airlines den Grund der Verspätung/des Flugausfalls selber angeben können. So hatte ich bei Lufthansa jedesmal einen Flugausfall, wenn z.B. wärend der Fußball EM/WM Deutschland ein wichtiges Spiel hatte... mit Umbuchung in eine andere Stadt, Leihwagen weil es den LH-Bus nicht gab, keine Fachkompetenz sondern blankes Chaos, etc... eine Verspätung von gut 6 Std. bei einer einfachen innerdeutschen Verbindung war da normal. Ist mir mehrfach bei solchen Gelegenheiten passiert. Auf eine entsprechende Anfrage hieß es nur, eine Ausgleichszahlung wird abgelehnt, da bei der Maschine ein techn. Defekt vorgelegen habe - dann sind die Airlines von einer Ausgleichszahlung befreit. Da sie sich aber den Grund des Ausfalls selber "basteln" können, hat man da keine Chance. Ich verzichte inzwischen auch darauf, von irgendeiner Airline bei einer Verspätung Geld zu verlangen, die bügeln das eh alles mit fadenscheinigen Begründungen ab. Kostet nur Zeit und Nerven, muss ich nicht haben... Ich fliege einfach mit einer anderen Airline, bei über 100 Flügen pro Jahr lasse ich mich nicht von einer Fluggesellschaft veräppeln... so lange ich eine Ausweichmöglichkeit habe, nutze ich die auch konsequent.
3. Langer Atem
fridayn 13.11.2010
Wenn man seine Rechte gegen die Fluglinie durchsetzen will, muss man sich vorab im Netz über die Rechtsprechung informieren und sich auf einen mehrmonatigen Schriftverkehr und ggf. Anwaltsbeauftragung einstellen. Die Chancen stehen dann recht gut. Die Airlines besitzen mittlerweile Kundenabwehr-Callcenter die allen möglichen Quatsch verbreiten: z.B. Entlastung durch technischen Defekt s.o.
4. Und die Bahnreisenden?
Silverio 13.11.2010
Da sag mir noch einer was über die Bahn. Abgesehen davon, dass es hier genau so viel Chaos gibt, scheint das hier besser geregelt zu sein und wird auch durchgängiger Angeboten in Durchsagen und vom Begleitpersonal. Ich fliege recht oft und habe (geschätzt) in diesem Jahr gut 50% der Flüge mit Verspätung von mehr als einer halben Stunde "genossen". Gerade die Abendflüge sind natürlich öfters verspätet. Trotzdem sind alle so "angetan" von der Fliegerei. Es wäre ja alles sooo schnell und sooo gut organisiert, mit der Bahn braucht man ja doppelt so lang und dann noch die ewigen Verspätungen. Bei der Bahn bekomme ich Entschädingsleistungen bei Verspätungen ab 60 Minuten. Beim Fliegen ab 3 Stunden??? Tolle Fliegerei.
5. No milk today!
robr 13.11.2010
Zitat von sysopIst es Bequemlichkeit? Oder doch eher Ahnungslosigkeit? Nur wenige Fluggäste fordern bei massiven Verspätungen oder Flugausfällen ihre Rechte ein. Das legt eine neue Statistik nahe. Grüne Politiker glauben, dass das Verkehrsministerium daran mitschuldig ist. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,728989,00.html
Das ist eigentlich eine fantastische Leistung, sind das doch gerade mal 2,3 Promille! Ich kenne Leute, die stehen auf der Autobahn täglich im Stau! Immer! Dass davon dann tatsächlich die meisten Fällen gar nicht auf den Mist der Airlines sondern auf Wetter, ATC-Controlle und auf technische Ursachen zurückzuführen sind ist ebenfalls Tatsache. Wahrscheinlich denken viele Passagieren einfach etwas logischer wie die EU-Kommissare und die Merkel-Regierung, die zu glauben scheinen die Airlines wären unerschöfliche Milchkühe!
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