Vollsperrung in Frankfurt Flughafen gibt Wetterdiensten Mitschuld an Ausfällen

Die Schneefälle am Morgen haben den Frankfurter Flughafen überrascht. Denn die Wetterdienste hatten mildere Temperaturen vorhergesagt. Stundenlang musste der Airport komplett schließen - auch in anderen europäischen Großstädten brachte der Winter weiter Ärger für Reisende.


Frankfurt am Main - Nach der Vollsperrung des Frankfurter Flughafens am Morgen ist ein Streit zwischen dem Flughafenbetreiber Fraport und dem Deutschen Wetterdienst (DWD) entbrannt. DWD-Sprecher Uwe Kirsche wies den Fraport-Vorwurf zurück, die Niederschläge nicht vorhergesagt zu haben. Allerdings habe seine Behörde den Schnee erst gegen Mitternacht prognostiziert, wie er einräumte. "Aber Wettervorhersage ist kein Flugplan. Hundertprozentige Genauigkeit gibt es nicht."

Der Chef des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport, Stefan Schulte, sagte dagegen am Dienstagmorgen auf dem Flughafen: "Wir wurden heute Nacht entgegen aller Prognosen von den starken Schneefällen überrascht." Fraport-Sprecher Jürgen Harrer hatte zuvor gesagt, die massiven Niederschläge seien nicht vorausgesagt worden. Bis zum Vormittag wurden in Frankfurt mehr als 340 der am Dienstag geplanten 1300 Verbindungen annulliert.

Nach Angaben von Kirsche hatten die DWD-Modelle am Montag um 14 Uhr für den Flughafen noch leichten oder gar keinen Niederschlag berechnet. Im Laufe des Abends habe sich das aber deutlich geändert. Das Schneefallgebiet habe sich um 50 Kilometer südlich verlagert - direkt über das Rhein-Main-Gebiet. Kurz vor Mitternacht habe der DWD bis zu zehn Zentimeter Neuschnee prognostiziert. Am Flughafen seien dann sieben Zentimeter gefallen.

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Frankfurter Flughafen: Vollsperrung am Morgen
"Spätestens seit Mitternacht war Fraport im Bilde", sagte Kirsche. Die neuen Schneefälle seien eine "unglückliche Verknüpfung von Umständen" gewesen, da es über dem Rhein-Main-Gebiet eine Luftmassengrenze gegeben habe. Der DWD unterhält eine eigene Luftfahrtberatungszentrale am Flughafen.

Der private Wetterdienst Meteomedia hat nach eigenen Angaben bereits am Montagabend darauf hingewiesen, dass es am Frankfurter Flughafen zu fünf bis zehn Zentimetern Neuschnee kommen könne. Es habe am Montag kurz vor 18 Uhr bereits eine Vorwarnung gegeben, die dann am späteren Abend "akut geschaltet" worden sei, sagte am Dienstag Meteorologe Lars Dahlstrom von Meteomedia in Bochum.

Wer nicht unbedingt reisen muss, sollte zu Hause bleiben

Auch im Lauf des Dienstags müssen Passagiere in Frankfurt mit zahlreichen Ausfällen rechnen. Flughafenchef Schulte empfahl: "Die Passagiere, die noch nicht am Flughafen sind und nicht unbedingt reisen müssen, sollten zu Hause bleiben oder zur Not auf die Bahn umsteigen."

Die Wartenden am Flughafen würden so gut es geht informiert, und ihnen würden auch andere Hilfeleistungen geboten wie Kaffee, Tee, Gebäck, "um ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen". Im Einsatz seien rund 500 Servicemitarbeiter des Flughafenbetreibers Fraport und rund 500 Winterdienstmitarbeiter. Diese seien "hochmotiviert". Er befürchtete, dass es zu mehr als 400 Annullierungen am Dienstag kommen könnte.

Zu finanziellen Schäden für Fraport sagte er: "Das wird ein Millionenbetrag sein, aber das ist im Moment nicht unser Fokus." Es gehe jetzt darum, "möglichst viele Reisende noch zu Weihnachten zu ihren Zielen zu bekommen".

Weiterhin Ausfälle in ganz Europa

Der größte europäische Flughafen London-Heathrow war am Dienstag am vierten Tag in Folge weitgehend lahmgelegt, an den fünf Terminals herrschte Chaos. Nur 30 Prozent der Flüge konnten abgewickelt werden, teilte der Flughafenbetreiber mit. Hier steht nur eine der beiden Start- und Landebahnen zur Verfügung. Auch für die kommenden Tage und über Weihnachten rechnet man hier mit erheblichen Problemen, weil weitere Schneefälle vorhergesagt wurden.

Die Kanalfähren meldeten eine deutlich erhöhte Zahl von Passagieren ohne Auto. Vor dem Terminal des Eurostar-Zugs in der Londoner Innenstadt bildeten sich Warteschlangen von bis zu einem Kilometer Länge. Doch auch der Zug, der unter dem Ärmelkanal hindurch London mit Brüssel und Paris verbindet, verkehrte nur eingeschränkt.

"Wir mussten die Geschwindigkeit reduzieren", sagte Eurostar-Sprecher Bram Smets. Normalerweise verkehren die Züge mit einer Geschwindigkeit von 300 km/h auf den Streckenabschnitten außerhalb des Kanaltunnels. Derzeit könnten sie streckenweise nur mit Tempo 230, teilweise sogar nur mit 170 fahren. Der reduzierte Fahrplan gelte bis Ende der Woche. Einschätzungen über wirtschaftliche Auswirkungen seien "zu früh". In Frankreich kam es auf dem Flughafen Paris-Charles de Gaulle erneut zu zahlreichen Verspätungen.

In Deutschland wurden mehrere Flüge von Frankfurt nach Leipzig/Halle umgeleitet. Bis zum Vormittag waren fünf Passagier- und zwei Frachtmaschinen in Leipzig gelandet. "Wie und wann es für die Flugreisenden weitergeht, wissen wir noch nicht", sagte Airport-Sprecherin Evelyn Schuster. Leipzig/Halle ist offizieller Ausweichflughafen für Frankfurt.

Heftige Kritik der EU-Kommission

Das Schneewetter in Frankfurt zieht im "Schneeball-Effekt" auch die übrigen Flughäfen in Mitleidenschaft. In Hamburg zum Beispiel wurden Verbindungen nach Frankfurt und London gestrichen. "Die Lage ist wie gestern: Bei uns läuft alles ganz normal, die Probleme liegen an den Zielflughäfen", sagte eine Sprecherin des Hamburger Airports.

Auch in München fielen am Dienstagvormittag bereits 50 Flüge aus. Dabei herrscht dort Tauwetter, der Flughafenbetrieb könnte völlig normal laufen. "Wir arbeiten noch den Restverkehr von Frankfurt, London, Amsterdam und Brüssel ab", sagte ein Flughafensprecher in München. Vor allem die Schließung in Frankfurt am frühen Morgen sei der Grund für den Großteil der Annullierungen. Für die Verspätungen oder Ausfälle sei der Münchner Flughafen nicht verantwortlich.

Die EU-Kommission hat das Schneechaos auf Europas Flughäfen scharf kritisiert. Der für Verkehr zuständige Kommissar Siim Kallas erklärte am Dienstag in Brüssel: "Das ist inakzeptabel und darf sich nicht wiederholen." Kallas kündigte für die kommenden Tage ein Treffen mit Verantwortlichen der Flughäfen an, um von ihnen Erklärungen zu verlangen. Er rief die Flughafenbetreiber auf, sich gegen Schnee und Eis besser zu wappnen. Andernfalls behält sich die Kommission vor, Gesetze für Mindestanforderungen an Flughäfen zu erlassen.

Züge nicht an der Kapazitätsgrenze

Etwas Erleichterung gab es auf der Schiene. Bahnfahrer müssen sich wegen des Winterwetters zwar weiter auf Verspätungen einstellen. Am Dienstag habe es aber keine Zugausfälle mehr gegeben, sagte ein Bahnsprecher am Vormittag in Berlin. "Die Züge sind gut gefüllt, aber nicht an der Kapazitätsgrenze."

Allerdings ereignete sich in der Nacht zu Dienstag ein schwerer Bahnunfall mit zwei Todesopfern: In Köln-Mülheim hatte eine Regionalbahn eine Gruppe von Gleisarbeitern während Räumarbeiten erfasst. Ein 40-Jähriger und ein 41 Jahre alter Mann kamen dabei ums Leben. Wie es zu dem Unglück kam, war zunächst unklar.

Zu einem tragischen Unfall kam es in Steinbach-Hallenberg in Südthüringen: Beim Bauen eines Iglus im Garten ist ein 14-jähriger Junge unter zwei Meter hohen Schneemassen begraben worden. Er wurde zwar von Rettungskräften wiederbelebt, starb jedoch kurz darauf im Krankenhaus, wie eine Polizeisprecherin in Suhl mitteilte. Der 73 Jahre alte Großvater hatte seinen leblosen Enkel gefunden.

Auf den Straßen hat sich die Situation etwas entspannt, Autobahnen und Hauptstraßen sind vielfach wieder frei. Behinderungen im Straßenverkehr verursachte der Schnee allerdings in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet. Auch in Erfurt in Thüringen bremste heftiger Schneefall am Morgen den Berufsverkehr aus. Die Polizei sprach von ersten querstehenden Lastwagen auf Autobahnen sowie Blechschäden.

Im Tagesverlauf soll es laut dem Deutschen Wetterdienst erneut schneien. Ob die weiße Pracht noch bis Weihnachten hält, ist nach Angaben von Meteorologen aber ungewiss. Ab Donnerstag komme es zum Gerangel zwischen milder Luft aus Südwest und Kaltluft aus Nordwest. "Für weiße Weihnachten sieht es gar nicht so schlecht aus", sagt der Meteorologe Lars Dahlstrom in Bochum. Die Chancen auf flächendeckendes Weiß in Deutschland schätzt er auf 80 Prozent.

sto/dpa/dapd

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Seite 1
Hans58 21.12.2010
1.
Zitat von sysopDie Schneefälle am Morgen haben den Frankfurter Flughafen überrascht. Denn die Wetterdienste hatten ein milderes Klima vorhergesagt. Stundenlang musste der Airport komplett schließen - auch in anderen europäischen Großstädten brachte der Winter weiter Ärger für Reisende. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,735935,00.html
DWD hat das bestritten: http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E704288F700774C62B7E5F40D95E8D01F~ATpl~Ecommon~Scontent.html
MaxHeadram 21.12.2010
2. Die jammern auf hohem Niveau
Dass sich die Fraport so über die "ungenauen Voraussagen" echauffiert, bestätigt ja nur die hervorragende Arbeit der Wetterfrösche. Sonst sind die Vorhersagen wohl sehr akkurat und zutreffend, sonst würde man sich nicht so beschweren wenn es mal anders kommt als vorhergesagt. Wie es scheint sind die Vorhersagen sogar so gut, dass die Herren sogar vergessen, dass das Wetter nicht beim DWD gemacht wird ...
Regulisssima 21.12.2010
3. Ohne Kachelmann...
....sind die doch alle aufgeschmissen
BardinoNino 21.12.2010
4. Uuuups...
Zitat von sysopDie Schneefälle am Morgen haben den Frankfurter Flughafen überrascht. Denn die Wetterdienste hatten ein milderes Klima vorhergesagt. Stundenlang musste der Airport komplett schließen - auch in anderen europäischen Großstädten brachte der Winter weiter Ärger für Reisende. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,735935,00.html
...und ich dachte schon, Frau Holle wäre Schulz...äh Schuld...oder Kachelmann... Vielleicht sollten die Verantwortlichen bei Fraport mal eine der startbereiten Crews fragen, wie denn so das Wetter ist/wird...oder einfach mal aus dem Fenster schauen... Ist schon doll, über was der "spiegel" neuerdings so berichtet...
dankebahn 21.12.2010
5. Zugausfälle
Dass die Bahn keine Zugausfälle hatte, stimmt wohl nicht ganz. Heute Morgen fiel der ICE von Frankfurt nach Amsterdam mit Halt in Köln um 7.29 ersatzlos aus!!!! Der nachfolgende Zug hatte mehr als 30 Minuten Verspätung.
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