Volunteers im Ausland Frei und willig

Heumachen in Südtirol, Unterrichten in Afghanistan: Wenn "Volunteers" Urlaub machen, hat das wenig mit Erholung zu tun. Sie verbringen ihre Ferien in Freiwilligenprojekten in aller Welt - für intensive Reiseerlebnisse und um ein bisschen die Welt zu verbessern.

Von Carolin Reintjes


Hamburg - "Pubertierende Biester", sagt Annika Hampel, "genauso wie zu Hause." Spricht sie ein spanisches Wort komisch aus, kichert die Kindermeute im Klassenzimmer des Centro Educativo Nandejara in Limpio. Und jeden Tag aufs Neue testen die Schüler ihre Grenzen aus: Was lässt die neue Hilfslehrerin aus Deutschland wohl durchgehen? "Das ist ganz schön anstrengend", erklärt Annika.

Aber sie wollte es so: Auf ihrer Reise um die Welt wollte sie die Menschen kennen lernen, die auf ihr leben – sonst "hätte ich ja gleich zu Hause bleiben können". Also heuerte die 28-jährige Bremerin nach Abschluss ihres Kulturwissenschaft-Studiums bei der christlichen Organisation Nandejara an. Um in Paraguay zu helfen, Kindern Englisch und Deutsch beizubringen und die Schulleitung zu unterstützen.

Im Urlaub Gutes tun – das will nicht nur Annika. Freiwilligenarbeit, Workcamps und Friedensdienste erfahren immer mehr Zulauf. "Berghütte statt Ballermann", nennt Felizitas Romeiß-Stracke, Professorin für Tourismusarchitektur an der TU München, das Phänomen. Zwar seien die Zeiten des industriellen Massentourismus längst nicht vorbei. Aber parallel zur Konsumgesellschaft habe sich eine Bewegung entwickelt, deren Anhänger mehr Wohlbefinden statt mehr Güter, intensive statt extreme Erlebnisse wollen, erklärt die Tourismus-Expertin. Diesen Menschen sei es wichtiger, an einem Ort richtig anzukommen, anstatt nur Urlaub zu machen.

"Es ist 'in' und 'cool', etwas Gutes zu tun", bestätigt auch Christina Wink, die bei STA Travel in Frankfurt Produktmanagerin für Freiwilligenprojekte ist. Seit Ende 2005 hat der Anbieter für Studenten- und Jugendreisen Hilfsprojekte in aller Welt im Programm. "Unser Katalog wird jedes Jahr dicker", sagt Wink, "die Reisen werden sehr gut gebucht."

Schließlich nutzt das Reiseunternehmen in seinen Prospekten auch das richtige Vokabular: "Freiwillige Helfer werden in diesem Projekt hauptsächlich mit der Pflege von Löwenbabys beschäftigt", heißt es in der Beschreibung eines Wildlife-Projekts in Südafrika. Löwenbabys - das zieht.

Auch im Programm: Leoparden und Elefantenherden in Südafrika beobachten, Kinderbetreuung in Vietnam und Aufziehen von Meeresschildkröten in Costa Rica. "Die Schildkröten in Costa Rica sind mit Abstand das beliebteste Projekt", sagt Christina Wink, vielleicht weil Costa Rica eines der sichersten Reiseländer in Lateinamerika ist. Denn auch wenn einige Teilnehmer nur wegen des Umwelt- oder Sozialprojekts ins Ausland gingen, würde doch der Großteil die Arbeit mit einer Reise und Urlaub verbinden.

Abenteurer, Egoisten und Weltverbesserer

Dennoch ist es STA Travel, die bei ihren Freiwilligenprojekten mit dem Münsteraner Vermittler für Auslandsaufenthalte TravelWorks zusammenarbeiten, wichtig, dass die Teilnehmer wissen, worauf sie sich einlassen. In Telefon-Interviews wird auf Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität geachtet, und zumindest kurze Sprachkurse sind vor jedem Projekt Pflicht.

Den Trend hat auch "Lonely Planet" erkannt. Der Verlag, der Reiseführer für Individualreisende herausgibt, hat im vergangenen Jahr eine neue Reiseart in sein Repertoire aufgenommen und den englischsprachigen "Volunteer" verfasst: "ein Reiseführer, um die Welt zu verändern", lautet der Untertitel. Und der Klappentext fragt: "Willst du deiner Reise mehr Sinn geben? Eine echte Verbindung zur Bevölkerung aufbauen und etwas zurückgeben?" Auf rund 270 Seiten erklären die Autoren, wer wo und wie die besten Erlebnisse haben kann.

Dass sich Reisen heute nicht mehr nur über schicke Hotels oder billige Pauschalangebote verkaufen, sondern auch über besondere Erfahrungen bestätigt auch Romeiß-Stracke: "Alles läuft sehr gut, bei dem man etwas lernt und was für die eigene Lebensform und Lebensführung weiter verwenden kann." Die Menschen, und vor allem die Jugend, wollten zwar weiterhin Spaß haben, aber Spaß mit einem Werte-Hintergrund. "Sie möchten mit ihren begrenzten Mitteln die Welt ein bisschen verbessern. Die Jugend sieht das ganz pragmatisch: Sie tun etwas für die Gesellschaft und für sich selbst."

Auch Annika sagt: "Ich denke, dass Freiwilligenarbeit im Grunde sehr eigennützig ist. Man fühlt sich einfach selbst sehr gut, wenn man anderen helfen kann. Und die wenigsten Volunteers sind heute noch politisch motivierte Gutmenschen. Im Lebenslauf zu schreiben, dass man Freiwilligendienst geleistet hat, klingt einfach gut."

Für den Frieden in Israel und auf den Philippinen

Dass sich etwas gut im Lebenslauf macht, reicht der Organisation Ipon e.V. nicht aus. Das International Peace Observers Network aus Hamburg, das Menschenrechtsbeobachter auf die Philippinen entsendet, sucht genau jene "politisch motivierten Gutmenschen". "Wer nur sein Pflichtpraktikum für die Uni ableisten will, ist bei uns fehl am Platz", erklärt Projektkoordinator Johannes Richter, "wir suchen Menschen, die sich für ein Stück Frieden in der Welt einsetzen wollen." Schließlich sei das Projekt in den Regionen Bondoc, Negros und Mindanao kein Urlaub, sondern ein Einsatz in schwierigen Konfliktgebieten.

"Unsere Freiwilligen müssen eine große Belastung aushalten", erzählt Richter. "Erst im Februar wurde Deolito Empas, ein lokaler Menschenrechtsverteidiger, entführt und ermordet. Unsere Freiwilligen kannten ihn sehr gut und haben viel mit ihm gearbeitet. Da ist es natürlich sehr schwer, weiter objektiv und neutral zu bleiben." Aber das seien die hohen Anforderungen des Einsatzes – und der bedürfe einer intensiven Vorbereitung in Deutschland.

Gisela Dürselen, Journalistin aus der Nähe von Landshut, kennt beide Arten von Projekten, die schwierigen und die leichten. Zuletzt hat sie für Ipon als Menschenrechtsbeobachterin auf den Philippinen gearbeitet. Zuvor ist Dürselen als Freiwillige in einem Friedensdorf in Israel gewesen, wo die Arbeit im Prinzip auch von Einheimischen gemacht werden kann. "Aber in diesen Projekten geht es nicht darum, Menschen in absoluter Not zu retten", erklärt sie. Vielmehr gehe es um den kulturellen Austausch: "Man kann interessante Leute kennenlernen, seinen Horizont erweitern, ein Friedensprojekt unterstützen und die Zivilgesellschaft stärken." In anderen Ländern sei das sehr viel verbreiteter als in Deutschland, sagt Gisela, zum Beispiel in den USA.

Herzensangelegenheit in Afghanistan

"Volunteering sollte eine Herzensangelegenheit und kein Abenteuerurlaub sein", sagt Alan Baker aus South Carolina, der heute in Passau wohnt. "Nur so kann Freiwilligenarbeit die Beziehungen zwischen Kulturen fördern." Sein Glaube an Gott bewegt den 29-Jährigen dazu, anderen zu helfen - "und dass ich dabei neue Länder für mich entdecken kann, ist das größte Geschenk", sagt er. Zuletzt reiste er in das Land, das kaum ein Amerikaner freiwillig betreten würde: nach Afghanistan. Dort half er im Englisch-Programm der Universität von Jalalabad bei der Ausbildung junger Afghanen.

"Englisch ist eine der wichtigsten Qualifikationen auf dem afghanischen Arbeitsmarkt", erzählt Alan. Weit mehr Menschen wollen an den Englischkursen teilnehmen, als Plätze zur Verfügung stehen. Mit seinem Wissen konnte er einige Studenten unterstützen, so dass sie ihr Leben selbst verbessern können. Und das hat ihn gefreut. "Gleichzeitig habe ich selbst so viel von meinen Freunden dort zurückbekommen", erinnert er sich, "ich habe die Sprache gelernt, mehr über die Kultur erfahren und bin sogar in kleine Dörfer eingeladen worden. Das schönste Gefühl war, dass ich in einer Gesellschaft, die so anders als meine eigene ist, so akzeptiert und aufgenommen wurde."

Sein Jahr in Afghanistan hat der junge Amerikaner selbst finanziert, bezahlt wurde er für seine Arbeit nicht. Und trotz der schweren Bedingungen in dem Land wäre er gerne länger geblieben, Volunteering sei ein "lifetime-commitment", sagt er, eine echte Lebensaufgabe.



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