Basejumper Walerij Rosow: Sturz ins Leere
Er springt im Wingsuit von Bergen, an denen das noch niemand gewagt hat: Walerij Rosow zählt zu den Wagemutigsten in der Basejumping-Szene. Der freie Fall ist für ihn Entspannung - wenn nicht Wetterkapriolen für einen Horrorflug sorgen.
Es ist minus zehn Grad Celsius, die Luft dünn. Seit vier Tagen harrt Walerij Rosow schon am Berg aus, wartet darauf, dass sich der dichte Nebel lichtet. Der Magen knurrt, die mitgebrachten Esswaren sind verzehrt und auch die Geduld geht langsam zu Ende. Es regnet und schneit fast ununterbrochen. Doch so schnell gibt der russische Extremsportler nicht auf: Als erster Mensch will der 48-Jährige vom "Matterhorn des Kaukasus" springen - vom 4737 Meter hohen Uschba-Südgipfel, dem Wahrzeichen Georgiens.
Am 6. Juli, früh am Morgen, kommt endlich der ersehnte Moment. Durch die Wolken schimmert plötzlich der Himmel, die Sicht öffnet sich bis hinab auf den Gletscher. Jetzt oder nie, sagt sich Rosow und zieht eilig seinen grün-weißen Flügelanzug aus Hightech-Kunststoff an. Die Stelle, von der er den Sprung am Mount Uschba wagen will, liegt auf 4300 Metern: ein winziges Steinplateau über einer 110 Meter hohen, vertikal abfallenden Felswand.
Das Gelände darunter bleibt für weitere 1200 Höhenmeter stark abschüssig, es ist aber nicht mehr ganz senkrecht und darum ein Risiko für den Basejumper. Fliegt er nach dem Absprung nicht sofort von der Felswand weg, schlägt er nach 110 Metern unten auf den Fels. Am Vortag hat er sogenannte Rock-drop-Tests gemacht. Er warf von der Absprungstelle Steine hinunter, um zu messen, wie lange es dauert, bis sie aufprallen: fünf Sekunden. So viel Zeit hat er, um mit dem Fliegen zu beginnen.
Basejumping bedeutet, von fest im Boden verankerten Strukturen wie Bergen, Brücken oder Hochhäusern abzuspringen. Das Tempo, mit dem die Aktiven durch die Luft jagen, ist extrem. Jedes Jahr sterben mehrere Menschen bei diesem Risikosport - wegen eigener Fehler oder weil die Ausrüstung versagt. Rosows Spezialität sind Sprünge von Bergen, von denen vorher noch nie jemand den Absprung gewagt hat.
Vor dem Abflug am Uschba mischt sich Nervosität in seine sonst stoische Sportlerruhe. "Klar kenne ich Angst", sagt er. "Ich habe vor jedem Sprung Respekt. Aber dank meinen Erfahrungen kann ich mich und mein Vorhaben ziemlich genau einschätzen."
70 Sekunden Adrenalinkick
Punkt 7.30 Uhr springt Walerij Rosow. Er kommt rechtzeitig von der Wand weg, fliegt über schwarze Felsgrate und durch weiße Nebelschwaden, so schnell, dass ihm der Wind laut um die Ohren pfeift. Nach 70 Sekunden freien Falls mit dem Wingsuit zieht er die Leine, die den Fallschirm auslöst, und landet 1300 Höhenmeter unter der Absprungstelle auf dem Gletscher. Übermannt von einem grenzenlosen Hochgefühl. Freude, Glück, Stolz. Er fängt an zu singen. Vergessen ist die tagelange Warterei in eisigen Höhen.
"Das war einer meiner schönsten Flüge", sagt er später. Alles sei kontrolliert und wie geplant gelaufen. "Was für eine unvergessliche Landschaft, die ich aus der Vogelperspektive sehen durfte. Ich fühle mich wie im Märchen."
Rosow verbindet klassischen Alpinismus mit Basejumpen - eine Kombination, die nur wenige beherrschen. Für seine Erstflüge klettert er auf anspruchsvolle Berge. Zum Beispiel auf den Mont Blanc in Frankreich, den Elbrus im Kaukasus oder den Ulvetanna in der Antarktis. Erst vor einem Monat sorgte er am Shivling im Himalaja für internationales Aufsehen - mit seinem Sprung aus etwa 6300 Meter Höhe.
Oder vor einem Jahr an der Petite Aiguille du Dru, einer sehr brüchigen Felsnadel in den französischen Alpen, 3733 Meter hoch. Ein Sprung, den er unter den damaligen Wetterbedingungen nicht wiederholen würde. "Der Seitenwind war an diesem Tag stark. Ich konnte den Flug nicht genießen, ich fror, war nervös und müde." Normalerweise entspanne ihn der freie Fall. In der Luft denke er dann an Zuhause, an seine Familie.
"Ich darf das Glück nicht zu oft herausfordern"
Als vor 21 Jahren sein ältester Sohn auf die Welt kam, sei er noch zu jung gewesen, um über familiäre Verpflichtungen nachzudenken. Mit dem Alter habe sich das geändert. "Ich trainiere heute mehr, um meine Sprünge noch sicherer ausführen zu können." Das Risiko müsse einem jedoch immer bewusst bleiben, sagt er. "Auch ich kann Fehler machen und dabei zu Tode kommen, nicht nur die anderen. Ich darf das Glück nicht zu oft herausfordern."
Noch nie hat er allerdings einen Absprung in letzter Minute abgebrochen. "Normalerweise entscheide ich vorher. Ich analysiere die Felswand, meine Fähigkeiten, das Wetter. Das sind meine Hauptkriterien. Und ich habe meine Regeln: Passt eines davon nicht, ist das noch okay. Aber wenn zwei nicht passen, springe ich nicht."
Mit dem Uschba, mit Georgien verbinden Rosow tiefe Emotionen und Erinnerungen. "Hier hat für mich alles angefangen. Hier habe ich in jungen Jahren Bergsteigen und Klettern gelernt." Später entdeckte er seine Leidenschaft für Fallschirmspringen, Skydiving und Skysurfing - dabei gleitet man mit einem speziellen Surfbrett durch die Luft, bevor man schließliche den Fallschirm öffnet. Er gewann eine Meisterschaft nach der anderen, darunter je zwei Welt- und Europameisterschaften. In dieser Zeit lernte er auch Basejumpen - eine Faszination, die er nicht als Sport bezeichnet, sondern als "extreme Aktivität".
Während er mit seiner "extremen Aktivität" 70 Sekunden benötigte, um am Wandfuß des Uschba anzukommen, braucht das Team, das ihn am Berg begleitet hat, den ganzen Tag für den Abstieg. Eine vergleichsweise undankbare Aufgabe, denn kurz nach dem Sprung ziehen wieder dicke Regenwolken auf. Der Himmel wird düster.
Am Abend empfängt Rosow die anderen im Lager, allen geht es gut. Jetzt beginnt ihre Feier. Auf die russische Art - mit ordentlich Wodka.
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