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Neues Weitwanderwegenetz im Allgäu: Von wilden Vögeln und Wiesengängern

Von Martin Cyris

Wandern im Allgäu: Sagenhaft! Fotos
Allgäu

Im Allgäu heißen Wanderer neuerdings Wiesengänger, Wasserläufer oder Himmelsstürmer - je nachdem, wie fit sie sind. Warum?

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Ein Fräulein steht im Walde, ganz still und stumm. Kein Wunder, denn das Fräulein ist bloß aus Metall. Die leicht angerostete Skulptur steht inmitten von bemoosten Steinen, neben einem plätschernden Bach. Ein verwunschener Anblick.

Die dichten, märchenhaft anmutenden Wälder oberhalb der Allgäu-Gemeinde Obermaiselstein haben seit jeher die Fantasie beflügelt. Sagenhafte Dinge sollen sich in der Landschaft zugetragen haben. Um die Geschehnisse aufleben zu lassen, wurde sogar ein eigener Sagenweg mit Erlebnisstationen eingerichtet, etwas abseits der Trampelpfade.

Die bekannteste Geschichte ist die von den vier wilden Fräulein. Angeblich haben sie in einer Höhle gehaust, der Sturmannshöhle. Ihre Namen: Stuzze Muzz, Tschudre Mudre, Ringgede Bingge und Maringga. Trotz ihrer vogelwilden Bezeichnungen pflegten sie einen freundlichen Umgang mit den Menschen. Und doch darf man ihnen auch heute nicht zu nahe kommen.

Gruselgeschichten und Raubtiere

"Die Einheimischen sagen, dass man die Sturmannshöhle nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten darf", sagt Conny Bader. Bei Tageslicht ist die Höhle die einzige begehbare Schauhöhle im Allgäu.

Conny Bader veranstaltet Sagenwanderungen, am liebsten in der Abenddämmerung und Dunkelheit. "Dann wirken die alten Sagen und Erzählungen viel intensiver", sagt Bader, die im Oberstdorfer Dialekt spricht. Für ungeübte Ohren mag das wie Schweizerdeutsch klingen.

Plötzlich ertönen über den Köpfen noch weitaus erstaunlichere Laute. Vogelgeschrei. Oder besser: Riesenvogelgeschrei. "Steinadler, ein Pärchen", sagt Conny Bader fast beiläufig. In Deutschland sind die Tiere nur noch in wenigen Gegenden anzutreffen. Im gesamten Allgäu aber gibt es mehr als 20 Brutpaare der braunen Greifvögel. Ein am Himmel kreisendes Steinadlerpärchen - das ist aber auch hier ein majestätischer wie seltener Anblick.

Wer nicht das Glück hat, seltene Vögel in freier Wildbahn zu erspähen, kann für Tierbegegnungen eine bequeme Alternative in nächster Nähe zum Sagenweg wählen: den Alpenwildpark oberhalb von Obermaiselstein.

Zu seinen Bewohnern zählen ein handzahmer Fuchs und eine hypnotisch dreinblickende, weiße Schnee-Eule. Und dann ist da noch der zünftige Wirt, der Wanderern kühles Hefeweizen und deftige Brotzeitteller auf die groben Holztische stellt, Käse, Wurst, Geräuchertes, von allem etwas. Das gibt es im Allgäu auch für die Sohlen.

Zigtausende Wanderkilometer durchziehen die Landschaft: Flaches Voralpenland mit endlosen Wiesen, bunten Bauerngärten und unzähligen Kühen, grüne Hügel mit abgelegenen Sennereien sowie luftige Gebirgsregionen mit schroffen Zweitausendergipfeln. "Das ist das Besondere bei uns", sagt Michael Lohmüller, der Wirt, im Schlagschatten eines Maibaums. "Im Allgäu gibt's drei Lagen." Fast wie bei einem reichhaltig belegten Wurstbrot.

Kaum jemand kann noch eine Wanderkarte lesen

Um dem Kind einen Namen zu geben und sich als Wanderregion neu aufzustellen, wurde vor wenigen Monaten die sogenannte Wandertrilogie Allgäu ins Leben gerufen. "Erstmals wurde mit der 'Wandertrilogie Allgäu' die Landkarte neu geschrieben", verkündet die Werbung etwas vollmundig. Immerhin, das Weitwanderwegenetz erstreckt sich über 876 Kilometer.

Diese sind ziemlich gleichmäßig auf die drei Landschaftsräume verteilt, abgepackt in 51 Etappen und drei Routen für drei Wandertypen: den Wiesengänger, den Wasserläufer und den Himmelsstürmer. Klingt mit etwas Bosheit nach Begriffen wie Warmduscher oder Schattenparker.

Die Assoziation mag gewagt und gemein klingen und doch: "Wanderer sind unselbständiger und gleichzeitig anspruchsvoller geworden", sagt Christa Fredlmeier, Projektleiterin der Wandertrilogie. Ohne eine Marke, einen Rahmen und eine lückenlose Ausschilderung gehe heutzutage gar nichts mehr. Wanderkarten könnten immer weniger deuten.

Dafür gibt es an den sogenannten Trilogieplätzen jetzt Geschichten zu lesen. Über Kultur und Natur, Land und Leute - über Menschen, die das Allgäu geprägt haben, etwa Pfarrer Kneipp oder König Ludwig II.

"Ich bin selbst immer wieder überrascht, wie vielfältig die Region ist", sagt Christa Fredlmeier. Sie schwärmt von den unbekannten Seiten des Allgäu. Etwa dem württembergischen Westallgäu um Bad Wurzach und Wangen, von mystischen Mooren und beeindruckenden Altmoränen. Drei Eiszeitgletscher formten die Landschaft: Iller-, Lech- und Rheingletscher.

Apropos formen, apropos König Ludwig: Der Märchenkönig liebte bekanntlich bauliche Inszenierungen in malerischer Umgebung. Schloss Neuschwanstein im Ostallgäu ist wohl das prominenteste Beispiel. Die schönsten Bauwerke schuf allerdings auch im Allgäu die Natur selbst. Die imposantesten befinden sich auf der rot markierten Himmelsstürmer-Route.

Auf ihr geht es auf die Allgäuer Gipfel hinauf, etwa von Oberstaufen in Richtung Hochgrat. Vorbei an den Buchenegger Wasserfällen, einem verborgenen Idyll, das bei warmem Wetter sogar geübte Felsenspringer anlockt.

Die welthöchste Dichte an Alpen - so werden Almen hier genannt

Immer wieder geht es dabei vorbei an verlockenden Einkehrmöglichkeiten: Das Allgäu hat angeblich die europaweit höchste Dichte an Alpen - so heißen im Allgäu die Almen. Auf diesen Unterschied wird Wert gelegt, schließlich befindet man sich im alemannischen Sprachraum, nicht im bayerischen.

Richtig hart wird es, wenn die Wanderer den Hochgrat erreichen, 1834 Meter über dem Meeresspiegel - nicht unbedingt konditionstechnisch, eher geologisch. Der Hochgrat gehört zur Nagelfluhkette, das ist der einzige offizielle Naturpark zwischen Deutschland und Österreich.

Der Name stammt vom Nagelfluh, einem verdichteten Konglomerat mit eingeschlossenen, abgerundeten Gesteinsbrocken, das an Waschbetonplatten erinnert. Der Nagelfluh wird im Allgäu deshalb auch Herrgottsbeton genannt. Er ist der wohl einzige Beton, den Wanderer in freier Natur schätzen.

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1. Ein schönes Fleckchen Erde
Sibylle1969 02.11.2014
Wir fahren regelmäßig im Winter für ein Ski-Wochenende ins Allgäu und übernachten meist in Obermaiselstein, manchmal auch in Fischen oder Ofterschwang. Sehr schön dort, ich habe mir fest vorgenommen, auch mal im Sommer oder im Herbst für ein langes Wochenende hinzufahren.
2. nichts besonderes
trinityguildhall 03.11.2014
Bayern, das Allgaeu und auch Oberbayern sind in der Tat einzigartig, zumindest landschaftlich. Grosse Teile der Bevoelkerung sind jedoch leider engstirnig, arrogant und latent fremdenfeindlich. Wobei "fremd" alle Nicht Bayern sind. Wer "latent" nicht versteht - Duden hilft.
3. VOM wilden Spass..
Axel Schön 03.11.2014
...der SPON-Redakteure beim Texten ihrer Schlagzeilen: was es doch für einen Unterschied macht, ob man ein "n" oder ein "m" setzt - in diesem Falle den Satz mit Vom... oder Von.. beginnt - das mag jeder sich selbst gern zusammenreimen. Ich unterstelle dem Schreiber aber die volle Absicht der Nähe zu dieser "Zweitdeutung"...
4. Pauschalisieren ist falsch
troy_mcclure 03.11.2014
Zitat von trinityguildhallBayern, das Allgaeu und auch Oberbayern sind in der Tat einzigartig, zumindest landschaftlich. Grosse Teile der Bevoelkerung sind jedoch leider engstirnig, arrogant und latent fremdenfeindlich. Wobei "fremd" alle Nicht Bayern sind. Wer "latent" nicht versteht - Duden hilft.
Ich habe diese von Ihnen geschilderten Exemplare im Allgäu (wir sind immer in Bad Hindelang und Umgebung) bisher noch nie in nennenswerter Zahl angetroffen, im Gegenteil: ein freundliches Völkchen.
5.
razer 03.11.2014
Zitat von troy_mcclureIch habe diese von Ihnen geschilderten Exemplare im Allgäu (wir sind immer in Bad Hindelang und Umgebung) bisher noch nie in nennenswerter Zahl angetroffen, im Gegenteil: ein freundliches Völkchen.
Pauschalisieren ist sicherlich immer falsch, aber der "Menschenschlag" im Allgäu ist auch, meiner Meinung nach, gegenüber "Fremden" (alles nördlich der Donau) reserviert bis offen ablehnend (Ausnahmen gibt es natürlich). Das gilt natürlich nicht so fürs Touristengeschäft. U. A. deswegen unterscheidet sich München auch so extrem vom ländlichen Bayern. In den südlichen Regionen der Alpen trifft man vor allen Dingen in Italien auf einem deutlich offeneren "Menschenschlag". Von der Landschaft eines der schönsten Gebiete Europas, was man vom Wetter nicht grade sagen kann.
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