Warnung vor Deutschland "Meide die östlichen Vorstädte"

"Die Welt zu Gast bei Freunden" lautet das Motto der WM. Doch nicht überall ist das Image der Deutschen so freundlich. Englischsprachige Reiseführer warnen ihre Leser vor Nazis und Schwulenhassern, das US-Außenministerium mahnt Touristen zur Vorsicht.


Hamburg - Moctar Kamara ist wütend. "Der Angriff in Potsdam hat es gezeigt: Die Bundesregierung hat bislang keine dauerhaften Maßnahmen gegen Fremdenhass und rassistische Gewalt in Deutschland ergriffen", sagt der Afrikaner, der seit zehn Jahren in Berlin lebt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Mit dem Afrika-Rat, der rund 25 afrikanische Vereine in Berlin und Brandenburg vertritt, hat Kamara nach dem mutmaßlich fremdenfeindlichen Überfall auf einen deutsch-äthiopischen Ingenieur eine öffentlichkeitswirksame Aktion gestartet: Die Dachorganisation erstellt eine Liste mit sogenannten No-Go-Areas in Deutschland, die Farbige besser meiden sollten. Erfasst werden sollen neben Bushaltestellen, Kneipen und Diskotheken auch ganze Stadtviertel, die für Nicht-Weiße gefährlich sein könnten: zunächst in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt, später im ganzen Bundesgebiet.

Warnung vor deutschen Neonazis: "Das Misstrauen hat zugenommen"
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Warnung vor deutschen Neonazis: "Das Misstrauen hat zugenommen"

"Wir kennen diese Orte aus unserer Erfahrung", sagt Kamara. "Wir bekommen regelmäßig Hinweise von Afrikanern, die Opfer fremdenfeindlicher Angriffe wurden. 80 Prozent von ihnen gehen aus Angst nicht zur Polizei, aber wir schreiben das auf." Noch stehe nicht fest, ob die Liste als Karte, Broschüre oder in einer anderen Form veröffentlicht wird. "Wenn von der Bundesregierung und dem Berliner Abgeordnetenhaus nichts kommt, werden wir die Liste zwei Wochen vor der Weltmeisterschaft veröffentlichen." Auch an Schlachtenbummler aus afrikanischen Staaten und an farbige Fans aus anderen Ländern soll sie verteilt werden.

Steht der Republik also kurz vor der WM, wenn die ganze Welt auf Deutschland blickt, eine peinliche "Reisewarnung" ins Haus? Immerhin reisen mit Angola, Togo, Ghana, der Elfenbeinküste und Tunesien gleich fünf afrikanische Mannschaften an. In zahlreichen Teams, darunter auch die deutsche Nationalmannschaft, kicken farbige Spieler. Führende Berliner Politiker haben den geplanten Warnkatalog scharf kritisiert. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) stritt eine generelle Gefährdung für bestimmte Bevölkerungsgruppen ab, CDU-Innenexperte Frank Henkel sprach laut der "Welt am Sonntag" von "grobem Unfug und Panikmache".

"Ethnisch motivierte Gewalt"

Alles Übertreibung also? Wenn die Aufregung hochkocht, lohnt sich ein Perspektivenwechsel: Was sagen englischsprachige Reiseführer, die Tausenden von Gästen während der WM zur Orientierung dienen werden, über die Gefahr, in Deutschland Opfer von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu werden?

Die wohl bekannteste englischsprachige Reiseführer-Reihe ist der australisch-britische "Lonely Planet". In dessen aktuellem Deutschland-Führer kommt die Bundesrepublik verhältnismäßig gut weg. "Deutschland ist ein sehr sicheres Reiseland", schreiben die Autoren, fügen aber hinzu: "Das Misstrauen zwischen Zuwanderern und einem bestimmten Teil der deutschen Gesellschaft hat seit der Wiedervereinigung zugenommen. Dies hat sich auf brutalste Weise in ethnisch motivierter Gewalt gezeigt - ein alarmierender Trend." Auch Warnungen beinhaltet das Buch: "Skinheads, 'Glatzen' genannt, sind eine mögliche Quelle für Konflikte, weil sie zu plötzlichen Wutausbrüchen neigen, vor allem gegen Menschen, die ihnen 'ausländisch aussehend' erscheinen."

Der ebenfalls weit verbreitete amerikanische "Rough Guide" spricht sogar konkrete Warnungen aus - und nimmt damit vorweg, was der Afrika-Rat erst noch vorhat. Im Berlin-Führer heißt es: "Bei Nacht ist es in den Vorstädten, vor allem in den östlichen Vorstädten Lichtenberg und Marzahn, ratsam, vorsichtig zu sein. Ethnisch motivierte Angriffe sind in diesen 'Hochburgen' von Neonazis und Skinheads eine echte Gefahr. Diese Schläger neigen dazu, jeden anzupöbeln, der auffällt - und zwar nicht nur wegen der Hautfarbe. Einfach nur 'ausländisch' zu sein oder ungewöhnlich auszusehen, reicht als Grund…"

Auch die vom britischen "Independent" als "bester Stadtführer" empfohlene Reihe "Time out" warnt den Leser in ihrem Berlin-Führer vor dem Ostteil der deutschen Hauptstadt: "Meide die östlichen Vorstädte, wenn du schwul oder nicht-deutsch aussiehst."

10.000 Service-Botschafter

Der US-Reiseführer "Frommer's Germany" mahnt seine Leser ebenfalls zur Vorsicht: "Hooligans, meistens junge, betrunkene Skinheads, sind dadurch aufgefallen, dass sie Menschen, die sie für Ausländer (…) halten, belästigen oder sogar angreifen. (...) Mehrere Amerikaner haben berichtet, dass sie aus ethnischen Gründen oder weil sie 'ausländisch' erschienen, angegriffen wurden." Besondere Brisanz erlangt diese Warnung dadurch, dass sie so fast wortwörtlich auch auf der offiziellen Website des US-Außenministeriums auftaucht.

Auch die bekannte Reihe "Cultureshock", die ihren Lesern tiefgehende Hintergrundinformationen über das Reiseland verspricht, warnt vor fremdenfeindlichen Tendenzen in Deutschland: "Zusätzlich zu dem winzigen Prozentsatz von Deutschen, die diesen (Neonazi-)Gruppen angehören, gibt es leider eine beträchtliche Zahl, die weitgehend mit den Ansichten der Neonazis im Bezug auf Ausländer übereinstimmen."

Natürlich warnen Reiseführer auch in anderen Ländern vor Fremdenfeindlichkeit. Zudem hat die Bundesregierung bereits mehrere Projekte gestartet, um Deutschland während der WM als weltoffenen Gastgeber zu präsentieren. So hat etwa das Arbeitsministerium in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn das Projekt "Service Botschafter" initiiert: Bis zur WM sollen 10.000 Hotelangestellte, Kellner, Taxifahrer und andere Dienstleister für Toleranz geschult werden. In Tageskursen werden die Teilnehmer mit dem Leben von Migranten in Deutschland sowie mit Sitten und Gebräuchen ferner Länder vertraut gemacht. Ob das reicht, um WM-Gästen die Bedenken vor einem Abendspaziergang in Berlin-Marzahn zu nehmen?



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