Wein auf Mallorca Veni, vidi, vino!

Abseits von Massentourismus und Edel-Residenzen boomt auf Mallorca seit einigen Jahren der Weinbau – ein paar deutsche Winzer mischen auch schon mit. Erholung und Muße finden Weinfreunde in paradiesisch-edlen Nachtquartieren.

Von Emanuel Eckardt


Ánima Negra! Teufel auch, wo ist sie nur, die schwarze Seele, das Weingut, das den teuren Kultwein produziert, den nur die besten Restaurants auf der Karte führen? Kein Schild, kein Hinweis, Irrwege durch landwirtschaftlich genutztes Flachland. Reben. Weiden. Eine Schafherde, die mit umherirrenden Fahrzeugen Erfahrung zu haben scheint. Ein Bauernhof.

Weinlese auf Mallorca: Prensal-blanc-Trauben werden handgelesen und sortiert
Markus Bassler

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Hallo, ist hier jemand? In der Küche tafelt eine Familie. Sie schickt den Sohn als Führer mit. Der kleine Kerl radelt voraus durch verschlungene Hohlwege, hält schließlich an einem unscheinbaren Gehöft. Schweine, Hühner, allerlei Schrott, wie er auf Bauernhöfen herumliegt. Das soll das Weingut Ánima Negra sein? Der Junge nickt. Gehen Sie hinein!

Hinter einem großen Tor eine andere Welt. Abfüllanlagen, Stahltanks, Barriques, ein höchst aufgeräumter, blitzsauberer Zweckbau, aus guten Gründen unauffindbar: Man will keinen Besuch, keine Besichtigung, keinen Direktverkauf. Man kultiviert den Mythos um den Wein, der aus dem Nichts entstand.

Als Miquel Ángel Cerdà, Pere Obrador und der Önologe Francesc Grimalt 1994 mit einigen Freunden auf die Idee kamen, Wein für den eigenen Bedarf zu keltern, fingen sie mit einem Milchtank an, den ein Bauer übrig hatte. Es funktionierte. Sie sicherten sich die Erträge von über 100 Parzellen, arme Böden, auf denen die lokale Traubensorte Callet gedieh. Callet braucht wenig Wasser, aber unendlich viel Zuwendung. Die Trauben reifen nie zur gleichen Zeit, sind an einem Stock überreif und grün zugleich und können deshalb nur in mehreren Durchgängen geerntet werden.

"Die EU hat viel Geld bezahlt, um die Callet verschwinden zu lassen", weiß Miquel Ángel Cerdà und entnimmt einem Barrique aus neuer französischer Eiche eine Probe des Jahrgangs 2004. Tiefes Kirschrot, konzentrierte Frucht, Säure und Tannine perfekt balanciert. Großer Abgang mit einem Hauch von Bitterschokolade. Die Fachwelt bescheinigte dem Ánima Negra 2002 Potenzial für zehn bis fünfzehn Jahre. Kein Zweifel, auch diesem Tropfen ist eine große Zukunft beschieden.

Weinbau boomt auf der Insel

In Mallorca hat die Zukunft gerade begonnen, die Insel erlebt dynamische Gründerjahre, eine geradezu weinselige Aufbruchstimmung. Weinbau boomt. Obwohl Grund und Boden auf der Ferieninsel rasend teuer sind, wachsen die Flächen, auf denen Reben gepflanzt werden, in rasantem Tempo. Veni, vidi, vino! "Allein im letzten Jahr sind 22 neue Weingüter hinzugekommen", erzählt Lena-Luiza Hertle vom Marktführer Macià Batle. Die Familie macht Wein seit 1856 und unterhält den schönsten Keller der Insel.

Der Saal für Weinproben ist zugleich eine Kunsthalle, die Bodega vom renommierten Architekten Llorenç Colom im mallorquinischen Stil aus hellem Naturstein erbaut, 2004 übernahm die Familie auch noch das Weingut Santa Catarina. Damit ist sie größter Weinproduzent auf Mallorca.

Ramon Servalls i Batle steuert das Unternehmen wie einen Konzern. Der Preis stimmt, Werbung hilft: "Er ist blond. Er ist Mallorquiner. Er wird auch bei 40 Grad nicht rot", heißt es über den Blanc de Blancs. "Wir machen fröhliche und bekömmliche Weine, die sich gut trinken lassen", lacht Lena-Luiza.

Mallorcas Weinbauern verströmen wetterfesten Optimismus. "Wir haben eine unangenehme Erfahrung machen müssen: Manchmal regnet es, wenn es uns nicht passt", berichtet Pedro Coll Pastor. Gemeinsam mit seinem Bruder Ramón hat er auf dem historischen Landgut Son Bordils die Maschinenernte eingeführt. "Es ist klüger, den Zeitpunkt der Ernte genau festzulegen, statt ihn über eine Woche auszudehnen. Die Trauben ändern sich schnell unter der Sonne. Die Säure ist im Nu weg. Was früher fünf Tage dauerte, ist nun an einem Tag geschafft." Die Brüder ließen sich von Weinbauexperten aus Südfrankreich beraten. Von dort stammen auch ihre roten Hauptsorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. Die Rebstöcke aus dem Rhônetal kommen mit dem kargen Lehm-Kalkboden der Insel gut zurecht.

Das Ende kam mit der Reblaus

Weinbau hat auf der Insel eine lange Tradition. Als König Jaume I. vor 777 Jahren Mallorca den Arabern wieder entriss, gab es schon aufs feinste kultivierte und bewässerte Rebflächen auf der Insel. Im 15. Jahrhundert waren allein in Palma 156 Keller registriert.

Weinbusiness prägte die Insel. Im Zeitalter der Revolutionen produzierte sie 15 Millionen, 100 Jahre später 75 Millionen Hektoliter. Zwei Drittel gingen in den Export, mehr als die gesamte Produktion des heutigen Spanien. Dann kam 1901 die Katastrophe – die Reblaus fiel – 20 Jahre, nachdem sie Frankreichs Weinberge ruiniert hatte – in Mallorca ein, vernichtete die Pflanzen und damit die Existenzgrundlage Tausender Weinbauern und ihrer Familien. Sie verließen die Insel, die sie nicht mehr ernähren konnte – die größte Auswanderungswelle in der Geschichte der Balearen. Auf den verlassenen Anbauflächen wurden Mandelbäume gepflanzt.

Heute sind rund 2500 Hektar Weinberge kultiviert. Die Insel produziert 37.000 Hektoliter pro Jahr, was 0,2 Promille der europäischen oder 0,8 Promille der spanischen Weinproduktion entspricht. Wahrlich nicht viel. Aber die Nische hat es in sich. Moderne Kellertechnik und der Ehrgeiz einiger Newcomer, in der europäischen Liga mitzuspielen, bringen Erstaunliches hervor.



insgesamt 401 Beiträge
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Seite 1
Umberto, 28.08.2006
1.
---Zitat von sysop--- Wie viel Sorgfalt verwenden Sie auf die Auswahl Ihres Lieblingsgetränkes? ---Zitatende--- Nicht so schrecklich viel: Kaffee = CHAT NOIR Wasser = Perrier (beim Radsport: Kaiserbrunnen) Sonst nichts!
sojiti, 28.08.2006
2. //Also gut, ich schreib halt auch was//
---Zitat von Umberto--- Nicht so schrecklich viel: Kaffee = CHAT NOIR Wasser = Perrier (beim Radsport: Kaiserbrunnen) Sonst nichts! ---Zitatende--- Kein Sekt? Kein Wein? Nicht mal einen Cognac ab und zu nach dem Essen? (oder ist das der Ausgleich zum Rauchen?)
Umberto, 28.08.2006
3.
---Zitat von sojiti--- Kein Sekt? Kein Wein? Nicht mal einen Cognac ab und zu nach dem Essen? (oder ist das der Ausgleich zum Rauchen?) ---Zitatende--- Kein Sekt, kein Wein und auch kein Cognac! (Kann gut sein)
sojiti, 28.08.2006
4.
---Zitat von Umberto--- Kein Sekt, kein Wein und auch kein Cognac! (Kann gut sein) ---Zitatende--- (Ich gebe zu, ohne meinen Sekt würde mir was fehlen...) Auch keine Milch? Keinen Saft? Oder mal einen Tee?
Umberto, 28.08.2006
5.
---Zitat von sojiti--- Auch keine Milch? Keinen Saft? Oder mal einen Tee? ---Zitatende--- Nein, nicht mal das (scheint ein Dialog zwischen uns zu werden, hat wohl sonst keiner Interesse).
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