Weitwanderin Angela Maxwell "Ich gehe westwärts um die Welt"

Wenn sie wieder in Oregon ankommt, ist die Reise vorbei: Seit drei Jahren wandert die US-Amerikanerin Angela Maxwell immer gen Westen. Im Interview erzählt sie, warum sie am liebsten in der Einsamkeit zeltet.

Ein Interview von


Zur Person
  • Marie Maxwell
    Angela Marie Maxwell, 35, war als Beraterin für Unternehmerinnen selbständig, bevor sie im Mai 2014 in ihrer Heimatstadt Bend im US-Staat Oregon aufbrach, um die Welt zu Fuß zu umrunden. Seither ist sie durch Westaustralien, Vietnam, die Mongolei, Georgien, die Türkei, Sardinien, Sizilien, Schottland und England gewandert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Maxwell, in einem Video auf Ihrem Blog sagen Sie, dass Sie gern einen Schnurrbart wie Burt Reynolds hätten. Das müssen Sie uns genauer erklären!

Maxwell: Das Video ist in der Mongolei entstanden, wo ich wochenlang durch heftige Schnee- und Eisstürme gelaufen bin. Mir ist ständig die Nase gelaufen, nach einigen Tagen war sie vom dauernden Putzen total wund. In diesem Augenblick habe ich mir einen Schnurrbart gewünscht, weil der den Rotz auffängt. Einen schön großen, so wie den von Burt Reynolds.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit mehr als drei Jahren unterwegs, um zu Fuß die Welt zu umrunden, im Moment wandern Sie durch England. Wie viele Kilometer haben Sie schon zurückgelegt?

Maxwell: Etwas mehr als 10.000. Eigentlich ist mir die Zahl ziemlich egal, aber weil ich das ständig gefragt werde, habe ich es ausgerechnet. Es ist auch nicht so, dass ich die Erde auf dem kürzesten Weg umrunden will - obwohl das anfangs mein Plan war.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie davon abgebracht?

Maxwell: Eine sehr gute Freundin, der ich als Erste von meiner Idee erzählt habe. Ich zeigte ihr die grobe Route, eine ziemlich gerade Linie, einmal um den Globus. Sie fragte mich dann, ob ich die Länder, durch die der Strich führte, wirklich alle sehen wollte. Da wurde mir klar, dass der kürzeste Weg für mich nicht der beste war. Ich wollte keiner festgelegten Route folgen, sondern mich treiben lassen und dorthin gehen, wo mein Herz oder Begegnungen mit Menschen mich hinführen.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen ohne Ziel?

Maxwell: Start und Ziel ist meine Heimatstadt Bend in Oregon. Von dort gehe ich westwärts um die Welt - und wenn ich dort wieder ankomme, ist meine Reise vorbei. Als Nächstes werde ich durch die Niederlande laufen, weil ich in Schottland ein paar nette Niederländer kennen gelernt habe. Sie haben mich eingeladen, in ihrer Gemeinde einen Vortrag zu halten. Zum Teil muss ich auch aus ganz banalen Gründen meine Route ändern, etwa wenn mein Visum ausläuft.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, um den Globus zu gehen?

Maxwell: Ich habe von jemandem gelesen, der dasselbe gemacht hat - und es fühlte sich an, als hätte jemand das Licht angeknipst. Ich glaube, das kann man mit der Berufswahl vergleichen: Wann wird einem klar, dass man Zahnarzt werden will? Oder Tischler? Irgendwann weiß man es eben, und dann gibt es kein Zurück mehr. So war es bei mir mit der Wanderung.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie vorher schon mal länger gewandert?

Maxwell: Nein, ich hatte vorher auch noch nie wild gecampt. Außerdem hatte ich einen Beruf, der mir Spaß machte, und eine Beziehung mit einem großartigen Mann. Trotzdem wusste ich, dass ich es den Rest meines Lebens bereuen würde, wenn ich es nicht tue. Ich habe alles aufgegeben - Beziehung, Job, Wohnung - und bin los.

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Weitwandern um die Welt: Immer westwärts

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Start in Ihrer Heimat sind Sie nach Australien geflogen, um im Outback zu wandern. Warum haben Sie sich gleich zu Beginn eins der wohl härtesten Wanderreviere der Welt ausgesucht?

Maxwell: Weil ich mir beweisen wollte, dass ich das schaffe. Wenn man tagelang allein in dieser Hitze unterwegs ist, zusammen mit einigen der giftigsten Schlangen der Welt, haut einen so schnell nichts mehr um. Tatsächlich ist die Kimberley-Region in Westaustralien bisher mein Lieblingsort, weil es einer der letzten unberührten Orte auf Erden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie campen lieber allein in einer gottverlassenen Gegend, als Leute um sich zu haben?

Maxwell: Ja. Viele denken an all die schrecklichen Dinge in der Einsamkeit, die passieren könnten, wohingegen sie sich auf einem Campingplatz mitten in der Stadt sicher fühlen. Bei mir ist es umgekehrt. Du kannst mit einer guten Ausrüstung und der richtigen Einstellung durch den heftigsten Schneesturm kommen - die unberechenbarste Komponente ist der Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Maxwell: In der Mongolei wurde ich einmal nachts im Zelt angegriffen. Im Endeffekt ist alles gut gegangen, aber in dem Moment fühlte ich mich völlig wehrlos und dem Angreifer ausgeliefert. Nach dem Vorfall änderte sich das.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Maxwell: Mein Zelt hat zwei Eingänge. Ich versuche jetzt immer, es so an einen Baum oder einen Hügel zu stellen, dass ein Eingang versperrt ist. Außerdem binde ich den Reißverschluss von innen zu und habe Pfefferspray dabei. Mein Rat: Tu alles, um dich sicherer zu fühlen - denn darum geht es. Und man darf nicht vergessen, dass die Wahrscheinlichkeit, angegriffen zu werden, gering ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nach dem Angriff daran gedacht abzubrechen?

Maxwell: Ja. In den ersten Tagen danach war ich extrem unsicher und ängstlich. Aber ich wollte den Mut finden weiterzumachen - und das hat geklappt. Dabei hat mir auch Ogii geholfen. Er war Beschützer und Freund in einem.

SPIEGEL ONLINE: Ogii?

Maxwell: Ein Straßenhund, der mich auf dem restlichen Weg durch die Mongolei begleitete. Wochenlang, insgesamt fast tausend Kilometer. Ogii schlief vor meinem Zelt und ließ mich nie aus den Augen. Als ich die Mongolei verließ, musste ich mich von ihm trennen. Er hatte keine Papiere. Ihn mit in ein anderes Land zu nehmen, wäre sehr schwierig geworden. Es war härter, sich von ihm zu verabschieden, als nach dem Angriff weiterzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auf Ihrer Reise auch zu Menschen so ein inniges Verhältnis entwickelt?

Maxwell: Eher selten. Ich bin introvertiert, Menschenansammlungen sind mir ein Graus.

SPIEGEL ONLINE: An dem Anhänger, in dem Sie Ihr Gepäck hinter sich her ziehen, hängt ein großes Schild: "She walks the Earth". Das wirkt nicht gerade zurückhaltend.

Maxwell: Stimmt, aber das Schild ist in gewisser Weise auch meiner Introvertiertheit geschuldet: Die Leute sprechen mich an und nicht umgekehrt. Wenn ich aber eher für mich bleiben möchte, verdecke ich es.

SPIEGEL ONLINE: Wovon leben Sie?

Maxwell: Größtenteils von Erspartem. Ich habe vor meiner Reise alle meine Sachen verkauft und brauche jetzt im Schnitt fünf Dollar am Tag. Meistens ernähre ich mich von Müsliriegeln und Instant-Nudeln, und ich gebe nichts für Unterkünfte aus. Außerdem nehme ich Spenden an - in Form von Essen, Trinken, einer Dusche oder auch Geld. Zehn Prozent jeder Spende gebe ich an eine gemeinnützige Organisation weiter, die Frauen weltweit zusammenbringt und unterstützt.

So, jetzt muss ich aber los, meine Mutter wartet.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter?

Maxwell: Sie wandert gerade zwei Wochen mit mir durch England. Gleich wird es dunkel, und wir haben noch keinen Platz gesucht, wo wir unser Camp aufschlagen. Deshalb ist sie ein bisschen nervös. Ansonsten macht sie aber mit ihren 70 Jahren alles mit. Ich bin total stolz auf sie.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sie gesagt, als Sie ihr von Ihrer Idee erzählt haben, um die Welt zu gehen?

Maxwell: Damals hat sie mich angefleht, es nicht zu tun. Heute ist sie der größte Fan meines Plans.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
rgw_ch 06.07.2017
1. Westwärts
Vermutlich habe ich einfach das Konzept nicht richtig verstanden, aber wenn sie erst durch Schottland und dann durch die Niederlande wandert, dann ist ihre allgemeine Richtung nicht "westwärts". Ist denn gemeint, dass sie einfach jedes Land einzeln von Ost nach West durchquert? Aber das ist wahrscheinlich in den Niederlanden auch nicht machbar, weil sie ja vermutlich per Flugzeug oder Schiff im Westen des Landes ankommen wird, und dann Richtung Osten gehen muss. Ich meine, das ist natürlich im Grunde egal, und es bleibt eine grosse Leistung, so viele Länder um die ganze Welt zu erwandern. Aber wieso "westwärts"?
diechefin 06.07.2017
2. Die gefährlichste
Gegend steht ihr noch bevor. Sie muss noch quer durch die USA, dort sind Fußgänger per se gefährdet, entweder zu arm oder verrückt und damit Freiwild.
Papazaca 06.07.2017
3. Beeindruckende Reise
Das ist eine Reise bzw. Wanderung, die mich beeindruckt. Besonders die Unterschiedlichkeit der Welt kennen zu lernen. Freunde, die mit dem Fahrrad von Deutschland nach Kapstadt geradelt sind, haben mir auch von einem ähnlichen Verhalten gegenüber Menschen erzählt. Sie versuchten auch, den Kontakt zu Menschen zu minimieren, wegen eingebildeter oder tatsächlicher Gefahren. Diese Reise ist im strengen Sinn keine Weltreise. Aber das ist absolut nachvollziehbar, es gibt einfach zu viele Länder, die gefährlich sind, besonders für eine alleinreisende Frau. Da ist es nachvollziehbar, sich die eher unproblematischen Länder auszusuchen. Die Kimberley's in Australien muß eine faszinierende Gegend sein. Ich habe wirklich viel Respekt vor dieser Frau, beneide sie, würde mich aber nicht zu so einer Reise trauen. Zuviel Angst oder sagen wir Respekt vor den Gefahren. Erinnert mich an das Buch von Jon Krakauer "Into the Wild". Die Welt und ihre Natur - dazu gehören wilde Tiere aber auch Menschen - ist nicht nur romantisch sondern saugefährlich. Ich hoffe, Angela Maxwell kommt gesund nach Hause.
fatherted98 06.07.2017
4. ja...
...da hat sie viele Vorgänger die das schon gemacht haben...sogar barfuß...durch Afrika, Australien die USA....alles schön und gut...teilweise beneidenswert wegen der persönlichen Freiheit....ich würde allerdings dort wo es geht das Motel dem wilden campen vorziehen...aber jeder wie er möchte.
s_v_l 06.07.2017
5. Ein schöner Gegenentwurf
zum kürzlich erschienenen SPON-Beitrag, bei dem es um hochgezüchtete Luxus-Expeditions-LKW-Wohnmobile ging, mit denen betuchte Wohlstandsbürger versuchen, dem Alltag zu entfliehen. Das minimalistische Prinzip von Mrs. Maxwell gefällt mir und ich wünsche ihr alles Gute auf ihrem weiteren Weg.
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