Weltumsegler Wilfried Erdmann Ein Leben in Wellen

Wilfried Erdmann war 1968 der erste Deutsche, der allein die Welt umsegelte. Viele weitere Abenteuer auf dem Wasser folgten - Ausbrüche aus dem Alltag, die für die meisten Segler immer ein Traum bleiben. Seiner Familie machte er es damit nicht leicht.

Wilfried Erdmann

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Wenn Segler in der Nähe sind, wird es eng für Wilfried Erdmann. Dann wollen alle etwas von ihm, Autogramme, Ratschläge, ein Gespräch, aber vor allem wollen sie etwas loswerden: Dank, Lob, Glückwünsche. Der Mann mit dem weißen Haar und dem Schnauzer ist vielleicht 1,70 Meter groß. Doch für seine Bewunderer ist er ein Segler, der viele überragt, eine Symbolfigur und Inspiration. Erdmann ist aus dem Alltag ausgebrochen und um die Welt gesegelt, immer wieder. Er hat einen Traum gelebt, der für viele immer eine unerfüllte Sehnsucht bleiben wird.

Auf der Wassersportmesse Boot in Düsseldorf, wo Erdmann gerade sein neues Buch vorstellt, umringen ihn die Menschen, sobald er stehenbleibt. Viele fühlen sich ihm seit Jahren verbunden, durch seine Segelerlebnisse und durch die Bücher, die er in mehr als 40 Jahren auf dem Wasser darüber geschrieben hat. "Mein Schicksal heißt 'Kathena'" machte den Anfang, entstanden nach seiner ersten Weltumsegelung 1968, der ersten überhaupt, die ein Deutscher allein geschafft hatte. Nun ist "Ich greife den Wind" erschienen, 640 Seiten dick - ein Lebenswerk im Wortsinn.

Er hat es geschrieben, sagt Erdmann, "weil ich so oft danach gefragt wurde". Weil so viele wissen wollten, wie er zu dem Segler wurde, der er ist. Also erzählt er einmal mehr, wie er Meere und Flüsse bezwang, allein, mit Frau, mit Kind, mit dem Wind, gegen den Wind, mit Zwischenstopps und ohne. Er erzählt aber auch von seiner Jugend, einer Zeit, die in seinen Berichten bislang zu kurz gekommen ist. Das Buch ist sein persönlichstes, durch den Inhalt und durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Es erzählt, wie ein verlorener Mensch über das Segeln zu sich selbst fand - und wie er nun, im Alter, ohne zurechtkommen muss.

Er wollte die Welt bereisen - und verlor seine Heimat

Schon immer sei er viel unterwegs gewesen, sagt Erdmann in einem der seltenen stillen Momente auf der Messe, an einem Stand abseits der Seglermassen. "Mehr noch, als im Buch steht." Angefangen von der Flucht der Familie aus Pommern ins heutige Brandenburg, wo die Eltern hart arbeiteten, um sich und ihre zwei Söhne durchzubringen. Das Leben bestand aus Arbeit, Arbeit, Arbeit, sagt Erdmann, auch für die Kinder. Feldarbeit, Ziegen hüten, Ausmisten. Mit 17 Jahren, kurz vor dem Mauerbau, reiste er in den Westen aus. Der gelernte Tischler wollte weg aus der DDR, die Welt bereisen, die er aus seinen Schulbüchern kannte - und verlor so seine Heimat. Erst Jahre später sah er seine Familie wieder.

Er war rastlos, allein, radelte nach Indien, arbeitete als Matrose, wechselte Arbeitsstellen, Wohnungen, Freundinnen. Er fühlte sich nirgendwo zu Hause - bis er sich seine "Kathena" leisten konnte, jenes Segelboot, mit dem er 1968 seinen ersten Törn um die Welt schaffte. "Ich hatte endlich etwas Eigenes", sagt er, und das betraf nicht nur das Boot. Es war das Segeln, sein Segeln, und die Art, wie er davon berichtete. Er fand Selbstvertrauen und Anerkennung. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Er berührt die Menschen, damals wie heute.

"Weil er genau das macht, wovon ich träume", erklärt ein Segler, der sich auf der Messe gerade ein Autogramm geholt hat. "Weil er zeigt, dass es eine Alternative zum Hamsterrad gibt", sagt Moderator Ranga Yogeshwar, der durch die Buchvorstellung führt. "Weil er authentisch ist, seinen eigenen Weg gefunden hat und auf diesem auch geblieben ist", sagt Erdmanns Sohn Kym, 41 Jahre alt. "Die meisten würden das nicht schaffen - ich wahrscheinlich auch nicht."

Seine Frau überlegte, die Türschlösser auszutauschen

Es gehört einiges dazu, ein solches Leben zu leben, ein starker Willen, Gelassenheit, eine tolerante Familie - "und auch ein bisschen Egoismus", sagt Erdmanns Frau Astrid. Teils monatelang hat sie auf den Nonstop-Fahrten ihres Mannes nichts von ihm gehört. "Ich habe schon manchmal überlegt, ob ich die Türschlösser austausche", sagt sie. "Aber wenn es keinen Ausweg gibt, keine andere Möglichkeit, dann muss der Mensch das machen." Es gab keine andere Möglichkeit, für ihn nicht und auch nicht für sie. Sie wusste, worauf sie sich einlässt: Als sie sich 1966 kennenlernten, startete er gerade seine Weltumsegelung. Zwei Jahre später, bei seiner Rückkehr, wurden sie ein Paar. Auch für sie war das das Ende eines geregelten Alltags.

Das Auf und Ab, jene "Wellenförmigkeit", mit der Kym Erdmann das Leben seines Vaters beschreibt, traf auch immer auf die Familie zu. Wenn Erdmann nicht da war, mussten auch Frau und Sohn mit dem Alleinsein zurechtkommen und mit den Sorgen um sein Wohlergehen. Wenn er ein Buch schreibt, lesen sie es zuerst. Sie kümmern sich um die Fotos und Anfragen von Journalisten. Und wenn er zur Messe fährt oder zu Vorträgen, sind auch sie oft dabei und setzen sich den Menschenmassen aus. Lob, Kritik, Geld, kein Geld - sein Segeln hat ihr aller Leben bestimmt, auch wenn sie nicht immer mit auf dem Wasser waren.

Eigentlich wollte er noch mal los - aber vielleicht ist es zu spät

"Ich bin zufrieden", sagt Wilfried Erdmann auf die Frage, ob er stolz ist auf das, was er geleistet hat. "Was mich stolzer macht, ist, dass ich es geschafft habe, all die Jahre als Unabhängiger zu überstehen, nur mit sporadischem Einkommen. Das ist eigentlich meine Leistung." Er hat sich an die Notwendigkeit gewöhnt, seine Erlebnisse zu verkaufen.

Autogramme sind bei ihm kleine Kunstwerke, die er routiniert zwischen Buchdeckel zeichnet, Unterschrift plus Segelboot. Er beantwortet Fragen, die ihm schon viel zu oft gestellt wurden. Wie er mit den Stürmen zurechtgekommen ist, mit der Angst unterzugehen, vielleicht sogar zu ertrinken. Wie er die Einsamkeit ausgehalten hat. Wie er seine Boote ausgestattet, gesteuert, finanziert hat. Er hat sich daran gewöhnt, auf dem Trockenen vom Wasser zu erzählen. Eigentlich wollte er längst noch mal los - aber vielleicht ist es dafür zu spät. Im April wird er 74.

Ihm selbst gefällt der Gedanke, dass er in seinem Alter noch ein Abenteuer wagen könnte. Doch schon im vergangenen Jahr war er nicht auf dem Wasser und in dem davor auch nicht. Er will, wenn überhaupt, länger fort, sagt Erdmann. Nur am Wochenende segeln "ist nicht so mein Ding". Er braucht mehr Zeit für das Wasser. "Das Meer wird nie langweilig. Auf See zu sein ist ein Wunder", schreibt er in seinem Buch. Er mag sich Träume erfüllt haben. Doch die Sehnsucht wird immer bleiben.

Wilfried Erdmann: "Ich greife den Wind: Erinnerungen". Delius Klasing; 24,90 Euro (bei Amazon erhältlich)

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 21.01.2014
1. cooler Typ
Zitat von sysopWilfried ErdmannWilfried Erdmann war 1968 der erste Deutsche, der allein die Welt umsegelte. Viele weitere Abenteuer auf dem Wasser folgten - Ausbrüche aus dem Alltag, die für die meisten Segler immer ein Traum bleiben. Seiner Familie machte er es damit nicht leicht. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/weltumsegler-wilfried-erdmann-autobiografie-ich-greife-den-wind-a-944459.html
beneidenswertes Lebenswerk, hab viele seiner Bücher gelesen, übrigens absolut empfehlenswert, und hab in Gedanken immer mit ihm getauscht.
fiftysomething 21.01.2014
2. Von Erdmann
habe ich mein erstes und einziges Autogramm gekriegt... Boot '74
blowup 21.01.2014
3. grenzenloser Respekt
Zitat von fiftysomethinghabe ich mein erstes und einziges Autogramm gekriegt... Boot '74
Wenn ich mir ein einziges Autogramm aussuchen dürfte, wäre es von W E. Ich habe grenzenlosen Respekt vor diesem Mann und seinem Lebenswerk. Habe vieler seiner Bücher gelesen und die Weltumrundung mit 60 Jahren alleine gegen den Wind nehme ich immer wieder zur Hand. Keine Frage: Wilfried Erdmann ist ein Vorbild wie es nur wenige gibt.
to5824bo 21.01.2014
4. Erdmanns Lebenswerk
Über sein seemännisches Lebenswerk muss man nichts mehr sagen - es ist großartig. Aber es sei ein Wort zu seinen zahlreichen Büchern gesagt: Es handelt es sich um großartig geschriebene Reiseliteratur, die nur eines (und zum Glück) vermissen lässt: Das Spinnen von Seemannsgarn.
THINK 21.01.2014
5.
Zitat von sysopWilfried ErdmannWilfried Erdmann war 1968 der erste Deutsche, der allein die Welt umsegelte. Viele weitere Abenteuer auf dem Wasser folgten - Ausbrüche aus dem Alltag, die für die meisten Segler immer ein Traum bleiben. Seiner Familie machte er es damit nicht leicht. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/weltumsegler-wilfried-erdmann-autobiografie-ich-greife-den-wind-a-944459.html
Genaugenommen müsste ich Wilfried Erdmann (+ Astrid + Kym) ein sattes Therapiehonorar zahlen. Seine Bücher machten es mir jahrzehntelang möglich, zu entspannen und mich zu angenehmeren Orten wegzuträumen. Als rationaler Mensch werde ich vermutlich nie auf Wilfrieds Spuren wandeln, aber seine Bücher bequem im Sessel lümmelnd zu lesen, gehört für mich zu den grossen Genüssen des Lebens.
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