Weltwanderer Jean Béliveau "Das Schwierigste ist der erste Schritt"

An seinem 45. Geburtstag verabschiedet sich Jean Béliveau von seinen Kindern, küsst seine Frau und geht los. Sechs Jahre später ist er immer noch unterwegs. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Mann aus Montreal, der zu Fuß um die Welt will – und schon bei New York fast gescheitert wäre.


"Lauf, Forrest, lauf!" scherzten die Kinder, als Jean Béliveau am 18. August 2000 um 9.10 Uhr das Haus seiner Familie in Montreal verließ. Sie spielten auf die Filmfigur "Forrest Gump" an, die zu Fuß Amerika durchquert – eine geradezu mickrige Route im Vergleich zu den geplanten 75.000 Kilometern, die Béliveau in seiner schwarzen Mappe als Gesamtstrecke zusammenaddiert.

Er lebt von Spenden, den Überweisungen seiner Frau und von der Gastfreundschaft derer, denen er begegnet. Béliveau schlief in der Wüste, auf Feuerwehrstationen und einmal sogar in einem Mausoleum. Der "World Wide Walk" soll ein Zeichen setzen für den Frieden und für die Kinder der Welt, doch hauptsächlich ist es für Béliveau eine zwölfjährige Selbstfindungstour. Jetzt hat der Kanadier Deutschland erreicht. SPIEGEL ONLINE sprach mit ihm in Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Nach 38 Ländern und fast 40.000 Kilometern sind Sie vor ein paar Tagen in Deutschland angekommen. Schön hier?

Béliveau: Deutschland ist etwas ganz Besonderes, weil ich hier meinen Sohn, meine Tochter und meine Enkeltochter treffe. Gestern habe ich meine fünfjährige Enkelin zum ersten Mal gesehen am Hamburger Flughafen, und da war eine eigenartige Vertrautheit zwischen uns, obwohl wir uns nur vom Telefon kannten.

SPIEGEL ONLINE: Was wird Ihnen sonst von Deutschland in Erinnerung bleiben?

Béliveau: In Cloppenburg übernachtete ich in einem Gefängnis - ich fragte die Polizei nach einem Schlafplatz, sie waren sehr freundlich und gaben mir eine Zelle, eine der sichersten Unterkünfte meiner gesamten Reise. Interessant finde ich in Deutschland, die Unterschiede zwischen Ost und West zu sehen – die Menschen im Osten winken und grüßen, im Westen sind sie reservierter. Doch gerade die Älteren im Osten können nicht so gut Englisch, das macht die Kommunikation schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren die Menschen bisher am herzlichsten?

Béliveau: Da gibt es unzählige Beispiele, ich habe ja bei über 1200 Gastgebern übernachtet. Besonders positive Erinnerungen verbinde ich mit Algerien. Die Leute dort hatten Probleme mit Terroristen. Jetzt sind sie besonders offen, wenn Gäste kommen: Ich konnte mich vor Einladungen kaum retten, und die Menschen baten mich, jedem zu erzählen, dass in Algerien nicht hinter jeder Ecke Terroristen lauern. Leider hatte ich Gesundheitsprobleme und musste für eine Prostata-Operation unters Messer.

SPIEGEL ONLINE: Eine Prostata-OP in Algerien?

Béliveau: Ja, mir ging es wirklich schlecht. Ich lernte aber einen unglaublich netten Chirurgen kennen, der mich kostenlos operierte.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als wären Sie ohne Krankenversicherung unterwegs.

Béliveau: Das ist richtig - meine kanadische Versicherung lief nach eineinhalb Jahren aus. In Südafrika wollten mir meine Gastgeber eine Versicherung vermitteln, aber als ich dort von meinem Vorhaben erzählte, war das zu riskant, um mir eine Police auszustellen. Manchmal denke ich selbst, dass ich ein bisschen verrückt bin.

SPIEGEL ONLINE: Von Ihrer geplanten Route ließen Sie Kolumbien und Libyen aus. Warum war es nicht möglich, die ganze Strecke zu laufen?

Béliveau: Mein Traum, den gesamten Weg zu laufen, war schon in der Nähe von New York zu Ende – dort gab es eine Brücke, auf der keine Fußgänger erlaubt waren. In Chiapas in Mexiko verboten mir Einheimische, eine Strecke von 60 Kilometern zu wandern, weil dort angeblich Buschmänner mit Macheten lauerten. Kolumbien war auch zu gefährlich, und in Libyen bekam ich ganz einfach kein Visum, deshalb musste ich mit dem Flugzeug darüber fliegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Paar Schuhe haben Sie in den sechs Jahren verbraucht?

Béliveau: Ich bin jetzt beim 31. Paar. In den USA wollten mir sogar Leute meine alten Schuhe als Souvenir abkaufen, und ich überlege, Schuhe für einen guten Zweck zu versteigern. Ein Paar steht im „War Museum“ in Montreal – als Symbol meiner friedlichen Wanderung. Auch sonst gibt es gehörigen Verschleiß: An meinem Buggy musste ich acht Mal die Räder wechseln, und nach 500 Nächten brauche ich langsam mal ein neues Zelt.

Zwölf Jahre, 75.000 Kilometer: Die durchgehenden Linien markieren die bereits absolvierte Route
Jean Béliveau

Zwölf Jahre, 75.000 Kilometer: Die durchgehenden Linien markieren die bereits absolvierte Route

SPIEGEL ONLINE: Ihre Route ist nicht gerade von Outdoor-Shops gesäumt - war es manchmal schwer, neue Wanderschuhe zu bekommen?

Béliveau: In Südafrika bekam ich Schuhe mit Sohlen aus Autoreifen, die hielten fast 3000 Kilometer. Danach konnte ich die Sohle mit einem neuen Reifen reparieren lassen, die Leute dort sind sehr geschickt in solchen Arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Schuhsohlen aus Reifen?

Béliveau: Ganz genau. In Äthiopien gab es keinen Schuh über Größe 45. Da ich jedoch Größe 47 brauche, musste ich die vorne mit meinem Messer aufschneiden und lief von da an mit einem lächelnden Paar Schuhe weiter. Die Wüste wurde zu einer ziemlichen Herausforderung, weil ich ständig Sand und Kieselsteine an den Socken hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die drei wichtigsten Dinge in Ihrem Gepäck?

Béliveau: Wasser, warme Kleidung. Und das Zelt, weil ich selten vorher weiß, wo ich schlafen werde. Ich brauche nicht viel – Essen, einen Schlafplatz und warme Kleidung. Fast alles, was ich trage sind übrigens Spenden: Mein Rucksack ist aus Chile, die Jacke aus Irland, meine Brille aus Algerien.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Momente, in denen Sie alles abbrechen und nur noch den nächsten Flug nach Hause nehmen wollten?

Béliveau: Vor zwei Monaten starb mein Vater, und ich war in großer Versuchung, nach Hause zu fahren. Aber das hätte bedeutet, die Reise abzubrechen. Deshalb werde ich, wenn ich zurück in Kanada bin, die knapp 200 Kilometer von zu Hause bis zum Friedhof wandern. Das wird ein ganz besonderer Pilgerweg.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihrer Frau erst drei Wochen vor der Abreise von Ihren Reiseplänen erzählt – jetzt betreut sie Ihre Internet-Seite und kommt jährlich zu Besuch. Wie konnten Sie über sechs Jahre eine Distanz-Beziehung aufrechterhalten?

Béliveau: Sie hat vor meiner Abreise gesagt, geh einfach, wir werden sehen. Und je weiter ich lief, desto weniger dachte ich darüber nach, andere Frauen kennen zu lernen. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken, und mir wurde klar, was für eine phantastische Frau ich habe. Ich glaube, sie machte eine ähnliche Entwicklung durch, und nach etwa zwei Jahren war unsere Beziehung so stark wie selten zuvor.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Rat würden Sie Leuten geben, die aussteigen möchten?

Béliveau: Einer meiner Gastgeber in Irland sagte „Du machst das, wovon ich immer geträumt habe“. Er hatte schon die ganze Ausrüstung gekauft, trainierte jedes Wochenende und testete sein Equipment. Dann ging er doch nicht. Er war perfekt vorbereitet, aber nicht entschlossen genug. Ich dagegen war schlecht vorbereitet, aber meiner Sache sicher, packte einen Tag vor der Abreise meine Sachen und zog mit 3000 Dollar in der Tasche los. Ich glaube, das Schwierigste ist der erste Schritt – danach läuft vieles wie von selbst, danach hat das neue Leben schon begonnen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihrer Tour sind Sie jahrelang auf die Freundlichkeit anderer angewiesen, ohne etwas Gleichwertiges zurückgeben zu können.

Béliveau: Manchmal fühle ich mich schuldig, und ich sage den Leuten, dass ich mehr von ihnen bekomme, als ich zurückgeben kann – meistens sagen dann die Gastgeber, sie bekommen genau so viel von mir durch meine Erzählungen. Vielleicht kann ich der Welt etwas zurückgeben, wenn ich allen von meinen Erfahrungen erzähle und zeige, wie viel Menschlichkeit es selbst in Krisenregionen gibt. Ich schreibe jeden Tag, mit meinen Büchern kann ich später davon erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Was war die schlimmste Nacht der letzten sechs Jahre?

Béliveau: In der Atacama-Wüste in Chile schlief ich ohne Zelt in meinem Schlafsack und hörte plötzlich ein unglaublich lautes Fauchen, vielleicht ein Puma. Ich hatte unbeschreibliche Angst, habe aber nie herausgefunden was es war.

SPIEGEL ONLINE: In Malawi bekamen Sie gebratene Termiten zum Frühstück…

Béliveau: Die waren gar nicht schlecht, schmecken ein bisschen wie Erdnüsse.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie als Erstes tun, wenn Sie im Jahr 2012 zurück nach Quebec kommen?

Béliveau: Ich werde mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Und ich werde zum Psychiater gehen - nach ein paar Sitzungen mit mir wird er seine Koffer packen und auf Weltreise gehen, während ich seinen Job übernehme. Reisen ist die beste Therapie, die es gibt.

Das Interview führte Stephan Orth

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