Rechte für Ägypten-Urlauber "Ein klarer Fall von höherer Gewalt"

Schnorcheln oder stornieren? Viele Urlauber fragen sich angesichts der Lage in Ägypten, wie sicher der Urlaub am Roten Meer noch ist. Das Auswärtige Amt rät nun von Reisen im ganzen Land ab. Doch nicht alle Veranstalter ermöglichen kostenlose Umbuchungen.

Künstliche Lagunenstadt El Gouna: "Es ist gefährlich"
TMN

Künstliche Lagunenstadt El Gouna: "Es ist gefährlich"

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Hamburg - Die Ausschreitungen in Ägypten erschüttern Menschen in der ganzen Welt. Wer in den kommenden Tagen oder Wochen in die Sonne ans Rote Meer fahren wollte, überlegt es sich nun vielleicht noch einmal gründlich, ob er fliegen soll oder nicht. Denn das Auswärtige Amt hat seine Reisehinweise verschärft. "Aufgrund der aktuellen Lage und der Unvorhersehbarkeit der Entwicklungen wird von Reisen nach Ägypten derzeit abgeraten", heißt es auf der Internetseite des Ministeriums.

Diese Empfehlung schließt nun auch die Feriengebiete um Hurghada und Scharm al-Scheich ein. Zuvor bezogen sich die Reisehinweise vor allem auf Kairo sowie Touristenregionen in Oberägypten.

Damit gibt es für die beliebten Urlaubergebiete am Roten Meer zwar noch keine offizielle Reisewarnung vom Auswärtigen Amt. Doch für verunsicherte Urlauber ist auch der verschärfte Reisehinweis Grund genug, den Reisevertrag zu kündigen, sagt Reiserechtsexperte Paul Degott.

"Das Auswärtige Amt hat ein abgestuftes Informationssystem, das zwischen Reisehinweisen, Sicherheitshinweisen und Reisewarnungen unterscheidet", sagt Degott SPIEGEL ONLINE. "Aber zivilrechtlich haben diese Formulierungen keine inhaltliche Relevanz." Wichtig sei allein die Aussage. Im aktuellen Falle bedeute der erweiterte Hinweis: "Achtung: Auch die Badegebiete am Roten Meer sind gefährdet."

Degott sieht darin "einen klaren Fall von höherer Gewalt", der als Begründung für die Kündigung ausreichen sollte. Immerhin sei nach den Einschätzungen des Auswärtigen Amtes nicht zu erwarten, "dass der geplante Urlaub ungestört ablaufen wird". Als Beispiele nennt Degott mögliche Straßensperren, die zu Versorgungsengpässen im Hotel führen könnten. "Wir haben es hier mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu tun", sagt der Anwalt aus Hannover. "Die Lage ist explosiver als 2011 beim Sturz von Mubarak."

"Die Veranstalter verstecken sich hinterm Auswärtigen Amt"

Viele Touristen sind nun verunsichert. "Ich wollte eigentlich morgen Nachmittag mit einem Kumpel nach Hurghada fliegen", berichtet SPIEGEL-ONLINE-Leser Mathias Ott aus Bad Homburg. "Doch nun haben wir unsere Reise storniert." Das ging beim Veranstalter ETI kostenlos. Mit Kulanzregelungen reagierten am Freitag verschiedene Reiseunternehmen. Das Auswärtige Amt äußerte am Freitag, die weitere Entwicklung im Land sei derzeit unkalkulierbar.

Wer aus diesem Grund nicht nach Hurghada, El Gouna oder in andere ägyptische Ferienorte reisen möchte, dem empfiehlt Degott, bei seinem Veranstalter eine kostenlose Umbuchung auszuhandeln. "Wenn der Anbieter auf stur stellt, dann sollte man den Vertrag mit Verweis auf höhere Gewalt kündigen." Sollte so ein Fall vor Gericht gehen, schätzt der Reiserechtsexperte die Chancen als sehr hoch ein, dass der Veranstalter dem Verbraucher die einbehaltenen Stornokosten wird zurückzahlen müssen.

"Es ist einfach zu gefährlich"

Während Deutschlands größter Reiseveranstalter TUI am Freitag alle Reisen bis Mitte September abgesagt hat, warten Kunden anderer Veranstalter bisher noch auf Kulanzregelungen. Katharina Sprecher aus Berlin freute sich vor kurzem noch auf ihre zehntägige Ägypten-Reise, die sie vor zwei Wochen bei einem Leipziger Veranstalter gebucht hat. "Aufgrund der politischen Situation haben wir dem nun mitgeteilt, dass wir von der Reise wegen der Unruhen zurücktreten und stattdessen ein anderes Reiseziel buchen wollen", sagte Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Doch der Veranstalter stellt sich den Angaben der 32-Jährigen zufolge quer und "blockt nach drei ergebnislosen Telefonaten nun den Kontakt ab". Die Berlinerin möchte unter den aktuellen Umständen auf keinen Fall nach Ägypten reisen. "Es ist einfach zu gefährlich." Zudem empfindet sie es als unangebracht, einen schönen Urlaub am Roten Meer zu verbringen. "Ich kann doch nicht mit meinem Cocktail in der Hand am Pool sitzen, während ein paar hundert Kilometer weiter Menschen erschossen werden."

Sie wünscht sich, dass ihr Reiseanbieter doch noch kostenlos umbucht. "Abu Dhabi würde uns gefallen", sagt Sprecher. "Dafür würden wir auch einen Aufschlag zahlen." Auf einen Rechtsstreit hat sie keine Lust, aber am Montag nach Ägypten reisen - das kommt für sie nicht in Frage.

Was bedeuten die Hinweise des Auswärtigen Amtes?
Reisehinweise
Sie enthalten zum Beispiel Informationen über die Einreisebestimmungen, die medizinische Situation und straf- oder zollrechtliche Besonderheiten eines Landes. Solche Hinweise gibt das Auswärtige Amt für jedes Land.
Sicherheitshinweise
Solche Vermerke machen auf besondere Risiken für Reisende in einem Land und dort lebende Deutsche aufmerksam. Das betrifft zum Beispiel Gefahren durch Kriminalität oder Terrorismus. Das Auswärtige Amt kann wegen solcher Einschränkungen in einem abgestuften System von nicht unbedingt erforderlichen Reisen oder auch grundsätzlich von allen Reisen in ein bestimmtes Land abraten.

Reisewarnungen
Sie enthalten den "dringenden Appell", Reisen in ein Land oder in eine Region innerhalb des Landes zu unterlassen. Gewarnt wird dann, wenn "eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht", heißt es beim Auswärtigen Amt. Deutsche, die in dem betroffenen Land leben, werden dann zur Ausreise aufgefordert.

Haben die Hinweise rechtliche Bedeutung?
Die Hinweise des Auswärtigen Amtes seien teilweise undurchsichtig und nicht bindend, sagte Reiserechtler Ronald Schmid von den Technischen Universitäten Dresden und Darmstadt. Grundsätzlich müssten Veranstalter und Reisende auf der Grundlage seriöser Berichterstattung in den Medien im konkreten Einzelfall auch selbstständig prüfen, ob in der Urlaubsregion eine vorher nicht zu erwartende höhere Gewalt vorliegt.

Wird die Reise dadurch "erheblich erschwert, gefährdet oder beeinträchtigt", können Urlauber den Vertrag laut Paragraf 651j des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) kündigen.

Es könne sich im Einzelfall schon um höhere Gewalt handeln, wenn noch keine "echte" Reisewarnung vorliegt, sondern nur von Reisen abgeraten wird, so Schmid. "Denn der Hinweis, nicht notwendige Reisen zu unterlassen, ist wohl eher als eine abgeschwächte Reisewarnung zu bewerten", sagte der Experte.

Sind Sie in Ägypten unterwegs?
Sie tauchen und schnorcheln vor Hurghada? Oder machen Strandurlaub in Scharm el-Scheich? Oder Sie sind geschäftlich im Land unterwegs? Dann berichten Sie, was Sie unterwegs erlebt haben - und wie sich die Ausgangssperre auswirkt. Erzählen Sie uns von Ihren Begegnungen! Und zwar indem Sie sie an spon_reise@spiegel.de mailen, Betreff: Reisen in Ägypten.



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Seite 1
Hardisch 16.08.2013
1. optional
Diese Frau zeigt ja wenigstens noch ein bißchen Sensibiltät. Immerhin gibt es die Unruhen und Toten nicht erst seit heute und trotzdem sind da noch viele Urlauber, die nur ein Problem kennen: Ist mein Handtuch rechtzeitig auf der Pool-Liege. Da kann man sich nicht auch noch mit ein paar erschossenen Ägyptern befassen. Zynisch? Ja. Aber nicht diese ironische Überspitzung.
Sandra123 16.08.2013
2. Reiseveranstalter will nicht stornieren
Ich habe das gleiche Problem. Ich soll eigentlich in 3,5Std. im Flieger nach Hurghada sitzen. Mein Reiseveranstalter laesst mich weder stornieren noch umbuchen. Ich koenne stornieren, muesse aber dann 90% der Reisekosten als Stornogebuehr bezahlen. Meine Reiseruecktrittsversicherung ueber den ADAC greift auch nicht, da dies kein offizieller Ruecktrittsgrund ist. Ich bin Studentin und habe mich auch ein paar Tage Urlaub gefreut. Jetzt habe ich keinen Urlaub und 600Eur verloren. In was fuer einer Welt leben wir eigentlich, dass hier auch bei den kleineren Reiseveranstaltern keine Kulanz gezeigt wird?! Ich bin verzweifelt...
susanni 16.08.2013
3.
Zitat von Sandra123Ich habe das gleiche Problem. Ich soll eigentlich in 3,5Std. im Flieger nach Hurghada sitzen. Mein Reiseveranstalter laesst mich weder stornieren noch umbuchen. Ich koenne stornieren, muesse aber dann 90% der Reisekosten als Stornogebuehr bezahlen. Meine Reiseruecktrittsversicherung ueber den ADAC greift auch nicht, da dies kein offizieller Ruecktrittsgrund ist. Ich bin Studentin und habe mich auch ein paar Tage Urlaub gefreut. Jetzt habe ich keinen Urlaub und 600Eur verloren. In was fuer einer Welt leben wir eigentlich, dass hier auch bei den kleineren Reiseveranstaltern keine Kulanz gezeigt wird?! Ich bin verzweifelt...
Hast Du eine Rechtschutzversicherung ? Laut RA Degott sei die derzeitige Ausnahmesituation auch ohne komplette Reisewarnung durch da AA kostenfrei stornierbar. Ansonsten gibt es Leute die wegen Flugangst( die vorher nie aufgetreten ist, dierekt am Flugplatz vom Arzt als reiseunfähig attestiert werden ! Viel Glück...kam auch erst vor einer Stunde aus dem Vertrag mit ETI, die stellten sich gestern auch noch auf 60 % Stornogebühr, habs bis heute ausgesessen....Leute die gestern den gleichen Vertrag stornieren wollten,sollen 60 % Stornogebühr zahlen ( laut Eti) LG Susanne
sayana 16.08.2013
4.
Zitat von Sandra123Ich habe das gleiche Problem. Ich soll eigentlich in 3,5Std. im Flieger nach Hurghada sitzen. Mein Reiseveranstalter laesst mich weder stornieren noch umbuchen. Ich koenne stornieren, muesse aber dann 90% der Reisekosten als Stornogebuehr bezahlen. Meine Reiseruecktrittsversicherung ueber den ADAC greift auch nicht, da dies kein offizieller Ruecktrittsgrund ist. Ich bin Studentin und habe mich auch ein paar Tage Urlaub gefreut. Jetzt habe ich keinen Urlaub und 600Eur verloren. In was fuer einer Welt leben wir eigentlich, dass hier auch bei den kleineren Reiseveranstaltern keine Kulanz gezeigt wird?! Ich bin verzweifelt...
sayana 16.08.2013
5. ist die lage in ägypten neu?
Zitat von Sandra123Ich habe das gleiche Problem. Ich soll eigentlich in 3,5Std. im Flieger nach Hurghada sitzen. Mein Reiseveranstalter laesst mich weder stornieren noch umbuchen. Ich koenne stornieren, muesse aber dann 90% der Reisekosten als Stornogebuehr bezahlen. Meine Reiseruecktrittsversicherung ueber den ADAC greift auch nicht, da dies kein offizieller Ruecktrittsgrund ist. Ich bin Studentin und habe mich auch ein paar Tage Urlaub gefreut. Jetzt habe ich keinen Urlaub und 600Eur verloren. In was fuer einer Welt leben wir eigentlich, dass hier auch bei den kleineren Reiseveranstaltern keine Kulanz gezeigt wird?! Ich bin verzweifelt...
liebe leute, wenn vor zwei wochen die ägypten reise gebucht wurde, dann frage ich: wieso habt ihr das gebucht. die lage ist ja keinesfalls neu. das geht jetzt schon seit monaten so. war es vielleicht die gier nach dem sonderangebot?
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