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Billig- und Premiumkonzept: Wie Germanwings die Lufthansa retten will

Mehr Maschinen, neues Erscheinungsbild, Drei-Stufen-Preissystem: Ab dem 1. Juli führt die Fluggesellschaft Germanwings ein verändertes Angebot ein. Nach und nach soll sie die Kurzstrecken der Lufthansa übernehmen - doch schon droht Ärger durch Streiks.

Germanwings: Neues Konzept startet im Juli Fotos
DPA

Frankfurt/Köln - Nicht viel weniger als die Rettung des Lufthansa-Konzerns steht im Pflichtenheft des Germanwings-Chefs Thomas Winkelmann. Rund 200 Millionen Euro Ergebnisverbesserung im Jahr soll der Manager bringen, wenn der Direktverkehr der Lufthansa komplett auf die Tochter in Köln verlagert worden ist. Das Projekt ist der dickste Batzen im konzernübergreifenden Programm "Score", mit dem Lufthansa ihren operativen Jahresgewinn um 1,5 Milliarden Euro steigern will.

Früher mussten Passagiere der Germanwings für jedes Brötchen extra zahlen. "No Frills" nennen das die Airliner. Von Montag an will das schon zuvor leicht gewandelte Unternehmen nun ein vielfach differenziertes Angebot mit drei unterschiedlichen Tarifen verwirklichen, das den Billigtouristen ebenso zufriedenstellt wie den anspruchsvollsten Businesskunden mit Senator-Status.

Drei Klassen wird es künftig geben:

  • Basic: Sitzplatz im hinteren Teil der Maschine und Meilengutschrift. Verpflegung und aufzugebendes Gepäck nur gegen Aufpreis. Die Tickets sind ab 33 Euro nur im Internet buchbar.

  • Smart: Sitz mit größerer Beinfreiheit (Sitzabstand 81,2 cm) nach Verfügbarkeit, bis 23 Kilogramm Freigepäck, Meilen, Snack und alkoholfreie Getränke. Kostenlos umbuchbar. Ab 53 Euro.

  • Best: Sitz in den ersten drei Reihen mit gleicher Beinfreiheit wie Smart, freier Mittelsitz, doppeltes Freigepäck, bevorzugtes Einchecken und Boarden, Lounge-Nutzung, Meilen auch für Premium-Programme, Catering à la carte. Flexible Umbuchung. Ab 199 Euro.

Gut zahlende Geschäftskunden sind auf den kurzen Strecken der Lufthansa sehr rar geworden, zumal viele nichts mehr dabei fanden, sogar mit Billig-Carriern ihre Flugziele zu erreichen. Die Folge für Lufthansa mit hohen Stückkosten waren regelmäßige Verluste im Europaverkehr im dreistelligen Millionenbereich.

Nun dürfte es Vielflieger allerdings verärgern, dass ihr Status als sogenannte Frequent Traveller bei Germanwings weniger wert ist. Bislang konnten Inhaber der silbernen Karte die Lufthansa-Lounges auch dann benutzen, wenn sie nur ein günstiges Ticket gebucht hatten. Mit einem Basic-Ticket von Germanwings aber dürfen auch Frequent Traveller nicht in die Warteloge, es sei denn, sie zahlen einen deftigen Aufpreis von 25 Euro.

Die neue Germanwings ist die Antwort des Lufthansa-Chefs Christoph Franz und seines Passagechefs Carsten Spohr auf die Herausforderung von Ryanair und Co. Einzige, nicht gewollte Alternative wäre laut Franz der Verzicht auf die kurzen Flüge gewesen, wie es Konkurrent British Airways vorgemacht hat.

Mehr Maschinen für Germanwings

Lufthansa rüstet den 1997 gegründeten Billigflieger Germanwings mächtig auf, um künftig alle Verbindungen in Deutschland und Europa zu fliegen, die nicht über die Drehkreuze München oder Frankfurt gehen. Die bisherige Flotte von 38 Airbus A319 hat Germanwings bereits auf das neue, freundlichere Erscheinungsbild mit den Hausfarben Gelb und Brombeer umlackieren lassen. Sie werden schrittweise ergänzt mit 23 kleineren Bombardier-Jets der weiterhin bestehen bleibenden Lufthansa-Tochter Eurowings und etwa 30 Airbus-Maschinen aus dem Bestand der Lufthansa selbst.

Der stets angriffslustige Ryanair-Chef Michael O'Leary hat bislang für die neue Germanwings nur Spott übrig: "Die malen die Flugzeuge neu an und denken dann: 'So sieht eine Low-Cost-Airline aus'." Doch angeblich steigen bereits die Buchungszahlen und die Durchschnittserlöse. Die Standorte Köln und Stuttgart sind bereits umgestellt, gerade ist Hamburg dran und Berlin folgt im Winterflugplan bis März nächsten Jahres. Komplett abgeschlossen sein soll die Operation Ende 2014, wenn auch in Düsseldorf nur noch die Langstrecke von der Lufthansa bedient wird.

Die Kosten der Germanwings pro Passagierkilometer liegen zwischen 20 und 30 Prozent unter denen der Lufthansa. Nicht zuletzt das schlechter bezahlte Personal trage dazu bei, sagt der Chef der Kabinengewerkschaft Ufo, Nicoley Baublies. Mit dem neuen Produkt und der effektiveren Planung in einer größeren Unternehmenseinheit kämen nun zusätzliche Belastungen auf die Flugbegleiter zu, etwa in der aufwendigen Betreuung der Best-Kunden. "Die Lufthansa verdoppelt bis verdreifacht den Personalschlüssel in der Business-Klasse, bei Germanwings soll es das alte Team richten."

Streiks gleich zum Auftakt?

Die Gewerkschaft verlangt Ausgleich und Zulagen, während Lufthansa erst einmal die schwarzen Zahlen erreichen will. Nur wenige Tage nach Start der neuen Germanwings könnte daher bereits der erste Streik ins Haus stehen: Ufo hat bereits die Urabstimmung eingeleitet, die Anfang Juli ausgezählt wird.

Germanwings-Sprecher Heinz Joachim Schöttes verweist hingegen auf noch ausstehende Verhandlungstermine, bei denen es sicherlich zu einer Einigung kommen werde. Doch auch mit der ebenfalls streikmächtigen Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) liegen Lufthansa/Germanwings im Tarifclinch.

Unklar ist zudem, wo die rund 1000 Stewardessen und Stewards herkommen sollen, die bei Germanwings auf den früheren Lufthansa-Jets fliegen sollen. Aus den bisherigen Besatzungen würden nur einige Handvoll wechseln, sagt Baublies. Anders sehe es bei den 140 Beschäftigten der Lufthansa-eigenen Leiharbeitsfirma Aviation Power aus. Sie wollten nahezu alle in Festanstellungen wechseln.

sto/dpa

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1. Unausgegoren
les2005 27.06.2013
Zitat von sysopDPAMehr Maschinen, neues Erscheinungsbild, Drei-Stufen-Preissystem: Ab dem 1. Juli führt die Fluggesellschaft Germanwings ein verändertes Angebot ein. Nach und nach soll sie die Kurzstrecken der Lufthansa übernehmen - doch schon droht Ärger durch Streiks. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/wie-germanwings-die-lufthansa-retten-will-a-908158.html
Ich werde den Eindruck nicht los daß Lufthansa sich nicht entscheiden kann was sie will. Soll es jetzt low cost sein oder nicht? Die wenigsten, Geschäftsleute eingeschlossen, sind bereit für einen Kurzstreckenflug ein Mehrfaches der Konkurrenz zu zahlen, nur um vernachlässigbar wenige Meilen (die zudem immer weniger wert sind) zu erhalten und ein ungenießbares Sandwich. Einziges Argument für mich waren bisher der Lounge-Zugang als Frequent Traveller, und die Verläßlichkeit und Kulanz im Falle von Verspätungen und ähnlichen Unanehmlichkeiten. Germanwings wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie preislich mithalten können - was eine ähnlich günstige Kostenstruktur wie de Wettbewerb erfordert. Da stehen Personalkosten an erster Stelle. Für die gibt es wiederum zwei Ansatzpunkte - niedrigere Löhne und effiziente Abläufe. Daß drei Klassen zu letzterem beitragen, darf bezweifelt werden. Wegen der drei Hanseln, die tatsächlich ganz vorne sitzen zu müssen glauben, handelt sich Germanwings jede Menge logistische Komplexität und leere Sitze ein. Man kann dem Konzern nur wünschen, daß es wenigstens mit den niedrigeren Löhnen funktioniert. Denn die traditionellen LH-Gehälter sind die Kunden schlicht nicht mehr bereit zu bezahlen.
2. Keep it Simple?
2010knarf 27.06.2013
Lufthansa, Germanwings, Eurowings, Lufthansa City Line, Austrian, Tyrolean, Swiss, Air Dolomiti, Brussels. Überall machen Leute die gleiche Arbeit, überall wird verschieden gezahlt. Alles gehört zu Lufthansa. Vielleicht sollte man anstatt möglichst vieler "Töchter" und Verschachtelungen einfach mal wieder alles etwas simpler machen? Oder ist das für CEO's und andere Strategen zu einfach?
3. gutes Angebot
verspiegelt24 27.06.2013
da buche ich sogar gerne eher Best
4. Overhead
DonCarlos 27.06.2013
Zitat von 2010knarfLufthansa, Germanwings, Eurowings, Lufthansa City Line, Austrian, Tyrolean, Swiss, Air Dolomiti, Brussels. Überall machen Leute die gleiche Arbeit, überall wird verschieden gezahlt. Alles gehört zu Lufthansa. Vielleicht sollte man anstatt möglichst vieler "Töchter" und Verschachtelungen einfach mal wieder alles etwas simpler machen? Oder ist das für CEO's und andere Strategen zu einfach?
Das Konzept die Leute vor Ort machen zu lassen ist vielleicht simpler und günstiger als einen Wasserkopf darüber zu haben.
5. Wenn Controller über die Wünsche der Kunden siegen!
hul1 27.06.2013
Keep it simple, keep it clear! Das haben die Herren Berater und auch die Controller-Seelen bei LH nicht verstanden! Immer nur die Kosten im Blick, aber diejenigen, die das Geld bringen (DIE KUNDEN!!!) ignorieren, verärgern, vergraulen...! Warum wechseln immer mehr Kunden zu anderen Airlines??? Weil LH die Seele verloren hat!
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