Onlineportal Wikivoyage Hier darf jeder Reiseführer schreiben

Ein Gratis-Reiseführer in 17 Sprachen, erstellt von der Netzgemeinde: Wikivoyage ist ein Schwarmintelligenz-Experiment für Reisende. 15.000 deutschsprachige Artikel sind dort bereits zu finden - trotzdem hat die Seite noch viele Lücken.

REUTERS

Von Stefan Mey


"Urlaub Griechenland" - wer so oder ähnlich auf Google nach Informationen sucht, merkt schnell, wie öde die angebliche Angebotsvielfalt im Netz sein kann. Knallbunte Vergleichsseiten wollen uns die angeblich billigste Übernachtung und den Urlaub unseres Lebens verkaufen.

Ein Portal irgendwo auf den hinteren Seiten der Google-Treffer fällt allerdings aus dieser Logik heraus: Bei Wikivoyage.org sucht man den sonst obligatorischen "Buchen"-Button vergeblich. Stattdessen gibt es liebevoll erstellte Artikel zu den wichtigsten Reiseländern.

Der Eintrag zu Griechenland dort wäre ausgedruckt in etwa neun DIN-A4-Seiten lang. Er erläutert, wie man am besten ins Land kommt. Es gibt eine Passage zum Klima, zur griechischen Küche und zu den gröbsten Fettnäpfchen. Dort heißt es etwa, dass man gerade auf dem Land nicht ungefragt Leute fotografieren sollte und dass man nur mit aneinanderliegenden Fingern winken sollte, denn: "Gespreizte Finger, insbesondere kombiniert mit einer wegdrückenden Bewegung, heißen: 'Verzieh dich'".

Ein Sprachführer erklärt Vokabeln und Floskeln für den Urlaub. Zu vielen Städten und Regionen gibt es eigene Einträge. Wikivoyage existiert in insgesamt 17 Sprachversionen, von Chinesisch über Hebräisch bis hin zu Vietnamesisch. Wer Inspiration sucht, kann ein eingebautes Zufallsprinzip ausprobieren - dann führt zum Beispiel der erste Klick in die chinesische Provinz Shaanxi, anschließend geht es nach Vittel im französischen Lothringen und dann nach Annaberg-Buchholz im Erzgebirge.

Jeder kann Inhalte beisteuern

Die Detailartikel zu einzelnen Regionen oder Städten sind manchmal allerdings lückenhaft, teilweise eher fragmentarisch. Wer mehr über die südlich von Athen liegenden Saronischen Inseln erfahren will, ist schnell frustriert. Die meisten thematischen Kategorien sind schlicht nicht ausgefüllt. Unter dem Eintrag macht ein selbstkritischer Hinweis darauf aufmerksam: "Dieser Artikel ist in wesentlichen Teilen noch sehr kurz und in vielen Teilen noch in der Entwurfsphase. Wenn du etwas zum Thema weißt, sei mutig und bearbeite und erweitere ihn, damit ein guter Artikel daraus wird."

Der Eintrag wartet noch auf Autoren. Was inhaltlich geboten wird, kommt deswegen in puncto Informationstiefe oft nicht an die gedruckten (und meist teuren) Reiseführer heran. Die kostenlos zugänglichen Wikivoyage-Inhalte sind aber trotz aller Defizite deutlich ausführlicher als vieles, was man sonst im Netz findet. Und wie bei Wikipedia kann jeder die Inhalte ergänzen, wenn er etwas beisteuern will oder ihm etwas nicht passt. Eine "Crowd" an ehrenamtlichen Autoren schreibt die Inhalte und bearbeitet sie.

Einer der Wikivoyage-Enthusiasten ist der Hallenser Roland Unger. Er hat etwa tausend Artikel angelegt, 600 davon mit Bezug zu seinem liebsten Reiseziel Ägypten, das dadurch besonders übersichtlich und umfangreich auf der Seite vertreten ist. Die Informationen können es durchaus mit herkömmlichen gedruckten Reiseführern aufnehmen. Nach jedem neuen Urlaub fügt Unger neue Details hinzu.

Gezielt recherchiert er dann vor Ort, etwa für einen Text über "Essen und Trinken in Ägypten": "Für diesen Artikel habe ich Märkte aufgesucht und Auslagen fotografiert und dokumentiert. Der Artikel entstand fast in einem Stück aus dem so erhobenen Material. Ein kleines Fisch-Update gab es nach einem Alexandria-Aufenthalt."

Alles Wiki oder was?

Unger ist seit 2004 dabei, im bürgerlichen Leben ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Soziologie-Institut der Universität Halle. Die wechselvolle Geschichte des Projekts hat er von Anfang an miterlebt.

Das Portal hieß anfangs Wikitravel. Es funktionierte ähnlich, war aber werbefinanziert. Da die deutschsprachige Community eine zunehmende Kommerzialisierung befürchtete, spaltete sie sich 2006 ab und gründete Wikivoyage. Die Rebellen kopierten alle deutschsprachigen Inhalte, was die Wiki-typische freie Lizenz erlaubte. Im gleichen Jahr entstand in Halle der Wikivoyage e.V., deren Vorstandsvorsitzender Roland Unger zurzeit ist.

2012 begehrte dann auch die englischsprachige Wikitravel-Community auf. Aktivisten trommelten für einen Wechsel aller Autoren zu Wikivoyage, das wiederum unter das Dach der globalen Wikimedia-Stiftung schlüpfen sollte. Nachdem sich der Wikitravel-Inhaber Internet Brands und die Wikimedia-Stiftung erst verklagt und schließlich geeinigt hatten, wurde die "feindliche" Übernahme komplett. Alle Sprachversionen von Wikitravel wurden kopiert, und Anfang 2013 verkündete Wikimedia die offizielle Aufnahme von Wikivoyage. Wikitravel existiert weiterhin mit teilweise identischen Inhalten parallel im Netz.

Bislang kaum gezielte Manipulationen

Nach dem medialen Hype zur Übernahme wurde es um Wikivoyage allerdings wieder still. Etwa 15.000 deutschsprachige Artikel gibt es inzwischen auf Wikivoyage. Damit wird die Welt des Reisens noch nicht abgedeckt, gibt auch Roland Unger zu: "Manche Reisegebiete sind sehr gut befüllt, zum Beispiel Israel, Südostasien und Franken, anderenorts klaffen aber auch noch schmerzliche Lücken." Die Leserzahl ist überschaubar, der Einzel-Eintrag zu Griechenland etwa wurde im Juli nur knapp tausendmal gelesen.

Einen Vorteil hat das allerdings vielleicht: für gezielte Manipulationen scheint Wikivoyage noch nicht entdeckt worden zu sein, anders als Wikipedia. PR spiele nur eine geringe Rolle, meint Unger. Und wenn doch, ist das Niveau meist sehr niedrig: "Es gibt Autoren, die für Hotels, Hotelketten oder Restaurants arbeiten und versuchen, ihre Informationen unterzubringen. Oder die Platzierung zu verbessern. In fast allen Fällen ist die Vorgehensweise eher plump, und die Einträge werden recht schnell nachgebessert oder korrigiert."

Seine nächste Reise wird ihn im September übrigens erneut nach Ägypten führen. Dabei wird wieder der eine oder andere Artikel entstehen. Unger und die anderen Wikivoyage-Enthusiasten hoffen, dass in Zukunft auch andere Reisende ihre Erfahrungen dort verewigen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
i6lam 23.08.2015
1. Geheimtip
Soll ich da jetzt mein Lieblingsplätzchen veröffentlichen? Mit der Ruhe ist es dann dort bald vorbei.
RudiRastlos2 23.08.2015
2.
Das gemeinsame Erstellen von Content (Wiki) hat nichts(!) mit Inteligenz zu tun, schon gar nicht mit Schwarmintelligenz. Der Begriff ist völlig falsch in diesem Zusammenhang, hat sich aber leider, zumindest auf spon, eingebürgert.
TontonTombi 23.08.2015
3. lol, lauter Blödsinn steht da
ha, ich habe mal rein geschaut, auf die Seite von dem Land in dem ich lebe: latuer Blödsinn steht dort. Hat mal wohl wieder ein "Berufs-Wikipedianer" sich aus den Fingern geklaubt. 2-3 Sachen habe ich trotzdem mal geändert, aber sicherlich wird meine IP jetzt von dem gleichen "Admin (ehem, aka Armin??) gesperrt. Wer sich darauf verlassen sollte, und trotzdem losfährt: selbst Schuld, wenn Ihr reinfallen solltet. Erkundigt Euch nächstes Mal bei seriösen Quellen.
transsib_reisen 23.08.2015
4. Wikivoyage: sehr brauchbar
Widerspruch! Ganz im Gegenteil sind die Wikivoyage-Inhalte, so sie denn gepflegt werden, weit informativer als olle 'Reisefuehrer'. Liegt schon daran, dass jederzeit ergaenzt / geaendert werden kann, dies zu leisten ist gedruckten Reisefuehrern nicht moeglich. Wir schreiben viel zu Reisen in China + Transsibirische Eisenbahn; kenne kein einziges gedrucktes Werk, das in Sachen Aktualitaet und richtigen Angaben an Wikivoyage herankaeme.
buchl 23.08.2015
5.
Ich habe mir die Seite meiner Heimatstadt angeschaut, die seit Langem touristisch international sehr bekannt und ausgezeichnet besucht ist. Die genannten Sehenswürdigkeiten sind jene, mit denen ohnehin intensiv Fremdenverkehrswerbung gemacht wird und die an den touristischen Trampelpfaden liegen. Bei Unterkünften, Küche, Nachtleben, Einkauf etc. sind nur ganz wenige Lokalitäten ohne erkennbares System angeführt; als Kenner der Stadt frage ich mich bei einigen, warum sie Erwähnung finden und viele andere, kulturell wie touristisch wesentlich bedeutendere Einrichtungen und Veranstaltungen komplett fehlen. Mein Resümee: der Massentourist findet ein paar Informationen, die aber bereits im Internet an anderer Stelle besser aufbereitet und vollständiger verfügbar sind. Für Individualtouristen oder sonst an der Stadt Interessierte ist diese Seite unbrauchbar. Dass der Artikel auch inhaltliche Ungenauigkeiten enthält, sei nur am Rande erwähnt.
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