Wilder Kaiser Immer dem Eiberg nach

Der Wilde Kaiser ist nichts für Orientierungslose: Im größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs führen viele Wege nach unten. Insgesamt bringen es die neun Orte im Brixental auf 90 Lifte und 250 Kilometer Piste - und ein riesiges Skizentrum für Kinder.


Scheffau - Es heißt immer, Deutschland sei ein Schilderwald. Und dann steht da dieser Pfahl, mitten auf einer österreichischen Piste. Wie Äste ragen die Wegweiser in alle Richtungen. Eine Traube von Wintersportlern sammelt sich davor, sie weisen nach rechts oder links, einer ruft "dahinten müssen wir hin". Nach und nach verteilen sich die Skifahrer in den Weiten der Skiwelt Wilder Kaiser im Brixental. Die wirbt damit, Österreichs größtes zusammenhängendes Skigebiet zu sein. Und da hier fast alles, was nicht Wald oder Felsen ist, zur Piste gehört, haben die Schilder durchaus ihre Berechtigung.

Eine wichtige Regel lautet: "Merk dir den Eiberg!" Der ist wegen seiner Eiform recht einfach wiederzuerkennen. Der Eiberg ist ein Verkehrsknotenpunkt. Von dort geht es nach Ellmau, Scheffau und nach Brixen im Thale. Daneben gehören die Orte Going, Söll, Itter, Kelchsau, Hopfgarten und Westendorf zur Skiwelt Wilder Kaiser - insgesamt bringen es die Orte auf 90 Lifte und 250 Kilometer Piste. Die Skiwelt umfasst sechs Einzelgebiete. Dabei lassen sich alle Hänge per Ski und Snowboard erreichen.

Neu ist die Verbindung nach Westendorf. Wer die 13 Lifte dort nutzen wollte, musste bislang mit dem Skibus anfahren. Seit dieser Saison gibt es eine neue Verbindungsbahn von der Talstation in Brixen auf die Choralpe. Von dort aus können Wintersportler weiter bis zum Nobelskiort Kitzbühel fahren, für dessen Pisten allerdings ein Extraskipass gekauft werden muss.

Ein Labyrinth aus Pisten und Bäume mittendrin

Doch auch ohne Kitzbühel gibt es am Wilden Kaiser genug zu entdecken: Fast jeder Hang ist hier eine Piste, häufig führen gleich mehrere Lifte in verschiedene Richtungen weiter. Wer seine Gruppe verloren hat, tut gut daran, per Handy den Treffpunkt abzusprechen. Zu hoffen, sich unten am Lift zu treffen, ist riskant. Oft gibt es nicht nur einen Weg nach unten - Pisten teilen sich, Abzweigungen gehen ab, mal muss ein Schlepplift gekreuzt werden.

Österreich Werbung / Fankhauser
Niemand lacht über Ihr "Scherzel"? Sie sind irritiert, wenn Ihnen eine "Eitrige" angeboten wird? So etwas kann Ihnen in Österreich passieren. Aber bleiben's gschmeidig - und klicken Sie hier für unser Quiz auf SPIEGEL ONLINE.
Die Skiwelt Wilder Kaiser liegt nicht hoch. Der Hartkaiser misst nur 1555, der Eiberg 1673 Meter. Damit liegen beide noch unterhalb der Baumgrenze. Skifahrer dürfen sich daher nicht wundern, wenn mitten auf der Piste plötzlich Bäume stehen - auf der Talabfahrt nach Scheffau sind sie durch dicke Matten gesichert, falls ein Skifahrer nicht rechtzeitig die Kurve kriegt. Und an den Eibergliften teilen sogar kleine Wäldchen die Piste.

Flach gelegene Skigebiete haben eigentlich ein Problem: Warme Winter mit wenig Schnee lassen die Wintersportler in immer höhere Gebiete ziehen. Angst vor grünen Hängen müssen Skifahrer am Wilden Kaiser aber nicht haben: In Westendorf liegt die mittlere jährliche Neuschneemenge laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik bei bis zu 500 Zentimetern, in Brixen im Tale bei bis zu 400 Zentimetern.

700 Kanonen sorgen für Schnee-Garantie

"Es ist da ziemlich schneesicher", heißt es beim österreichischen Skiverband. Dennoch haben die Verantwortlichen kräftig aufgerüstet: Rund 700 Schneekanonen können 180 Kilometer Hang mit einer Schneedecke überziehen. Besonders gut lässt sich die Skiwelt über die Kaiser-, Salven- und Westendorf-Runde erkunden. Erstere verbindet auf knapp 20 Kilometern Piste die Gebiete Brixen, Scheffau, Ellmau und Going. Spätestens auf der Talabfahrt nach Ellmau weiß man, warum das Skigebiet Wilder Kaiser heißt: Imposant ragt der Berg in der Ferne auf. Sein Felskamm - karg und mächtig - scheint das Skigebiet zu bewachen.

Wilder Kaiser: Hier führen viele Wege nach unten - denn fast jeder Hang ist eine Piste
TMN

Wilder Kaiser: Hier führen viele Wege nach unten - denn fast jeder Hang ist eine Piste

Auch wenn die Talabfahrt dazu einlädt - runterheizen sollte man sie nicht. Auf halber Strecke liegt die Rübezahl-Alm, die genauso gut den Namen Hobbit-Höhle tragen könnte. An der Tür der 1778 erbauten Alm müssen nicht nur große Menschen den Kopf einziehen. Im Innenraum hängen Lampen an Ästen von der Decke, gezimmerte Durchgänge führen in die einzelnen Räume, Holzfeuer knistert.

Mit so viel Gemütlichkeit kann das Restaurant Brandstadl an der Bergstation Scheffau nicht dienen. Ein Abstecher auf die Sonnenterrasse lohnt aber trotzdem. Denn von dort hat man nicht nur einen großartigen Blick auf das Bergpanorama - eine Zeichnung am Geländer benennt auch die einzelnen Gipfel. Wer wissen möchte, wo der Großglockner und der Hahnenkamm liegen, ist hier richtig.

Die Salvenrunde führt - der Name verrät es - einmal rund um die Hohe Salve. Mit ihren 1829 Metern ist auch sie ein guter Orientierungspunkt. Die Salvenrunde umfasst rund zwölf Kilometer Abfahrten, die in zwei Stunden bequem zu schaffen sind. Zu wenig Zeit sollten Wintersportler aber nicht einplanen. Denn trotz - oder vielleicht auch wegen - der zahlreichen Schilder wird die Runde stellenweise zur Schnitzeljagd.

Die Einheimischen laufen nachts Ski

Die Skiwelt Wilder Kaiser versteht sich als Familiengebiet, und entsprechend viel Aufmerksamkeit bekommen hier die ganz kleinen Wintersportler. "Das jüngste Kind, das wir hatten, war 18 Monate alt", sagt Gerhard Told, Leiter der Skischule Scheffau. Zur Schule gehört das Kinderkaiserland auf dem Brandstadl - eine 7000 Quadratmeter große Skiwelt nur für Kinder. Kleine Lifte ziehen die Knirpse auf winzige Hügel, von denen sie dann im Schneepflug - oder auf ihrem Hintern - hinabrutschen. Jeden Abend werden die Hügel etwas höher gebaut, damit die Kinder am nächsten Tag vor neuen Herausforderungen stehen. Erst wenn sie die gemeistert haben, dürfen sie mit ihrem Skilehrer auf die Erwachsenenpisten.

"Wer die große Après-Ski-Party sucht, ist bei uns aber eher nicht richtig", sagt Gerhard Told. Gleiches gilt für Skifahrer, die große Herausforderungen möchten: 120 Kilometern roter und 108 Kilometern blauer Piste stehen 22 Kilometer schwarze Piste gegenüber. Und auch die sind immer noch gut zu fahren.

Wenn die Sonne untergegangen ist, lohnt ein Abstecher nach Söll - egal, wie sehr die Beine schmerzen. Dreimal pro Woche wird auf der Salvenmoos-, Keat- und "Hexen6er"-Abfahrt das Flutlicht eingeschaltet. Der Nachtskilauf kostet extra, dafür werden die Pisten neu präpariert. "Es sind vor allem Einheimische, die dann fahren", erzählt einer von ihnen im Lift, "die Touristen sind schon zu kaputt." Er schweigt, und sofort wird es unwirklich still, nur das leise Surren der Bahn ist zu hören.

Schwärze umhüllt den Liftsessel, kurz taucht ein Scheinwerfer auf, gleißendes Licht blendet die Augen, bevor der Lift wieder in Dunkelheit fällt. Die Pisten leuchten in kaltem, blauweißem Licht. Erst ist nur ein Kratzen zu hören, dann taucht ein Carver auf, tief in den Knien schneidet er seine Kurven in den Schnee, eine weiße Schneewolke markiert seinen Weg. Väter üben mit ihren Kindern erste Bögen, der örtliche Skiclub hat Tore aufgestellt und trainiert seine Jugend. Auf der Talabfahrt werden die Flutlichter spärlicher, die Piste liegt in diffusem Licht, manchmal fährt man völlig allein. Und das ist - trotz aller Technik, die dahinter steckt - ein umwerfendes Naturerlebnis.

Von Carina Frey, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.