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22. März 2005, 11:09 Uhr

Wladimir Kaminer

Knaller und Gleichgesinnte

"Weg aus Berlin? Niemals! Wozu auch, wenn sämtliche Bulgaren, Österreicher und Durchgedrehte schon hier leben." Wladimir Kaminer über Berlin. Der Schriftsteller wurde 1967 in Moskau geboren, war Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte Dramaturgie. Seit 1990 lebt er mit Frau und zwei Kindern in Berlin. Kaminer organisiert im Kaffee Burger seine berüchtigte "Russendisko".

Im Innern der Berliner Seele schlummert das Bedürfnis nach Geborgenheit, wie sie nur Stammkneipe und Kiez bieten können. Der Kreuzberger Subkulturtreff "SO 36" und das "Bâteau Ivre" (vorn) geben dem Kiez zudem frische Impulse
Hannes Bickel

Im Innern der Berliner Seele schlummert das Bedürfnis nach Geborgenheit, wie sie nur Stammkneipe und Kiez bieten können. Der Kreuzberger Subkulturtreff "SO 36" und das "Bâteau Ivre" (vorn) geben dem Kiez zudem frische Impulse

Es fällt mir schwer, über diese Stadt etwas Neues zu sagen, ich wohne einfach schon zu lange hier. "Berlin ist eine geheimnisvolle Stadt", schrieb ich vor fünf Jahren in meinem ersten Buch und "Nichts ist hier so, wie es scheint." Damals recherchierte ich über verschiedene Geschäftstarnungen von Berliner Restaurants. Jedesmal, wenn ich essen ging, stellte sich heraus, dass der Italiener in Wirklichkeit ein Grieche war, die Japaner in einer authentischen Sushibar entpuppten sich als Russen und die Türken, die einen Grillhähnchen-Imbiss betrieben, sprachen miteinander Bulgarisch. Viel Zeit ist seitdem vergangen, zu Lesungen und mit der "Russendisko" habe ich einige hundert deutsche Städte besucht. Oft fragten mich die Leute dort, ob ich mir vorstellen könne, aus Berlin wegzuziehen. Nein, kommt nicht in Frage, ich schüttelte den Kopf. Berlin bleibt mein Lieblingswohnort.

Dabei möchte ich keinen Schatten auf die anderen Großstädte Deutschlands werfen, natürlich haben auch sie unbestreitbar ihre Vorteile: München zum Beispiel liegt sehr nahe an Italien. Die Münchner sehen viel gesünder als die Berliner aus, sie sind besser angezogen, die Autos sind nicht zerkratzt und es gibt dort Bier in zweilitergroßen Gläsern.

Berlin ist auch nicht so weit weg von Italien und an manchen Stellen näher zu China und Brasilien, es gibt hier einen Kölner Karneval und ein Oktoberfest, eine Love- und eine Fuck-Parade, außerdem gibt es jeden Tag mindestens drei Demos irgendwo in der Stadt, ich war noch nie auf einer. Jeden Tag gibt es in Berlin laut Programm rund 40 Theaterauffühungen, unzählige Rockkonzerte und immer gastieren ein paar Zirkusse irgendwo in der Stadt, ich weiß aber nicht wo. Es gibt auch keinen Zwang, dort hinzugehen - das macht die Stadt für mich so attraktiv. Der muffige Berliner, für den es immer etwas zu meckern gab, ist zum großen Teil in den Westen abgehauen, wahrscheinlich auf der Suche nach einem gut bezahlten Arbeitsplatz. Alle, die einen Vogel haben, kamen dagegen nach Berlin. Aus ganz Deutschland kommen die Knaller hierher, um endlich so zu leben, wie sie es gern hätten, ohne dass jemand mit dem Finger auf sie zeigt. Dabei finden sie in Berlin ganz schnell Gleichgesinnte, eine Stammkneipe, einen eingetragenen Verein und eine spezielle Knaller-Zeitung noch dazu. Nur gehen sie dabei unter, weil sich kein Mensch mehr über sie aufregt.

Die Stadt lebt von ihrer Vielseitigkeit, es gibt etwas für jeden, aber nicht jeder muss unbedingt alles mitmachen. Das beste Beispiel dafür ist die Berliner Gastronomie. Hier können die Münchner in einem waschechten bayerischen Jägerstübchen ihr Heimweh betäuben, die Ostfriesen bei Kohl und Pinkel die Abwesenheit von Ebbe und Flut bedauern und die Wiener sich im "Borchardt" ein Riesenschnitzel in der Form von Österreich bestellen, das auf keinen Teller passt. Doch am liebsten gehen all diese Berliner zu einer Wurstbude an der Ecke.

Was die Bewohner hier am Tag machen, weiß ich nicht, aber abends gehen sie in die Kneipe. Viele Touristen schimpfen auf die Abneigung der Berliner gegenüber Dienstleistungen - also über schlechte Bedienung. In anderen Städten wird man sofort bedient, oft sogar von mehr als einem Kellner. In Berlin kann man dagegen stundenlang in einem Lokal sitzen und wird von niemandem angesprochen. Das ist die Freiheit. Wenn du irgendwas willst, sieh zu, dass du es auch bekommst. Die Kneipen hier sind wie ein öffentliches Wohnzimmer, in dem man sich ausruhen kann.

Sie sind oft mit schweren Sofas und Sesseln ausgestattet. Sie machen erst nach Mitternacht auf und schließen am darauf folgenden Vormittag. Nach einer Nacht wilden Tanzens haben die jungen Berliner oftmals keine Kraft mehr, nach Hause zu gehen und liegen deswegen in den Kneipen herum. Manchmal werden hier zwischenmenschliche Beziehungen geknüpft und E-Mail-Adressen ausgetauscht. Die Sofas in den Kneipen riechen nach Schweiß und Parfüm und sind oft mit Schminke beschmiert.

Aus "Merian"extra-Heft "Deutschland", Dezember 2004

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