WM-Eindrücke "Ich dachte, Ihr hättet keinen Humor"

Zu Gast bei Freunden, die wie ausgewechselt wirken: WM-Reporter aus allen Teilen der Welt nehmen viele neue Eindrücke von Deutschland mit nach Hause. Die Euphorie der Fans hat viele beeindruckt, der fröhliche Fahnen-Patriotismus kam international gut an.


München/Kaltenberg - "Die jungen Leute hier sind ja genauso fußballverrückt wie in Südamerika!" Das Bild von den Deutschen hat sich bei Joseph Castro Tellez grundlegend geändert. Der junge Reporter für TV Costa Rica hat mehrere Wochen lang von München aus über die Fußball-Weltmeisterschaft berichtet. Doch nicht nur das sportliche Ereignis ist bei ihm hängen geblieben: "Es ist bei Euch so sauber und ordentlich - und besonders hat unsere Zuschauer verwundert, wie viele Fahrräder unterwegs sind. Ihr seid doch das Land der Autobahn."

Auch Carol Manana, TV-Moderatorin aus Südafrika, dem Land der nächsten Fußball-WM, kam mit ziemlich festen Vorstellungen nach Deutschland. "Ich dachte, die Leute hier seien sehr kühl und unfreundlich." Besonders wegen ihrer dunklen Hautfarbe sei sie anfangs skeptisch gewesen. Doch die Menschen hätten sie sehr freundlich empfangen. Beeindruckt war sie auch von den riesigen und modernen Stadien und vom gut ausgebauten öffentlichen Transportsystem in Deutschland: "Daran sollten wir uns für 2010 ein Beispiel nehmen."

Wenn er so etwas hört, weiß der Geschäftsführer der Bayern Tourismus GmbH, Richard Adam, dass es gut gelaufen ist. Während der WM organisierte sein Serviceunternehmen deutschlandweit zahlreiche Pressereisen für rund 500 ausländische Journalisten. Die entsprechenden Reportagen seien von hochgerechnet einer Milliarde Menschen im TV gesehen worden, sagte Adam im Interview. Und die vielen Zeitungsberichte und Hörfunkbeiträge seien da noch gar nicht mit drin. Zum Abschluss hat er noch einmal mehrere hundert Journalisten zum größten Ritterturnier der Welt nach Kaltenberg in Oberbayern eingeladen.

Besonders interessiert seien die Reporter aus Asien, Afrika und Südamerika an Geschichten über die Verbindung zwischen Hightech und Tradition gewesen. "Kleinere Geschichten, abseits der Trampelpfade", wie Glasbläser im Bayerischen Wald, Heilkräuteranbau im Allgäu und Besuche bei BMW seien besser angekommen als die üblichen Touristenattraktionen. "Unsere Königsschlösser interessierten die weniger", sagte Adam. Wichtig war ihm, ein rundum positives Bild von Deutschland zu vermitteln.

Beim brasilianischen Radioreporter Adriano Leite ist das gelungen. "Meine Vorstellung von den Deutschen hat sich komplett gewandelt. Ich dachte immer, Ihr seid sehr ernst und hättet keinen Humor. Das ist total falsch", sagte Leite nach mehreren Wochen WM-Aufenthalt in München und Stippvisiten zu den anderen Spielorten.

Ihm gefalle besonders die gelungene Kombination zwischen Alt und Neu, lobte er: "Deutschland hat seine Traditionen bewahrt und ist gleichzeitig sehr modern." Manchmal auch etwas zu modern: "Viele Dinge sind bei Euch automatisiert und dadurch ziemlich kompliziert." Parkautomaten etwa stellten den jungen Brasilianer vor unlösbare Probleme.

Für Manuel Bellon aus Kolumbien war die Reise nach Deutschland fast so etwas wie eine Rückkehr. Vor rund 60 Jahren sind seine Eltern aus Stuttgart in das mittelamerikanische Land ausgewandert. Tränen der Rührung standen ihm in den Augen, als er beschrieb, wie er am Rande einer WM-Partie in Stuttgart durch Bad Cannstatt spaziert ist und sich dachte: "Hier hat meine Mutter als Kind auf der Straße gespielt."

Auch Ulm mit seinem berühmten Münster, die Münchner Altstadt und Heidenheim hat er besucht. Stundenlang ist er herumgelaufen und hat die Eindrücke aufgesogen. "Nächstes Jahr bin ich wieder da", sagte er. Sein TV-Kollege Jhonson Rojas will ebenfalls unbedingt wiederkommen, um mehr Zeit zu haben, dieses "fantastische Land kennen zu lernen".

Genau das wollte Bayerns oberster Tourismusmanager Adam erreichen: Ein überraschendes, frisches Bild von Deutschland, das die Menschen neugierig macht. "Der Effekt, den wir dadurch erzielen können, ist unglaublich", sagte der Geschäftsführer der staatlichen GmbH. "Mit Werbung ließe sich das niemals erreichen."

Nach Ansicht der US-Amerikanerin Susan Mansell bleibt von der WM mehr übrig als Tourismusförderung. Die jüdische Journalistin lebt seit mehreren Jahren in Deutschland, aber so hat sie ihre Wahlheimat noch nie erlebt: "Der Patriotismus ist plötzlich sehr normal geworden. Bislang hatten die Neonazis dieses Thema besetzt. Jetzt sind überall Fahnen zu sehen. Deutschland hat da durch die WM eine sehr wichtige und positive Entwicklung gemacht."

Ulrich Meyer, ddp



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