Wohnschiff "The World" Allein auf der Erde

"The World" ist ein Luxuskreuzer und doch kein Kreuzfahrtschiff, es ist ein Apartmenthotel für Reiche und doch kein Altersheim: Zora del Buono hat 48 Stunden auf der teuersten Yacht der Welt verbracht - und erzählt vom Besuch einer Besitzlosen unter Besitzenden.


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"The World": Wohnschiff für Millionäre
THIS Is not a Cruise Ship (Kurze Betrachtung aus der Ferne)

Das ist sie also.

Gestern noch auf einer Fähre übernachtet, verspiegelte Buchenholzästhetik aus Plastikguss, bunt gemusterte Teppiche, fleckenresistent und feuchtelnd, Dauermusikberieselung aus Flurlautsprechern auch nach Mitternacht, Lastwagenchauffeure hinter Biergläsern, haarige Passagiere mit Rucksäcken, Kleinfamilien auf Urlaubsreise; der Fährhafen von Marseille war vollgestopft mit wartenden Nordafrikanern gewesen, Männer hatten barfuß in der Halle gesessen, Hitze, ein Hauch von Maghreb, südfranzösischer Alltag. Dann die Nacht auf See, und jetzt also Ajaccio, Korsika, sehr hübsch.

Ich darf sie heute noch nicht betreten, erst morgen, zwei Tage und Nächte werden mir gewährt auf dem Schiff der Schiffe, das, wie ich als Erstes lernen werde, vieles ist, nur kein Kreuzfahrtschiff. Ich darf sie nicht betreten, aber aus der Ferne schauen, das kann ich. Sie liegt draußen in der Bucht auf Reede, ein riesiger Kahn, groß glänzen die Buchstaben: THE WORLD. Am Kai ausgerollt ein roter Teppich, daneben ein schattenspendender Schirm, Erfrischungstücher, Sitzgelegenheiten, eine Abschrankung.

Es gibt die hinter dem Zaun und die vor dem Zaun. Dahinter, das sind ein paar neugierige Einheimische, eine Handvoll Touristen, die Gerüchte gehört haben, rauchende Taxifahrer mit zerknitterten Mittelmeergesichtern und ich. Davor, das sind Crewmitglieder, Champagnereinschenker etwa oder philippinische Matrosen mit Tauen in der Hand, daneben Passagiere, die auf das Tenderboot warten, das sie an Bord bringen wird, und an Bord bedeutet hier: nach Hause. Wir lehnen zwei Meter entfernt von ihnen und schauen sie an. Sie beachten uns nicht, sind es wohl gewohnt, über Zaungäste hinwegzusehen.

Gähnende Langeweile und Totenstille

Viel ist nicht los, drei kommen, zwei gehen, sie werden abgeholt von einem Fahrer, er stand vorhin neben mir am Zaun, rauchte Kette, gelbe Zähne, gelbe Finger, jahrzehntealtes schwarzes Jackett. Ist es nicht langweilig auf "The World"? Doch sehr, sagt der eine Matrose. Gähnende Langeweile. Also ist es still an Bord? Oh ja, totenstill. Sind ja heute nur 130 Bewohner und 250 Crewmitglieder auf einem Schiff, das so groß ist, dass es im normalen Leben 1800 Passagiere und 1200 Menschen Besatzung fassen würde.

Aber was heißt schon normales Leben? Das hier ist auch normales Leben. Für die vor dem Zaun. Die hinter dem Zaun freilich flüstern über Prominente, die gesichtet worden seien, was ziemlicher Unfug ist, denn Berühmtheiten gibt es kaum an Bord, abgesehen von einem Mitglied des monegassischen Fürstenhauses. Einer der Matrosen hat schon vor Jahren ins Innerste der fürstlichen Seele geschaut, Dinge habe er da gesehen, die könne er gar nicht benennen, das dürfe er auch nicht, Diskretion gehe über alles. Sagt es und schweigt. Hat schon zu viel geredet, der gute Mann.

Spätabends vom Hotelzimmerfenster aus sehe ich sie hell erleuchtet in der Bucht liegen. Ich steige noch einmal zum Hafen hinunter, buntes Ajaccio, Menschen in Gassen, mediterrane Luft. Zwei Crewmitglieder halten Wache, sie scherzen mit Heimkehrern, ein fast schon intimer Umgang. Ich nicke grüßend ins Leere. Natürlich kennt mich keiner, ich kenne ja auch keinen, warum also sollten sie mich grüßen? Morgen gehe ich an Bord. Morgen wird alles anders.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Viva24 25.12.2009
1. Wo liegt das Schiff?
Wenn es in der Karibik liegt wäre mir die Anreise zu anstrengend, ausserdem ist die Yacht schnell mal unter Piratenangriff!
Schlüssel, 25.12.2009
2. Ein Totenschiff
Zitat von Viva24Wenn es in der Karibik liegt wäre mir die Anreise zu anstrengend, ausserdem ist die Yacht schnell mal unter Piratenangriff!
Wenn man den Artikel liest denkt man ungewollt an ein Totenschiff. Lebendig begraben auf See. Nee! Nee! Nee! Det mus nich sein.
hk1963 25.12.2009
3. Die Propellerinsel
Einer der weniger bekannten Romane von Jules Verne. Milliardäre bauen sich eine schwimmende Insel, mit denen sie über die Weltmeere kreuzen, abgeschirmt vom Rest der Welt. http://www.j-verne.de/verne48.html
ozlemon 25.12.2009
4. das schönste..
daran ist doch: wenn es sinkt merkt es eh keiner. was für ein kotzlangweiliges leben. der artikel ist übrigens auch nicht besser.. interessant wäre halt so ein modell als pflegeschiff statt pflegeheim - demenz ahoi! seebestattung inklusive!
der_Tobi, 25.12.2009
5. Nicht ohne Titel...
Der penetrant intellektuell angewiderte Unterton macht den Artikel sehr anstrengend zu lesen. Eine hübsche Stilübung in "wie schreibe ich etwas nieder", aber mit viel Frust im Detail. Ich finde es für den Rest der Welt allemal angenehmer, wenn sich der Wohlstand auf ein Schiff verkrümelt und um die Welt fährt, als mit Ferraris ökonomisch inkorrekt Co2 und Lärm zu verbreiten und Krokodile in Schuhe zu verwandeln. Frei vom Reichtums-Präsentier-Zwang, gar mit basisdemokratischer Schiffsführung, hat das für mich fast etwas feingeistiges.
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