Wolkenkratzerprojekt in Mekka: Jetzt schlägt's gigantisch

Von Bernhard Zand

Schwäbische Präzision trifft arabisches Machtstreben: In Mekka hat ein Stuttgarter Architektenbüro die größte Uhr der Welt gebaut. Der Auftrag kam von Osama Bin Ladens Halbbruder - allein die Minutenzeiger an dem Wolkenkratzer sind 22 Meter lang.

Bernhard Zand/DER SPIEGEL

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In keiner Stadt der Welt schauen die Menschen so oft auf die Uhr wie in Mekka, keine Stadt hängt so sklavisch an der Zeit. Auch wenn die Mehrheit der Muslime nicht jedes der fünf vorgeschriebenen Gebete des Tages einhält - wenn sie als Pilger in Mekka sind, lassen sie ungern eines aus. Die Gebetszeiten für diesen Montag: 5.32 Uhr, 12.18 Uhr, 15.22 Uhr, 17.43 Uhr, 19.13 Uhr. Sie stehen in den Zeitungen, sie werden vom frühen Morgen an im Fernsehen wiederholt und laufen auf elektronischen Schriftbändern, die zu Dutzenden in der Stadt herumstehen.

Seit diesem Sommer sind sie auch auf einem tagsüber weißen, nachts grünen, 43 mal 43 Meter großen Ziffernblatt abzulesen, hoch über der Stadt auf dem "Mecca Royal Clock Tower". 601 Meter wird der Uhrturm nach seiner Fertigstellung messen. Schon heute, wenige Monate vor seiner Fertigstellung, ist er mit 550 Metern der nach dem Burj Chalifa in Dubai (818 Meter) zweithöchste Wolkenkratzer der Welt. Zwei deutsche Muslime haben maßgeblich zu seiner Entstehung beigetragen.

Der Turm ist Teil eines 1,7 Millionen Quadratmeter großen Hotel-, Apartment- und Shopping-Komplexes, Abradsch al-Bait genannt und unmittelbar südlich von der Großen Moschee gelegen. Vor acht Jahren hatte der Baukonzern Saudi Binladin Group unter dem Druck ständig wachsender Pilgerzahlen begonnen, dort eine historische Osmanenfestung abzutragen. Die Türken beschwerten sich, die Saudis beschwichtigten: In den geplanten Hotels und Apartments würden schließlich Pilger untergebracht, die Einkünfte flössen dem Erhalt und Ausbau der Pilgerstätten zu.

Ein Big Ben für die Pilgerstadt

Etage um Etage wuchsen seit 2004 die sieben Türme des Wolkenkratzer-Ensembles empor, sechs von ihnen bis zu einer Höhe von je etwa 250 Metern, genug, um einen Schatten zu werfen, der fast bis zur Kaaba im Zentrum der Großen Moschee reichte. Der siebte Turm, von den anderen sechs eingerahmt, wuchs weiter. Hier sollte ein Hotel der "Fairmont"-Kette einziehen, in ein Gebäude, das, je höher es wurde, immer stärker dem Empire State Building in New York ähnelte.

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Mekka: Pilgerziel für Millionen
Am Weihnachtstag 2006 klingelt beim Stuttgarter Architekten Bodo Rasch das Telefon. Am Apparat ist Osama Bin Ladens Halbbruder Bakr, der Chef des Baukonzerns. König Abdullah, sagt Scheich Bakr, habe es sich anders überlegt. Der Turm solle, den bisherigen Plänen zum Trotz, eine Uhr bekommen, mit vier Ziffernblättern in alle Himmelsrichtungen. Nicht mehr New York also, sondern London, nicht Empire State Building, sondern Big Ben.

"Des isch grad, was mir no g'fehlt hat", beschreibt Rasch seine erste Reaktion. Dann macht er sich an die Arbeit. Er ist an impulsive Auftraggeber gewöhnt. Rasch, 67, hat beim Stuttgarter Leichtbaupionier Frei Otto studiert und, seit er Mitte der siebziger Jahre Muslim geworden ist, viel im Auftrag des Hauses Saud gebaut: mobile Kuppeln auf dem Dach der Propheten-Moschee in Medina, Wohnhäuser am Roten Meer, ein luftiges Shopping-Center in Riad und - nach einer verheerenden Brandkatastrophe 1997 - eine feuerfeste Zeltstadt für Zehntausende von Pilgern in Mekka.

Nun also entwirft er die größte Uhr der Welt - als Krönung eines Projekts, mit dem er bislang nichts zu tun hatte. Die Dimensionen sind enorm, die Vorgaben schwierig. Der bereits halb fertiggestellte Turm ist im Grundriss kein Quadrat, sondern ein Rechteck. Nur die beiden Ziffernblätter auf der der Kaaba zugewandten Nord- und auf der Südseite sind Kreise, die auf den schmaleren Ost- und Westseiten sind stehende Ellipsen.

Auch müssen die Ziffernblätter wegen der Windverhältnisse in mehr als 450 Metern Höhe konkav nach innen gewölbt sein - sonst könnten die Winterstürme die Uhrzeiger aus ihren Verankerungen reißen: 22 Meter messen die Minuten-, 17 Meter die Stundenzeiger der Nord- und der Süduhr. Beide sind von innen begehbar, weil irgendwann die Leuchtdioden ausgewechselt werden müssen, mit denen die gesamte Anlage in einem Gittermuster von zehn Zentimetern ausgestattet ist.

Technik aus Calw

Die vier Uhrwerke, jedes davon so groß wie ein kleiner Schiffscontainer, liefert die Turmuhr-Manufaktur Perrot aus dem schwäbischen Calw, und auch für das Finish, für die Abertausenden, teils vergoldeten, teils mit arabischen Kalligrafien versehenen Quadratmeter Verbundstoff, ist ein Deutscher zuständig: der Unternehmer Hannes Weimer, 48, der als Yachtbauer im bayerischen Jettingen begann und nun in Dubai mehr als 700 Männer und Frauen damit beschäftigt, die Spitze des "Royal Clock Tower" in Mekka auszugestalten. "Das Design", sagt Waimer, "ist schon sehr speziell. Vors Wohnzimmerfenster würde ich mir so einen Turm auch nicht stellen. Aber hier nach Mekka passt er hin."

Waimer hat lange in Malaysia gelebt, hat dort geheiratet und ist wie Rasch Muslim geworden. Auch seine 70 Ingenieure und Monteure auf der Baustelle sind ausnahmslos Muslime: Türken, Bosnier, Inder, Pakistaner. Nicht-Muslime dürfen Mekka nicht betreten. Das hat, neben der zähen saudi-arabischen Bürokratie, Konsequenzen für die Logistik, weil auch Unternehmen aus anderen europäischen Ländern beteiligt sind, eine italienische Fliesenfabrik zum Beispiel, eine Elektronik- und Beleuchtungsfirma aus Salzburg. "Manchmal denke ich mir: In der Antarktis wäre es vielleicht einfacher gewesen", sagt Waimer. "Auf der anderen Seite: S'ischt doch ebbes Schönes, wenn die Muslime so was zustandebringen."

Ungern sprechen Rasch und Waimer darüber, wie viel von den etwa drei Milliarden Dollar für den gesamten Komplex allein ihr Projekt ausmacht. Es dürfte eine dreistellige Millionensumme sein.

Neue Bahnlinie, neue Brücke

Doch über Geld wird im Königreich zurzeit auch sonst nicht viel gesprochen. Es geht eher darum, es auszugeben. Das Land hat in den Jahren des Ölpreis-Booms so viel eingenommen, dass es Schwierigkeiten hat, die Petrodollars loszuwerden. Deshalb die hektische Bautätigkeit in allen Provinzen, deshalb landauf, landab neue Eisenbahnlinien, neue Universitäten, neue Industriestädte - und deshalb auch die Neugestaltung der Pilgerstadt Mekka, die einem Neubau gleichkommt: Voriges Jahr wurde die Dschamarat-Brücke fertiggestellt, ein fünfstöckiges, fast einen Kilometer langes Gebäude, in dem die Pilger beim Hadsch symbolisch den Teufel steinigen; Anfang November ging, nach nur zwei Jahren Bauzeit, der erste Abschnitt der Pilger-Metro in Betrieb; und inzwischen ist selbst die Große Moschee von einem solchen Wald von Baukränen umstellt, dass die Kaaba, das spirituelle Zentrum der Stadt, kaum mehr auszumachen ist.

Der Uhrturm allerdings ist das Prestigeprojekt der Saudis. Noch fehlen ihm etwa 50 Meter bis zum Richtfest, und noch ist nicht im Detail bekannt, was in den obersten Stockwerken untergebracht werden soll. Auf den zehn Etagen hinter den Ziffernblättern, deutet Architekt Bodo Rasch an, werde wohl ein astronomisches Observatorium eingerichtet. Ein schöner Plan in einem Königreich, das sich mit der modernen Wissenschaft bislang so schwer tut.

Er würde die lang vergangene Zeit der großen muslimischen Astronomen feiern - und das besondere Verhältnis der Muslime zur Zeit: "Wir wollen der Greenwich Mean Time den Zeitstandard von Mekka gegenüberstellen", sagt Mohammed al-Arkubi, der Direktor eines der Hotels, die zum Komplex gehören. "Darum geht es."

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Forum - Sind Islam und Moderne vereinbar?
insgesamt 879 Beiträge
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1.
Kontra 18.12.2010
Zitat von sysopAuch Religionen unterliegen dem Wandel, werden reformiert und passen sich in Lehre und Praxis dem Leben an. Häufig wird dem Islam das Verharren in nicht zeitgemäßen Forderungen und Inhalten vorgeworfen, was zu Konfrontationen und Missverständnissen führt. Sind Islam und Moderne vereinbar?
Religion ist was für's Mittelalter und hat in der Moderne nichts zu suchen und der Islam im Besonderen, Prädikat besonders rückständig.
2. ja und nein
Klapperschlange 18.12.2010
Zitat von sysopAuch Religionen unterliegen dem Wandel, werden reformiert und passen sich in Lehre und Praxis dem Leben an. Häufig wird dem Islam das Verharren in nicht zeitgemäßen Forderungen und Inhalten vorgeworfen, was zu Konfrontationen und Missverständnissen führt. Sind Islam und Moderne vereinbar?
Nach unseren Politikern, ja, nach Volkes Meinung, nein!
3.
muhareb 18.12.2010
Zitat von KlapperschlangeNach unseren Politikern, ja, nach Volkes Meinung, nein!
Die Frage war ob Islam und Moderne vereinbar sind, nicht was irgendwelche Leute dazu meinen. Die Frage ist nun eigentlich gar nicht zu beantworten, solange man "Moderne" nicht definiert. Sind doch Organistionen wie die "Muslimbruderschaft" auch eben Ergebnis der Moderne, und, noch wichtiger, übernehmen sie ja auch Ideolgien der Moderne wie den Antisemitismus, vermischen ihn mit koranischen Versatzstücken und haben ein Amalgam, dass theoretisch nicht weniger eliminatorisch antisemitisch ist wie der Nationalsozialismus, alleine die Möglichkeiten fehlen. Aber da wird ja auch -nicht zuletzt mit Hilfe der deutschen Wirtschaft, dran gearbeitet.
4. Ist Religion Privatsache?
++arthur 18.12.2010
Klar, müssen die Menschen mit sich selbst ausmachen. Bis jetzt wirkt der von Menschen in der Öffentlichkeit vertretene, propagierte Islam aber für mich noch Rückständig. Liegt vielleicht auch an einer verzerrten Mediendarstellung. Allerdings sind die Länder in denen "streng nach dem Islam" gelebt wird für mich abstoßend. Man sollte hier in Deutschland auch endlich anfangen Religion & Staat zu trennen. Ein Vorschlag: nur noch einen gemeinsamen Ethikunterricht statt verschiedene Religionsunterrichte. Das könnte man noch damit kombinieren, dass Religionsunterrricht, in der Form wie er jetz existiert, nur noch als freiwilliges Zusatzfach oder später 8./7. klasse als Wahlfach unterrichtet wird. An Grund-, Haupt-, Realschulen & Gymansien. Theologisches Studium könnte so trotzdem angestrebt werden. Die klassen 2.3.4., in denen die Kinder noch sehr jung sind, sind stark prägend. Religion würde durch diesen Vorschlag nicht austerben. Und in dem neuen gemeinsamen Ethikunterricht könnten trotzdem die schönen/moralischen Lehren aus Bibel, Koran, Tanach gelehrt werden. Ohne auf irgendwelche Konflikte eingehen zu müssen. Kirchengang (am Schulanfangjahr) freiwillig! und noch folgendes "Diese _schleichende Rechristianisierung der Politik läuft unserer Verfassung zuwider_. Ein weltanschaulich neutraler Staat muss zwischen religiösen Fragen einerseits, ethischen Fragen andererseits präzise unterscheiden. Erinnert sich noch jemand, dass die Demokratie gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft wurde? Menschenwürde ist eben keine Erfindung des Christentums, sondern geht auf die antiken Stoiker zurück. Und die Menschenrechte wurden in der Französischen Revolution gegen eine »gottgewollte« Monarchie durchgesetzt. Noch bis in die 1950er Jahre nannten deutsche Kleriker die Menschenrechte eine »liberalistische Verirrung«, und Papst Benedikt spricht von einer bloßen »Lehre«." http://www.zeit.de/2010/44/Das-ist-mir-heilig PS: Ansonsten möcht ich mich noch allen Religionskritikern anschließen. Und sagen: Die Kirche war schon immer der Feind der (modernen) Wissenschaft.
5. .
fâni 18.12.2010
Die Muslime nennen die Zeit des Propheten "Asr-saadat" - "Zeit der Glückseeligkeit". Islamische Gesellschaften brauchen sich der Moderne nicht anzupassen. Sie müssen sich auf ihre islamischen Wurzeln besinnen, auf die reine Lehre des Quran und der Hadithen. Sie müssen sich ihrer Diktatoren entledigen, natürlich auch die Besatzungsmächte loswerden, sich vom Wahabbismus distanzieren und endlich dem Rat des Propheten, sich nicht aufzuspalten (oder aufspalten lassen), sondern sich zu einen, folgeleisten.
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Karte von Mekka: Pilgerziel für Millionen

AP
Über eine Milliarde Menschen leben in der islamischen Welt, zwischen Mauretanien und Indonesien gelten besondere Verhaltensregeln. Kennen Sie auf Reisen den guten Ton des Orients?

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Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.

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Saudi-Arabien: Mekka und mehr