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30. Juni 2003, 06:23 Uhr

Zeitungslektüre im Ausland

Man schreibt Deutsch

Fern der Heimat ist die gewohnte Tageszeitung - falls überhaupt erhältlich - meist mehrere Tage alt und ihre Neuigkeiten schon längst kalter Kaffee. Rund um die Welt können jedoch Zeitungen in deutscher Sprache die Sucht nach dem morgendlichen Papiergeraschel stillen.

Die Zahl deutschsprachiger Auslandsmedien nimmt zu - mehr als 3000 sind es bereits
GMS

Die Zahl deutschsprachiger Auslandsmedien nimmt zu - mehr als 3000 sind es bereits

Hennef - Am Kiosk des Supermarkts "Las Brisas" in der Stadt Puerto Montt in Chile stapeln sich neben Zigaretten und Schokoriegeln zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Zwischen den einheimischen Blättern "La Tercera" und "El Mercurio" blitzt eine deutsche Schlagzeile auf: "Reform im chilenischen Strafrecht", titelt der deutsch-chilenische "Condor" - eine etwa 20 Seiten starke Wochenzeitung. Aber nicht nur in Chile, rund um die Welt haben deutsche Urlauber Gelegenheit, sich in ihrer Muttersprache über Neuigkeiten zu informieren.

Mehr als 3000 deutschsprachige Publikationen gibt es laut einer Studie der in Hennef bei Köln ansässigen Internationalen Medienhilfe (IMH) außerhalb des deutschen Sprachraums. Dazu gehören etwa das "Argentinische Tagblatt", die "Riviera-Cote d'Azur Zeitung", die "Prager Zeitung", die "Peking Rundschau" und "Die Woche in Australien". Zudem werden rund 350 Radio- und 50 Fernsehprogramme auf Deutsch produziert.

Auch wenn sich diese Medien vor allem an deutsche Einwohner des jeweiligen Landes richten: Sie ermöglichen Touristen allemal, im Urlaub etwas anderes in deutscher Sprache zu lesen als die mitunter Tage alten Auslandsausgaben heimischer Zeitungen. Die Publikationen reichen vom Faltblatt bis zur Tageszeitung und sind teils nur im Abonnement, teils aber auch am Kiosk zu kaufen.

Der "Condor" in Chile erscheint seit 65 Jahren und hat inzwischen nach eigenen Angaben eine Auflage von etwa 5000 Exemplaren. Herausgeber ist der Deutsch-Chilenische Bund, eine Organisation deutsch-chilenischer Institutionen mit Sitz in Santiago de Chile. Grafik und Aufmachung von "Condor" sind modern, so dass das Blatt auch an einem deutschen Kiosk nicht auffallen würde.

Anders die einzige deutschsprachige Tageszeitung Afrikas: die "Allgemeine Zeitung" (AZ) in Windhoek in Namibia. Im Jahr 1916 gegründet, ist sie zugleich die älteste Tageszeitung in dem südwestafrikanischen Staat. Vor vier Jahren wurde das etwa 20 Seiten starke Blatt einem "Facelifting" unterzogen - Druckqualität und Papier sind trotzdem nach wie vor nicht besonders gut.

Die "AZ" ist eine Art Lokalzeitung für ein Land, in dem immerhin rund 25.000 Menschen deutsch sprechen. Bei einer Auflage zwischen 5000 und 5700 finden sowohl eine Meldung über internationalen Terrorismus als auch der Bericht über einen Brand im Seniorenheim Platz auf der ersten Seite. Neben der "AZ" gibt es in Namibia noch eine zweite regelmäßige deutsche Publikation: das wöchentlich erscheinende Anzeigenblatt "Plus".

Eine Zeitung, die sich an Deutschsprachige auf der ganzen Welt richtet, ist die in Kanada erscheinende "Deutsche Rundschau". "Die Berichte stammen überwiegend von 127 freien Mitarbeitern auf allen fünf Kontinenten", sagt Verleger Juri Klugmann. Die "Deutsche Rundschau" wird seit 1997 monatlich in Ontario gedruckt und bezeichnet sich selbst als "kleinste globale Zeitung". Bei einer Auflage von 15.000 werden nach eigenen Angaben rund 60.000 Leser in 146 Ländern erreicht.

Laut IMH nimmt die Zahl deutschsprachiger Auslandsmedien stetig zu. Seit 1990 entstanden weltweit etwa 300 neue Zeitungen, Zeitschriften, Mitteilungsblätter und Rundfunkprogramme. "Das Land mit den meisten deutschsprachigen Auslandsmedien ist derzeit die USA, was nicht verwundert, wenn man an die mehr als 50 Millionen deutschstämmigen Einwohner denkt", sagt IMH-Gründer Björn Akstinat. Rund 15 Prozent aller deutschsprachigen Auslandsmedien erscheinen in Nordamerika.

Der weitaus größte Teil wird naturgemäß in Europa publiziert - rund 65 Prozent. Etwa zehn Prozent der deutschen Publikationen erscheinen in Süd- und Mittelamerika, fünf Prozent in Asien, drei Prozent in Australien und Neuseeland und nur zwei Prozent in Afrika. Die IMH vertritt die Interessen von deutschsprachigen Auslandsmedien und vermittelt unter anderem Werbekunden.

Neben dem bereits seit 1727 erscheinenden Monatsmagazin "St. Petersburgische Zeitung" gehört auch der "Der neue Pester Lloyd" zu den Publikationen mit Tradition: Das wöchentlich in Ungarn erscheinende Blatt wurde 1854 von jüdischen Kaufleuten gegründet. In den dreißiger Jahren gehörten Thomas Mann und Stefan Zweig zu den Autoren. Im April 1945 stellte die Zeitung ihr Erscheinen ein und wurde erst 1994 als unabhängige deutschsprachige Wochenzeitung wiederbelebt. Sie hat heute eine Auflage von bis zu 30.000 Exemplaren.

Von Andrea Löbbecke, gms

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