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30.09.2009
 

GPS-Schatzsuche

Hetzjagd durch die Hafencity

Von Jens Radü

Drei Stunden Hochspannung bei der Hightech-Schnitzeljagd: Eine Hamburger Firma schickt Geocaching-Fans mit Funkgeräten und Kameras durch die Hamburger Hafencity, auf der Jagd nach Fotos, Eiern - und ihren Gegnern.

"Achtung, ducken!", ruft Bettina, und ihr Freund Marek wirft sich hinter ein graues Auto am Straßenrand. "Da vorne ist das grüne Team!" Vorsichtig lugt Marek hinter dem Auto hervor und zieht die Digitalkamera aus der Tasche. "Schleich dich ran, aber sei vorsichtig", sagt Bettina, und Marek wagt sich aus seiner Deckung, geht hinter einer Säule in Position und drückt ab. Klick. Das Foto ihrer Gegner in den neongrünen Leibchen ist verschwommen, immerhin ist das Team knapp hundert Meter entfernt. Trotzdem wird es Marek, Bettina und ihren drei Teamkollegen 20 Extrapunkte einbringen.

"Jetzt aber weiter, keine Zeit verlieren", ruft ihnen Martin ungeduldig zu und blickt auf das kleine GPS-Gerät in seiner Hand. Schließlich bleiben nur noch anderthalb Stunden für die restlichen Aufgaben: Noch elf versteckte Dosen finden, das Fotorätsel lösen, ihre Gegner jagen und währenddessen noch ein rohes Ei kochen.


"Die Aktion heute ist so etwas wie eine Schatzsuche 2.0", sagt Thilo Smuszkiewicz und nippt an seiner Apfelschorle. Zusammen mit seinem Firmenpartner Oliver Krooss sitzt er im "Fleetschlösschen", einem Café in der Hamburger Hafencity, die Funkgeräte liegen in Griffweite. Schließlich könnte sich jeden Augenblick ein ratloser Mitspieler melden und um Hilfe bitten.

"Drei Teams sind unterwegs, alle haben Funkgeräte, Digitalkamera und ein GPS-Gerät dabei und müssen versuchen, damit Orte zu finden, an denen wir kleine Dosen versteckt haben", erklärt Smuszkiewicz. In den Dosen steckt ein Zettel, auf dem das Team seinen Stempel hinterlässt - und weiter geht es zum nächsten Ziel.

Die Grundidee ist nicht neu: Geocacher nutzen die GPS-Signale, die auch Auto-Navigationsgeräten den Weg weisen, schon seit den neunziger Jahren, um ihre Verstecke - die sogenannten Caches - auffindbar zu machen. Die Szene ist enorm aktiv: Allein in Hamburg gibt es derzeit etwa 3000 Caches, verborgen in ausgehöhlten Steinen, mit Magneten an Straßenschildern befestigt oder halb vergraben im Park. Im Internet werden die Koordinaten der Caches veröffentlicht und jeder, der ein GPS-Gerät besitzt, kann sich so selbst auf die Jagd machen. Etwa 20.000 Geocacher machen in Deutschland mit - ohne Bezahlung, ehrenamtlich, aus Spaß.

Thilo Smuszkiewicz und Oliver Krooss hingegen wollen Geld verdienen. Im April 2008 gründeten sie die Firma Geobound und bieten seitdem verschiedene GPS-Abenteuer-Events an. Als Betriebsausflug, für Führungskräfte oder zur Mitarbeitermotivation. "Wir schweißen Ihr Team zusammen", heißt es in der Geobound-Werbebroschüre. Langsam läuft das Geschäft an: Zuletzt organisierten Smuszkiewicz und Krooss für ein Unternehmen eine GPS-Schatzsuche in Barcelona.

Gepöbel im Internet

Doch mit dem Erfolg kommt auch Gegenwind auf: "Geocaching ist ja ein absolut unkommerzielles Hobby für jedermann. Dass wir damit Geld verdienen wollen, ist nicht gern gesehen", erzählt Smuszkiewicz, im Internet wird gern mal gepöbelt. Dabei haben die jungen Firmengründer das Spielkonzept weiterentwickelt: Statt allein oder zu zweit zu suchen, treten bei Geobound mehrere Teams gegeneinander an. Und die bekommen so viele Sonderaufgaben, dass das Geocaching selbst beinahe in den Hintergrund tritt.

"Außerdem würden wir nie schon vorhandene Caches benutzen, das ist ein Kodex", erklärt Krooss. Jede Dose, jeden ausgehöhlten Stein haben Kroos und Smuszkiewicz deshalb im ersten Licht des Tages selbst versteckt und auf ihrer Karte markiert. "Es ist auch eine Niete dabei", sagt Smuszkiewicz und grinst.

Die hat das rote Team noch nicht aufgespürt. Dafür sind sie bereits fünfmal fündig geworden. Der letzte Cache war besonders kniffelig: Das GPS-Gerät zeigt das Ziel nur mit einer Genauigkeit von bis zu zwei Metern an. Dann heißt es suchen. Martin entdeckt die kleine Dose mit dem Zettel schließlich in einer Bronze-Skulptur. Der 31-Jährige ist der Erfahrenste der Gruppe: Schon seit drei Jahren geht er regelmäßig mit dem GPS-Gerät auf die Jagd, etwa 700 Caches hat er schon ausfindig gemacht.

"Der Schlimmste, den ich je gesehen habe, lag auf einer Autobahnraststätte. Das war eine Dose, die ich vor lauter Fäkalien nicht mehr anfassen mochte", erzählt er und wirft einen Blick auf das GPS-Gerät, das etwa die Größe eines Handys hat und wie ein Kompass die Richtung zum nächsten Ziel angibt. Geocaching ist für ihn der Ausgleich zum Bürojob als Beschaffungsmanager. "Das hier heute ist aber noch einmal was anderes durch diesen Wettbewerbscharakter und die Sonderaufgaben."

Ärger mit der Polizei

Das Ei etwa. Jedes Team musste ein rohes Ei mitnehmen und es hartgekocht wiederbringen. Team Rot hat das Problem schnell gelöst: Kai, 40 Jahre und Systemadministrator, läuft ins nächste Café und bittet die verdutzte Kellnerin, das Ei zu kochen. Jetzt liegt es in Martins Rucksack. Doch die Fotoaufgabe macht Probleme: Das Team soll einen Polizisten, einen Radfahrer und einen Hund fotografieren, nicht hintereinander und einzeln, sondern alles auf einem Bild. Nicht einfach an einem Samstagmittag in der wenig bevölkerten Hamburger Hafencity. Und die Zeit läuft.

"Das mit dem Polizist wird schwer", schätzt Oliver Krooss, während er auf seinem Laptop bereits die Siegerehrung vorbereitet. "Die sind oft nicht so gut zu sprechen auf Geocacher." Erst vor wenigen Tagen legte ein überambitionierter Schatzsucher zeitweise den Karlsruher Hauptbahnhof lahm. Er hatte einen Cache versteckt, die Polizei jedoch ging von einer Bombe aus und räumte Teile des Bahnhofs. Geocaching kann manchmal ein teures Hobby sein.

"Jetzt brauche ich ein Fußbad", stöhnt Marek und lässt sich auf eine Bank am Fleetschlösschen fallen. Schon eine halbe Stunde vor der Deadline hat es Team Rot geschafft. Bettina zeigt Chefauswerter Oliver Krooss die Fotos von den anderen Teams, das gibt Extrapunkte.

Die Bilanz der Schatzsuche: 16 aufgespürte Caches, Fotorätsel sowie Ei-Aufgabe gelöst und 12,7 Kilometer Fußweg. Teamrekord, keine andere Gruppe ist so viel gelaufen. Nur das Polizistenfoto konnten sie nicht schießen. "Die Polizisten haben abgeblockt", erzählt Marek. Trotzdem reicht es für das rote Team am Ende für den Sieg. Es gibt eine Dose Tee "Teamspirit" für jeden. Und einen Gutschein - für die nächste GPS-Jagd.

Dann wohl ohne Ei. Aber mit neuen Überraschungen.

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