Startpunkt der Tour ist die Talstation im wenige Kilometer entfernten Nesselwang auf knapp 900 Metern Höhe. Wo andere Skifahrer sich aufseufzend in den Sessellift setzen und gemächlich bergwärts schaukeln, heißt es für die Tourenski-Geher: Felle an die Unterseite der Skier geschnallt, und los geht's. "Wir gehen nicht direkt neben der Piste, sondern schön romantisch durch den Wald", sagt Jansen und stapft voraus. Im gesamten Gebiet seien zwar - außer in der direkten Nähe zu einer Skipiste - nur wenige Touren ausgeschildert. Doch Sorgen seien deswegen nicht angebracht: "Das Tourenskigehen ist ein sehr beliebter Sport bei uns, irgendwo sieht man immer Spuren im Schnee, denen man folgen kann."
Für Überlegungen dieser Art bleibt freilich keine Zeit. Denn auch als erfahrene Alpinfahrerin muss man sich erst einmal mit diesem ungewohnten Gefühl anfreunden, mit Skiern, deren Bindung den Skischuh nur vorne festhalten, den Berg hinaufzulaufen. Binnen weniger Minuten wird es mollig warm unter der Jacke und in den Handschuhen. Doch die Mühe wird belohnt: Nach zweieinhalb Stunden Aufstieg in absoluter Stille und in wunderbar klarer Bergluft mit Blick ins benachbarte Österreich gelangt man über die Bayerstettner Alm auf die 1575 Meter hohe Alpspitz. "Das hier sind die Ammergauer, Allgäuer und die Lechtaler Alpen und die Zugspitze", erklärt Guide André den Ausblick.
Käsespätzle im Warmen
Tourenski ist allerdings nicht der einzige Freizeitspaß, mit dem sich die Menschen hier die Zeit vertreiben. Auf zahlreichen Winterwanderwegen kann man durch den knirschenden Schnee stapfen und dabei den Ausblick auf die Hausberge Tegelberg oder Säuling genießen.
Oder bei einer Pferdeschlittenfahrt dem Klang der Schlittenglocken lauschen und dabei in den glitzernden Schnee blinzeln, der wie eine Pudelmütze auf den Baumwipfeln sitzt. Oder auf einer der Loipen dem Langlauf frönen und dazwischen in eine der Hütten einkehren und einen großen Teller Allgäuer Käsespätzle verdrücken.
Doch nach der Skitour ist an diesem Nachmittag zunächst einmal Gaudi auf dem zugefrorenen Hopfensee angesagt. Mehrere Grüppchen aus Einheimischen und Gästen treffen sich jeden Nachmittag auf einem der vereisten Seen zum Eisstockschießen. Dabei ist die in Bayern so beliebte Sportart gar nicht so einfach: Ähnlich wie beim Billard oder Boule sind Augenmaß, Fingerspitzengefühl und der richtige Schwung nötig. Und rutschig ist es obendrein auf der eisglatten Oberfläche; direkt beim zweiten Wurf macht das Steißbein der Anfängerin die Bekanntschaft mit der harten Eisfläche. Da helfen nur ein tiefer Schluck heiß dampfenden Glühweins und die stützende Schulter eines Mitspielers bei den nächsten Würfen.
Es sind diese einfachen, ursprünglichen Erlebnisse, die einen Aufenthalt gerade auch während der Winterzeit im Ostallgäu so besonders machen. Hochtechnisierte Ski-Arenen und breitgewalzte Pisten-Autobahnen gibt es hier ebenso wenig wie Après-Ski-Hütten, aus denen schon am Vormittag wummernder Disco-Beat dröhnt.
Täglich grüßt der Futtertrog
Massenabfertigung und überteuerte Preise sind hier genauso Fehlanzeige wie Schlangestehen am Lift oder Staus vor den Parkplätzen. Und obwohl die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau jährlich rund zwei Millionen Besucher anlocken, gibt es genügend Menschen, die genau diesen Rummel meiden und gerade wegen der Ruhe und unverfälschten Naturerlebnisse in die Region kommen.
Auch die Wildfütterung zwischen dem Bannwald- und dem Forggensee gehört zu solchen Erlebnissen. Jeden Tag gegen 15 Uhr verlassen die Wildtiere ihre Einstände und kommen zu dem Futterplatz. Kapitale Hirsche, Hirschkühe und -kälber drängeln sich dann vor den Futtertrögen und mustern kauend die Touristen, die sich flüsternd und fotografierend in einiger Entfernung halten.
"Früher zogen die Wildtiere aus den Bergwäldern in die Flussauen und fanden dort nahrungsreiche Wintereinstände", erläutert Jagdvorsteher Kuno Rinke. Straßen und Siedlungen erschweren es den Wildtieren heute aber, diese Lebensräume zu nutzen. "Wir versuchen, die nahrungsarme Zeit durch entsprechendes Erhaltungsfutter zu mildern", sagt Rinke. Und während er noch erklärt, weshalb nur die Hirsche und nicht die Rehe als Rotwild bezeichnet werden, stehlen sich die ersten Tiere schon wieder leise in den tief verschneiten Wald - bis morgen, wenn es wieder neues Futter gibt.
Claudia Bell, dpa
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