Von Nora Somborn
"Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann wir das letzte Mal so gute Bedingungen hatten", sagt Erwin Pirr. Zusammen mit seinem Freund Willi Deusinger betreibt der 82-jährige Rentner seit mehr als 40 Jahren zwei Schlepplifte am Großen Feldberg im Taunus. Ihre kleine Holzhütte an der Einstiegsstelle ziehen die beiden ihrem Platz zu Hause vor dem Fernseher vor. Denn dort können sie mit den Skifahrern reden und ihre Witzchen reißen. Die Liftkarten knipsen sie noch mit einer Lochzange ab. Eine einfache Fahrt mit dem altertümlichen Bügellift, der gerne auch einmal stehenbleibt, kostet nur 50 Cent.
Zwischen Ende Dezember und Mitte Februar waren ihre Lifte fast durchgehend im Betrieb - eine außergewöhnlich gute Bilanz. "Es gab Jahre, in denen wir nur drei Tage geöffnet hatten", sagt Pirr. "So viel Schnee hatten wir noch nie", sagt auch Ina Dorbert von der Geschäftsstelle des Ski Club Taunus in Schmitten. "Wir leben normalerweise hauptsächlich davon, Fahrten ins Hochgebirge zu veranstalten", sagt sie. In dieser Saison sei aber an vielen Wochenenden an ihrem Heimatort so viel los gewesen, dass keine Parkplätze mehr frei gewesen seien.
Für alle niedrig gelegenen Skigebiete Deutschlands war dieser Winter hervorragend. Viele Skilifte, die in den vergangenen Jahren eher sporadisch geöffnet hatten, waren im Januar und Februar im Dauerbetrieb. Der Harzer Tourismusverband vermeldete in diesem Jahr den "besten Winter seit Jahren", das Rhön-Info-Zentrum eine "sehr gute Saison" sowie "beste Langlaufverhältnisse", und die Eifel-Touristik schwärmt von "einer sehr langen Saison mit außergewöhnlich viel Schnee". Von Ende Dezember oder Anfang Januar bis Mitte Februar waren etliche kleine Lifte im Betrieb. In den Harzer Gebieten laufen viele Skilifte auf nur 600 Meter Höhe sogar immer noch.
Ohne Schneekanone
Skifahren in den Mittelgebirgen - dieses Vergnügen beschränkt sich sonst eher auf die skisicheren Lagen wie Altenberg im Erzgebirge oder auch auf die Skihochburgen des Sauerlandes wie Winterberg und Willingen. Dort können Skifahrer mit Hilfe von Schneekanonen bis zu vier Monate im Jahr Ski fahren.
Erwin Leismann ist der Geschäftsführer von einem der kleineren Skigebiete im Sauerland. Das Skigebiet Sternrodt in Olsberg liegt in einem Natur- und Wasserschutzgebiet und hat schon deshalb keine Schneekanone. "Wir sind in diesem Winter sehr zufrieden", sagt Leismann. Er arbeitet schon seit Ende der siebziger Jahre in dem Skigebiet. "Damals waren die Winter noch deutlich besser", sagt er.
Seit sich in den neunziger Jahren viele andere Skigebiete Schneekanonen gekauft hätten, sei der Besucherandrang in Olsberg deutlich weniger geworden. Allzu neidisch sei er auf die größeren Wintersportgebiete aber nicht. Zu lange müsse man für ein paar Sekunden Abfahrt am Lift warten.
Der Klimatologe Tobias Sauter vom Geografischen Institut der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen bestätigt das Bauchgefühl, dass die Winter früher besser waren. "Winter wie in dieser Saison waren früher die Regel", sagt er. Mit seinen Kollegen hat er basierend auf langjährigen Messdaten eine Klimaprognose für die deutschen Wintersportgebiete der Mittelgebirge aufgestellt - und hat eine schlechte Nachricht für diese: Das Schneevergnügen dort wird ihrer Berechnung zufolge wohl nur noch wenige Jahrzehnte währen.
"Die Skisaison wird immer kürzer", sagt Sauter. Schon jetzt sei Skifahren oft nur noch mit Beschneiungsanlagen möglich. Und ab 2040 sei kommerzieller Wintersport in Skigebieten, die weniger als 900 Meter hoch liegen, vermutlich überhaupt nicht mehr möglich. Die Schneemengen dieses Winters verwundern ihn aber nicht, "Extreme werden zunächst sogar häufiger auftreten", sagt er. Bis 2030 könne es gut sein, dass in den Hauptwintermonaten zum Teil mehr Schnee falle als bisher üblich.
Schlange am Waffeleisen
Nicht nur das gebirgige Sauerland und der Harz konnten von den ergiebigen Schneefälle dieser Saison profitieren - sogar das Flachland bot unerwartetes Wintersportvergnügen: etwa Hattingen im Ruhrgebiet und der Bungsberg in Schleswig-Holstein. Die beiden kleinen Skilifte dort erlebten mit Betriebszeiten von sechs bis acht Wochen bisher den besten Winter aller Zeiten.
"An den Wochenenden hatten wir mehr als tausend Besucher", sagt Heike Siebe vom Landhaus Siebe in Hattingen, zu dem der Skilift seit 1987 gehört. Die Piste ist nur rund 300 Meter lang, die Abfahrt dauert wenige Sekunden. So viel geschneit wie in diesem Jahr hat es seit den Achtzigern noch nie, sagt Siebe. Von Anfang Januar bis Mitte Februar sei der Lift fast dauerhaft in Betrieb gewesen.
"Die Saison war bombig", sagt auch die Leiterin des Landhaus-Restaurants, Katja Kluger. Vor ihrem Waffeleisen habe sich an manchen Tagen eine riesige Schlange gebildet. "Ich habe teilweise fünf Stunden am Stück Waffeln gebacken und konnte selbst gar nicht vor die Tür gehen."
Ausgesprochen erfolgreich lief es auch für den Skilift am Bungsberg, dem "nördlichsten aller Skigebiete", wie die Betreiber Hans-Heinrich Schröder und Horst Schnoor sagen. "In fast 40 Jahren Skigeschichte hatten wir keine so lange Saison", sagt Schröder. Die beiden Landwirte haben den Lift erstmals 1971 in Betrieb genommen, damals noch angetrieben von einem Traktor.
Ihre Rekordbilanz: Der Lift am Bungsberg war vom 19. Dezember bis zum 20. Februar durchgehend geöffnet. Viele größere Skigebiete konnten dagegen erst nach Weihnachten in die Saison starten.
Für Schröder und Schnoor, die sich zusammen um das Kassieren kümmern und Anfängern auch schon einmal helfen, in den Lift einzusteigen, bedeutete diese gute Saison aber auch viel Arbeit. Schröder ist 73 Jahre alt, Schnoor 72. "Nach einem Tag am Lift weiß ich, was ich getan habe", sagt Schröder. "Zuletzt wurde die Arbeit schon anstrengend", bestätigt Schnoor, der selbst zum letzten Mal vor mehr als zehn Jahren Ski gefahren ist. "Aber wir machen es auch sehr gern."
Zum Wochenende sagen die Meteorologen für Deutschland wieder Schneeflocken bis ins Flachland voraus. Vielleicht geht dann die Saison für die kleinen Pisten sogar noch weiter.
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