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17.04.2010
 

Aschewolke über Europa

Luftraum über Deutschland bis Mittag gesperrt

Stillstand im Flugverkehr: Das lange Warten
Fotos
Getty Images

Das Chaos an Europas Flughäfen nimmt kein Ende: Der Luftraum über Deutschland bleibt bis mindestens 14 Uhr am Sonntag gesperrt. Hunderttausende Reisende sitzen damit weiter fest. Nur wenige Flugzeuge starteten trotz der gefährlichen Vulkanaschewolke.

Berlin - Der Himmel über weiten Teilen Europas bleibt mindestens bis Sonntagmittag wegen der Wolke aus Vulkan-Asche für den Flugverkehr gesperrt. Die für Triebwerke extrem gefährliche Wolke aus feinsten Glas- und Steinteilchen werde sich vorerst wohl nicht auflösen, erklärte die europäische Flugsicherung Eurocontrol am Samstag. Die Beeinträchtigungen würden mindestens noch 24 Stunden andauern. Der Luftraum über Deutschland ist vorerst bis 14 Uhr am Sonntag gesperrt. Das teilte die Deutsche Flugsicherung (DFS) am Samstagnachmittag mit. Zuvor galt die Sperrung bis 8 Uhr.

Allein am Samstag dürften nach Angaben von Eurocontrol fast drei Viertel der Flüge in Europa ausfallen, von den normal 22.000 Verbindungen würden wohl nur 6000 bedient. Starts und Landungen seien in großen Teilen Nord- und Mitteleuropas - einschließlich Großbritanniens und Frankreichs - für Zivilflugzeuge nicht möglich. In Spanien, auf dem südlichen Balkan, in Süditalien, Bulgarien, Griechenland und in der Türkei gebe es aber noch Flüge.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Freitag in Lissabon gelandet war, flog tags darauf nach Rom weiter und musste von dort auf der Straße zunächst nach Südtirol reisen, von wo sie frühestens am Sonntag nach Berlin zurückkehren soll. Das Auswärtige Amt sagte den vielen Deutschen, die wegen der Flugabsagen nicht nach Hause fliegen konnten, zumindest bei individueller Notlage konsularische Hilfe zu.

Lufthansa fliegt - ohne Passagiere

Die Lufthansa überführte in Absprache mit den Behörden trotz der Sperrung des Luftraums zehn Flugzeuge von München nach Frankfurt, um sie bei einer Freigabe des Verkehrs am richtigen Ort zu haben. Die Maschinen flogen nach Angaben der Fluggesellschaft in drei Kilometern Höhe auf Sicht und ohne Passagiere. Vorerst aber rechnet auch die Lufthansa nicht mit einer raschen Wiederaufnahme des Flugverkehrs. Sie strich alle Flüge bis Sonntag 14 Uhr. Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) plädierte für eine Aufhebung der Nachtflugbeschränkungen, um eine rasche Rückkehr zum regulären Betrieb zu ermöglichen.

Die gigantische Aschewolke hatte die schlimmsten Probleme im weltweiten Flugverkehr seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgelöst. Der isländische Vulkan war am Mittwoch unter einem Gletscher ausgebrochen. Seither spuckt er Magma und schleudert Asche etliche Kilometer hoch in die Atmosphäre.

Ein Ende der derzeitigen Lage ist nicht in Sicht: Sowohl das Hochdruckgebiet über dem Atlantik als auch die Aktivität des Vulkans sind laut Eurocontrol unverändert. Nach Angaben des isländischen Geologen Magnus Tumi Gudmundsson hat die Aktivität des Eyjafjallajökull sogar an Intensität zugenommen. Eine Aschewolke stieg demnach 8,5 Kilometer weit in die Höhe. "Leider scheint kein Ende in Sicht", sagte Gudmundsson.

Nach Einschätzung von Vulkanologen könnte die Aschewolke den Flugverkehr bis zu sechs Monate lang beeinträchtigen, wenn der Ausbruch andauert. Dies könnte die Fluggesellschaften empfindlich treffen. Schon am Freitag hatten deren Aktien deutliche Verluste verzeichnet.


Für Eisenbahnen, Autovermietungen, Taxi-Unternehmen, Fähren und zahlreiche Hotels erwies sich das Flugchaos als Segen, weil viele Zehntausende Passagiere umdisponieren mussten. Die Eurostar-Züge zwischen Großbritannien und dem Kontinent waren ausgebucht. Ein Londoner Taxi-Unternehmen nahm Aufträge für Fahrten nach Paris, Mailand, Zürich und Salzburg an. Den Dänemark-Fähren bescherte die Sperrung des Luftraums einen Boom wie zur Hochsaison. Bis hin nach Peking und Singapur, einem Drehkreuz für Flüge aus Europa, waren die Auswirkungen auf die Hotelbranche zu spüren: "Wir wissen nicht, wo wir bleiben sollen. Die Hotels in Singapur sind ausgebucht", sagte der deutsche Reisende Dirk Kronewald.

Das Flugverbot über weiten Teilen Europas kostet die Fluggesellschaften nach Angaben des Luftverkehrsverbands IATA mehr als 200 Millionen Dollar am Tag. Solange die Behinderungen allerdings nicht über Wochen hinweg andauern und die Lieferketten von Fabriken bedrohen, dürfte das Flugchaos die fragile Erholung Europas von der Wirtschaftskrise nicht sonderlich verlangsamen.

In Deutschland sagten alle großen Reiseveranstalter Flugreisen ab. Die zur Rewe Gruppe zählenden Reiseveranstalter Dertour, Meier's Weltreisen, ADAC Reisen, ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg stoppten zunächst alle Flugreisen am Samstag. Dies galt auch für die Reiseunternehmen der FTI Gruppe. TUI stoppte überdies alle Flugreisen bis Sonntagmorgen 10 Uhr.

Alle Betroffenen können den Veranstaltern zufolge ihre Reisen kostenlos umbuchen oder erhalten ihr Geld zurück. Für Gäste, die derzeit in ihren Urlaubshotels auf ihre Rückflüge nach Deutschland warten, übernahm TUI die Kosten für zunächst eine weitere Hotelübernachtung. Allein auf Mallorca saßen am Samstag etwa 2800 Pauschalreisegäste von TUI fest. Auch weitere Unternehmen sagten eine Betreuung ihrer gestrandeten Gäste zu.

phw/can/dpa/Reuters/apn/ddp

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Sperrung des Luftraums

Für eine Sperrung des Luftraums sind die nationalen Verkehrsministerien zuständig - in Deutschland dementsprechend das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Über eine etwaige Sperrung wird in enger Absprache mit der Deutschen Flugsicherung (DFS) entschieden.

Die Flugsicherungsbehörde Eurocontrol koordiniert die Flugbewegungen zwischen den verschiedenen europäischen Lufträumen. Ihr Hauptsitz ist in Brüssel, in Deutschland ist die Organisation nur für einen geringen Teil der Flüge im Norden des Landes zuständig. Um die Abstimmung der Flugpläne in Europa kümmert sich die Unterabteilung Central Flow Management Unit (CFMU). Von dort werden die Informationen zu den Fluglotsen an den Flughäfen weitergeleitet.



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