Nürnberg - Rechts der "Adler", links ein ICE: Besser könnte das Nürnberger Bahn-Museum Vergangenheit und Moderne nicht zusammenführen. Seite an Seite stehen der Nachbau der ersten Dampflok, die in Deutschland gefahren ist, und das Modell eines schneeweißen ICE nebeneinander und schlagen damit den Bogen über 175 Jahre Eisenbahngeschichte. Das Jubiläum steht 2010 bei zahlreichen Veranstaltungen in Nürnberg und Fürth im Mittelpunkt.
Der offizielle Startschuss für sämtliche Feierlichkeiten fällt am 15. Mai. Die Nürnberger "Blaue Nacht" steht in diesem Jahr unter dem Motto "unterwegs". Zahlreiche große und kleine Museen, Künstler und Musiker beteiligen sich an der langen Kunst- und Kulturnacht, rund 130.000 Besucher werden erwartet. Im Laufe des Jahres kommen zahlreiche weitere Veranstaltungen hinzu, etwa ein Dampfloktreffen am 21. August oder die offiziellen Feierlichkeiten mit hoher Prominenz am 7. Dezember.
Beliebt bei Eisenbahnfans und Touristen sind die seltenen Fahrten mit dem "Adler". Sie führen zwar nicht exakt entlang der Originalstrecke, weil die 35 km/h des Oldtimers den Takt der ICE auf der Trasse gehörig durcheinanderwirbeln würde. Dennoch sind die rund 2400 Tickets bereits vollständig ausverkauft. Die gemütliche Fahrt durch den Rangierbahnhof regt auch so die Phantasie an: Ganz ähnlich muss es sich für die 200 geladenen Ehrengäste am 7. Dezember 1835 angefühlt haben, als der "Adler" das erste Mal über die sechs Kilometer lange Strecke nach Fürth schnaufte.
Menschenmassen säumten die Strecke der Jungfernfahrt
Dass im Deutschen Bund ausgerechnet die Franken die Initiative ergriffen und die neue Technik von England auf den Kontinent holten, erstaunt bis heute. Denn die einstige Reichstadt war nach 1806 spürbar im Niedergang begriffen und hoch verschuldet. "Doch offensichtlich lebte der seit Jahrhunderten in Nürnberg existierende Erfinder-, Tüftler- und Händlergeist fort", erklärt der Direktor des Museums der Deutschen Bahn, Jürgen Franzke. Die Kaufleute Johannes Scharrer und Georg Zacharias Platner ergriffen die Initiative und erhielten von vielen aufgeschlossenen Geldgebern Unterstützung.
König Ludwig I. konnten sie für ihr Vorhaben allerdings nicht begeistern. Also organisierten die Franken alles in Eigenregie. Bei der Firma Stephenson orderten sie eine Dampflok und einen Waggon. "Der 'Adler' wurde zerlegt, in 20 Kisten verpackt, mit dem Schiff nach Köln gebracht und dann auf Fuhrwerke verladen", erzählt Franzke.
Der britische Lokomotivführer William Wilson - er verdiente als Spezialist mehr als der Direktor der Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft - wirkte als Berater. Begeisterte Menschenmassen säumten schließlich bei der Jungfernfahrt die Strecke, auf der heute eine U-Bahn die beiden ineinander gewachsenen Städte verbindet.
Die Nachricht davon verbreitete sich über die Zeitungen wie ein Lauffeuer. Bald ging es Schlag auf Schlag: Bis 1840 wurden auf deutschem Gebiet mehr als 500 Streckenkilometer gebaut. Der Siegeszug der Dampfeisenbahn dauerte lange: Noch in den 1950er Jahren ließ die Deutsche Bahn neue Loks bauen, erst 1978 wurde der planmäßige Betrieb eingestellt. Dabei fuhren bereits um 1900 E-Loks im Versuchsbetrieb mit mehr als 200 km/h.
Doch weil sie für ihre rasante Fahrt Oberleitungen benötigten, setzten sie sich erst in den Fünfzigern verbreitet durch. Auf den Nebenstrecken hatten die Dampfloks weiterhin ein Heimspiel - bis sie von den Dieselloks abgelöst wurden.
Salonwagen des Reichskanzlers Otto von Bismarck
Der Historie widmen sich im Eisenbahnjahr 2010 vier große Ausstellungen. So lädt das Nürnberger Museum für Industriekultur vom 17. Juni an zu einer Reise entlang der "Strecke des Adlers" ein. Die frühere Trasse führt heute als geradezu symbolische Achse im Stadtbild entlang an Orten, die die Industriegeschichte der Region prägten. Firmen wie AEG und Triumph-Adler, einst gewaltige Unternehmen, hatten hier ihr Zuhause.
Noch heute findet man ihren Firmenschriftzug an so manchem Gebäude. Als jüngstes Opfer der sich wandelnden Wirtschaftswelt gingen im vergangenen Jahr bei Quelle die Lichter aus - auch der traditionsreiche Versandhändler hatte an der Strecke sein Domizil.
Die zweite große Ausstellung ist direkt im Museum der Deutschen Bahn zu sehen, das gewöhnlich die Geschichte der Eisenbahn von ihren Anfängen bis hin zu unserer Zeit zeigt. Prunkstücke der Dauerausstellung sind der Hofzug des bayerischen König Ludwig II. oder der mit reichen Goldschnitzereien und Deckengemälde verzierte Salonwagen des Reichskanzlers Otto von Bismarck.
In der Ausstellung "Planet Eisenbahn" blickt das Museum nun über die Grenzen Deutschlands hinaus. "Wir wollen die Faszination, die Bedeutung und die technische Entwicklung des Schienenverkehrs in der ganzen Welt zeigen", erläutert Direktor Franzke. 1,2 Millionen Gleiskilometer umspannen inzwischen den Globus. Die Schau zeigt den Weg von den englischen Bergwerken über die Entstehung von Kapitalgesellschaften bis hin zu den Hochgeschwindigkeitszügen von heute.
Ein weiteres Highlight im Museum beginnt mit der Ausstellung "Adler, Rocket & Co." am 6. August. "Da zeigen wir europäische Pionier-Loks aus der Zeit des 'Adlers' aus fünf europäischen Ländern", sagt Franzke.
Doch die Geschichte der Bahn hat auch andere Seiten: "Das Gleis" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände beleuchtet vom 19. Mai an die Rolle der Bahn als Teil der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten - viele Juden und andere Verfolgte wurden in den Konzentrationslagern direkt vom Gleis in die Gaskammern geschickt.
Elke Richter, dpa
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M.W. handlte es sich aber bei dieser Strecke um eine Pferdeeisenbahn, also Antrieb nicht mit Dampf, sondern per "Hafermotor"... mehr...
Es ist zwar grundsätzlich richtig, dass vor 175 Jahren die erste deutsche Eisenbahn mit Dampfbetrieb eröffnet worden ist. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die erste deutsche Eisenbahn zu diesem Zeitpunkt bereits seit ab [...] mehr...
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