"Aida Blu" in Hamburg Pils aus Meerwasser

Schönwetterschiff im Schnee: Treibeis auf der Elbe hat den ersten Nordsee-Törn der "Aida Blu" verhindert - doch Taufe und Jungfernfahrt des neuen Clubschiffs der Rostocker Reederei sollen klappen. An Bord des größten deutschen Kreuzfahrtschiffes wird sogar Bier gebraut.

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"Aida Blu": Feuerfarben an Bord
Die knallroten Lippen müssten eigentlich tiefblau vor Kälte sein. Am Bug mit dem wulstigen Kussmund - typisch für alle Schiffe der Reederei Aida Cruises - streifen immer wieder Eisschollen vorbei: Seit Freitag liegt die 252 Meter lange "Aida Blu" am Grasbrookkai im Hamburger Hafen und wartet auf ihre Taufe am Dienstagabend. Und wartet. Bewegungslos.

Einen ersten Nordsee-Törn ab der Hansestadt musste Kapitän Friedhold Hoppert am Wochenende wegen des Eisgangs absagen, die Überführung aus der Papenburger Meyer Werft ging auf der Elbe bereits auf Kosten des Unterwasser-Silikonanstrichs: "Ab Brunsbüttel kamen uns 30 Zentimeter dickes Treibeis entgegen", sagt der 59-jährige Hoppert, "der Lack ist ab, wenn man jetzt zu viel fährt." Er will seinen Schönwetterkreuzer für die Jungfernfahrt nach Mallorca schonen.

Statt der winterlichen Inseln Norderney oder Sylt bestimmten daher graue Hafenkräne vor grauem Himmel das Bild hinter den Panoramafenstern. Doch wie so oft auf einem Kreuzfahrtschiff nimmt das Leben ungeachtet des Aufenthaltsorts seinen durchgeplanten Gang. Die Laune der ersten Gäste an Bord ist gut, so wie in der Geschäftszentrale in Rostock: Die Taufe ihres siebten Schiffs - und das vierte der sogenannten Sphinx-Baureihe - gibt den Startschuss in ein verheißungsvolles Jahr. Schon zwei Drittel der Buchungen für 2010 sind gesichert, 2009 brachte ein Umsatzplus von knapp 28 Prozent und einen Anstieg der Passagierzahlen um gut 23 Prozent auf 414.000.

Da wundert es nicht, dass die Rostocker bei ihrer "Aida Blu" als größte der Schwesterschiffe auf ihrem bewährten Schiffskonzept beharren - und nur vereinzelt Neues bieten. Etwa die erste Brauerei auf einem Kreuzfahrtschiff, sie kann 500 Liter Gerstengebräu am Tag produzieren. Zwischen Glassudwerk, kupfernen Lagertanks und Gärkesseln auf Deck 10 werkelt Andreas Hegny schon seit Dezember, damals lag das Bierschiff noch in der Werft. Das trübe Ergebnis seiner Experimente führt der Braumeister aus dem Odenwald in seinem Glas vor: "Unfiltriert und mit einem besonderen Hopfengeschmack" - das "Aida Zwickel" schmeckt leicht nach Karamell.

Versorgung über Hamburg

Brauen an Bord sei nicht anders als an Land, sagt der 27-jährige Hegny mit Lederschürze vor dem Bauch, die Hefe wächst und arbeitet auch unter Hochseebedingungen - das Geheimnis liegt in der Technik. In jahrelanger Tüftelarbeit mussten die Ingenieure der Münchner Bieranlagenfirma Joh. Albrecht die Kessel unempfindlich gegen Schiffsschwankungen machen. Auch sonst ist das Schiffsbier ein ganz besonderer Saft: Er besteht neben Hopfen und Malz aus Meerwasser, das in der schiffseigenen Wasseraufbereitungsanlage entsalzt, gesäubert und wieder mit den nötigen Mineralien versehen wird. "Genau richtig", sagt Hegny, "das Wasser ist sehr weich", und das ergebe eine gute milde Bitterkeit.

Mit Weißwurst und süßem Senf fängt der Tag bei Hegny im Biergarten an, in den Buffetrestaurants wie "Markt" und "Bella Donna" sind es Rührei, Müsli, Lachs und Käse, die den Frühstückshunger der rund 2000 Gäste auch in der Karibik befriedigen sollen. In sieben Restaurants und zwölf Bars werden die rund 1500 verschiedenen Nahrungsmittel und 700 Getränke umgesetzt, die der Proviantmeister Sven Schneider auf den untersten Decks verwaltet. Allein vier Tonnen Ananas, 6000 Liter Milch und 150.000 Eier lässt der 36-Jährige jede Woche anliefern, 86 Käse- und 56 Schinkensorten sind im Sortiment. 240 Tonnen Lebensmittel treffen alle 14 Tage bei den Aida-Schiffen ein - aufwendig in Hamburg in Containern verpackt und in alle Welt verschifft. "Das ist logistisch einfacher, als vor Ort zu kaufen", sagt Schneider.

Viel Wert haben die Rostocker wieder auf den Wellness- und Saunabereich gelegt, der auf der "Blu" auf 2602 Quadratmeter, drei Decks und vier Saunen anwachsen konnte - bei deutschem Publikum besonders beliebt. Heute sind "Mizi", "Ki" und "Cipango" bereits ausgebucht. In den Behandlungsräumen des "Body & Soul Spa" im japanischen Stil auf Deck 14 wird mit Federpinseln, Kräuterkissen und Jaspis massiert, liegen die Gäste in Sesam-Kokos-Schlammpackungen oder erhalten Peelings mit geriebenem Bambus. Unter dem Glasschiebedach des Wintergartens mit Whirlpool rascheln die Blätter des künstlichen Bambus, und in der Biosauna verknoten goldenen Holzbuddhas ihre Beine vor dem Panoramafenster. Direkten Zugang zum Bademantelgelände haben die Bewohner der angrenzenden Spa-Suiten, die es erstmals auf einem Aida-Schiff gibt.

"Erlebnisorientierter, jünger, sportlicher"

Trotz des Namens ist an Bord der "Blu" die Farbe Blau nicht dominierend, ähnlich wie auf den Vorgängerinnen umgeben meist feurige Rot- und Orangetöne in Teppichen und Wänden die Gäste. Vor allem in Kabinen und Fluren. Selbst die Fahrstuhltüren lassen das Licht nur rot gefiltert ins Innere. Mittig im Schiff gelegen, öffnet sich das von "Aida Diva" und Co. bekannte "Theatrium" über drei Decks hinweg - auch in animierendem Rot. Auf der Bühne wirbelt allabendlich ein Ensemble aus Sängern, Tänzern und Akrobaten, die 20 unterschiedliche Shows im Programm haben. Mit künstlerischem Anspruch von der Unterhaltungsfirma Seelive produziert, hinter der seit neun Jahren das Hamburger Schmidt's Tivoli steckt: Ziel sei es, sagt Seelive-Geschäftsführer Norbert Aust, "Shows zu zeigen, die man Land nicht sehen kann."

Viel Bekanntes, viel Bewährtes: Für die schon durchgeplanten insgesamt sechs Schiffe der Sphinx-Klasse sind die Standards in Design und Technik gesetzt - auch auf der "Aida Sol" (Taufe 2011) und der letzten Schwester noch unbekannten Namens, die ab 2012 kreuzen soll, werden Aida-Kunden sich sofort orientieren können. Welche Expansionsstrategie der deutsche Marktführer ab 2013 verfolgt, will Chef Michael Thamm noch nicht verraten. Er hätte dann aber die Chance, mit anderen Konzepten seine Zielgruppe zu erweitern, die Thamm als "erlebnisorientierter, jünger, sportlicher" beschreibt und in Ferienzeiten vor allem aus Familien besteht.

Für die Kreuzfahrtbranche sind die Zeiten trotz Krise rosig: "Die Nachfrage übertrifft das Angebot", sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband. Im vergangenen Jahr hat die Zahl der deutschen Hochseekreuzfahrtgäste die Schallmauer von einer Million geknackt, die Branche rechnet mit einem Wachstum in der Größenordnung des Vorjahrs (18,9 Prozent in 2008) - und noch stellen die Kreuzfahrer unter den Pauschaltouristen einen winzigen Teil dar.



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