Modellprojekt DAV will Wanderer-Streit mit Mountainbikern beenden

Wer hat in den Bergen die Hoheit? Darüber streiten sich Wanderer und Mountainbiker schon seit Jahren - und greifen teilweise nicht nur verbal an. Der Alpenverein will den Konflikt jetzt schlichten.

Nordicwalker und Mountainbiker
imago/ blickwinkel

Nordicwalker und Mountainbiker


Der Schotterweg knapp unterhalb des Berggipfels ist steil und abschüssig. Eine Gruppe Wanderer kämpft sich Schritt für Schritt die letzten Meter hinauf - da kommt ein Mountainbiker in Gegenrichtung den Abhang hinuntergerast. Vor Schreck entweicht dem einen oder anderen Bergsteiger da schon einmal ein Schimpfwort, mindestens aber verfolgen sie den Radfahrer mit wütenden Blicken.

Der Streit ist ein ewiger: Wanderer und Bergbauern fühlen sich von den nach ihrer Meinung rücksichtslosen Mountainbikern in den Alpen gestört. Radsportler wiederum empfinden sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Deutsche Alpenverein (DAV) will den Konflikt nun entschärfen.

In zwei Regionen, rund um Bad Tölz in Oberbayern und Oberstdorf im Allgäu, soll in den kommenden drei Jahren zunächst herausgefunden werden, mit welchen Maßnahmen Spannungen zwischen Mountainbikern, Grundbesitzern und Wanderern vermieden werden können. Das Projekt "Bergsport MTB - nachhaltig in die Zukunft" kostet rund 350.000 Euro, den größten Teil davon finanziert die bayerische Staatsregierung.

Knapp die Hälfte der DAV-Mitglieder sind Mountainbiker

Den DAV mit seinen mehr als 1,2 Millionen Mitgliedern trifft das Problem selbst im Kern. Denn längst repräsentiert der Alpenverein nicht mehr nur Wanderer und Kletterer, auch viele Mountainbiker sind dabei. "Knapp die Hälfte der Mitglieder gibt an, öfter mal mit dem Rad in den Bergen unterwegs zu sein", sagt DAV-Sprecher Thomas Bucher. Der DAV hat dazu eine Broschüre mit Verhaltensempfehlungen für Mountainbiker herausgegeben.

Bislang sei ein Ende der Konflikte zwischen den verschiedenen Interessengruppen nicht in Sicht, im Gegenteil: "Es ist eher schlimmer geworden, weil noch die E-Bikes dazugekommen sind", sagt Bucher.

E-Bikes ermöglichen auch nicht so gut trainierten Radlern, Steigungen ohne große Mühe zu nehmen. Der seit den Achtzigerjahren stark ansteigende Trend, mit dem Fahrrad in die Berge zu fahren, wird dadurch noch verstärkt. Nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes war 2017 jedes fünfte in Deutschland verkaufte Elektrorad ein Mountainbike (MTB), wobei der Absatz dieser Modelle den Angaben zufolge weiter stark wächst.

In Tirol gibt es bereits seit zwei Jahrzehnten spezielle MTB-Programme. Die Österreicher haben früh erkannt, dass die Bergradler auch eine nennenswerte Einnahmequelle für den Tourismus sind. Für die Branche ist dies besonders wichtig, um neue Kunden zu erreichen: "Der Sport Mountainbiken ist vor allem bei der jüngeren Zielgruppe sehr beliebt", heißt es im Konzept des Tiroler "Mountainbikemodells 2.0" von 2014.

Im Unterschied zu Deutschland ist in Österreich das Radfahren im Wald grundsätzlich verboten. In Tirol werden deswegen Verträge mit Grundbesitzern geschlossen, damit diese ihre Wege für Zweiräder freigeben. Dafür können die Eigentümer ein jährliches Entgelt berechnet nach der Länge der Route erhalten. Zudem schützt das Bundesland Tirol die Eigentümer der Wälder und Wiesen mit einer Haftpflichtversicherung, wenn es durch das Mountainbiken zu Unfällen kommt.

Immer wieder Fahrrad-Nagelfallen

In Deutschland kümmert sich die Deutsche Initiative Mountain Bike (DIMB) um ein gutes Miteinander der Bergurlauber. Sie hat umfangreiche Verhaltensgrundsätze für Radler formuliert. Die MTB-Sportler werden darin nicht nur zur Rücksicht auf Weidetiere und Fußgänger aufgefordert. Auch sei das Bremsen mit blockierenden Reifen außer in Notsituationen tabu, um den Boden nicht zu schädigen. Die DIMB will mit diesen Regeln verhindern, dass es durch "Fehltritte von ein paar wenigen BikerInnen" zu pauschalen Fahrverboten kommt.

Manche Fahrradhasser greifen dennoch zur Selbstjustiz. Insbesondere vergrabene Nagelfallen werden immer wieder gefunden. So fuhr im Dezember 2016 ein Radler in einem Wald bei Aichach (Bayern) in solch eine Falle, im Landkreis Ravensburg (Baden-Württemberg) meldete die Polizei im März 2017 einen ähnlichen Anschlag.

Im niedersächsischen Bad Iburg gab es vor zwei Jahren sogar einen Verletzten. Ein Wanderer trat in eine mit Schrauben und Nägeln präparierte Baumwurzel. Die Ermittler fanden in der Umgebung mehrere weitere manipulierte Wurzeln. "Es ist daher zu vermuten, dass der Täter nicht Spaziergänger, sondern (...) Mountainbiker mit seiner Tat treffen wollte", sagte die Polizei.

kry/dpa

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
benmartin70 19.09.2018
1.
Puh, wenn ein Radler kommt macht man einfach etwas Platz wenn es nötig ist, idR bekommt man ein "Danke" und gut ist. Halte ich in der Stadt auch so bei einem kombinierten Fuss-/ Radweg. Ich wüsste nicht warum die Wege nur für Wanderer da sein sollten.
the_rover 19.09.2018
2. Das Problem ...
... sind nicht die Radler, sondern ist die Tatsache, dass zu viele Touristen in den Alpen mit ihren empfindlichen Lebensräumen und ihrer empfindlichen Vegetation unterwegs sind.
gman537 19.09.2018
3. Typisch deutsch
alles muss geregelt sein und einer muss Recht oder "die Hoheit" haben. Einfach nicht so stur sein als Wanderer UND als Biker, dann klappt das prima. Bin ich per MTB unterwegs, rase ich auf schmalen Wegen nicht wie ein Bekloppter; gehe ich zu Fuss, mache ich ein, zwei Schritte zur Seite wenn ich Radfahrer kommen sehe. Ganz einfach und alle sind zufrieden.
alles.auf.horst 19.09.2018
4. @benmartin70
Zitat von benmartin70Puh, wenn ein Radler kommt macht man einfach etwas Platz wenn es nötig ist, idR bekommt man ein "Danke" und gut ist. Halte ich in der Stadt auch so bei einem kombinierten Fuss-/ Radweg. Ich wüsste nicht warum die Wege nur für Wanderer da sein sollten.
Das funktioniert leider nicht immer so einfach. Auf einem gut einzusehenden Forstweg sehe ich das genauso. Sobald sie verwinkelt sind wird es allerdings schon deutlich schwieriger, was teilweise auch mit der Geschwindigkeit der Biker zu tun. Häufig hilft es allerdings, wenn die Wanderer z.B. vor einem Linksknick auf die rechte Außenseite wechseln. Sobald die Wege aber enger werden, also z.B. zu Pfaden, wird es heikel. Häufig ist nicht viel Platz zum Ausweichen vorhanden. Ich habe auch keine Lust mich in Gefahr zu bringen, um einem flott abwärts fahrenden Radfahrer Platz zu machen. Wanderer/Bergsteiger ect. kommen fast immer einfach aneinander vorbei, ein Radfahrer benötigt aber deutlich mehr Platz. Ich selbst begegne immer häufiger Radfahrern, die den Berg auf Pfaden runterfahren, die teilweise nur zwischen 1 - 1,5m breit sind. Und das ist und bleibt bei einem Aufeinandertreffen nunmal für beide Seiten heikel, insesondere bei höheren Geschwindigkeiten.
MatthiasPetersbach 19.09.2018
5.
Ich halte die Fahrräder im Wald und auf den Bergen einfach für unpassend. Klar, man kann alles machen - man kann auch in Stonehenge nen Cola-automat aufstellen oder die Zugspitze als Kulisse für ein Bergauf-Onanistenrennen hernehmen. Aber man muß es nicht. Radfahren (und die Begegnung Fahrradfahrern) passt schlicht nicht zur Langsamkeit und Entspanntheit der Natur - man will "da draussen" ja keine Verkehrsteilnehmer sein und auf nix anderes aufpassen müssen als auf einen selbst. Ich will auch nicht immer gucken, daß ich jemand "vorbeilasse" - aber zum Behindern fehlt mir dann auch die schlechte Kinderstube. Also mach ich eben Platz, daß die weiterkommen. In Ordnung finde ich das aber nicht. Und es ist ein Downer ohnegleichen. Nicht zuletzt, da ich die meisten der Radler eher als Sportausüber einsortiere als als Naturgenießer und -interessierte. Das geht aber auch woanders - auf Straßen, breiten Wegen, auf Parcours oder whatever. Und zwar besser - und ohne die anderen zu stören, die da draussen eben das suchen - und finden - was es da hat. Und das es dann nicht mehr hat, wenn geradelt wird. Im allermeisten Fall.
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