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Amateurfahrer auf dem Nürburgring: Bis die Bremsscheiben glühen

Wenn Amateure durch die Schleifen des Nürburgrings schliddern, erfreut das nicht nur die Fahrer. An der Rennstrecke warten zahlreiche Gaffer, bis es raucht und knallt. Linus Geschke sorgt für ihre Unterhaltung - und radiert die Reifen eines 420-PS-BMWs gekonnt ab.

Nürburgring: Amateure in der grünen Hölle Fotos
Nürburgring

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Da, wo die Nordschleife die moderne Grand-Prix-Strecke berührt, rast man hinab in den ersten Streckenabschnitt. "Hatzenbach" steht auf dem Schild, knapp 200 km/h hat der 420 PS starke BMW M3 auf dem Tacho. Es folgt eine flüssige Kurvenkombination, bei der der Fahrer, so ähnlich wie ein Slalomläufer, vor allem den richtigen Rhythmus finden muss. Der Achtzylinder bellt auf, das Getriebe flutscht in den vierten Gang, die Hände am Lenkrad werden feucht.

Arno Therwegen ist Frührentner, bei gutem Wetter zieht es ihn zweimal wöchentlich an die Nordschleife des Nürburgrings. Nicht um selber zu fahren, sondern um zu gucken. Andere in seinem Alter gehen angeln, die Ausrüstung ist fast die gleiche: Klappstuhl und Kühlbox mit Butterbroten und Eifelbier. "Isch kann dir schon nach der ersten Kurve sagen, ob der Jung da hinterm Steuer fahren kann oder net", sagt er im breitesten Eifeler Platt. "Dat siehste direkt." Therwegen kommt wegen der Stimmung hier hin und wegen all der neuen Autos und "Erlkönige", die man dort sieht - Fahrzeuge der Automobilindustrie, die hier vor Serieneinführung einem Härtetest unterzogen werden. Man sagt, ein Kilometer Nordschleife sei für ein Auto so stressig wie 70 Kilometer Alltagsverkehr. Wahrscheinlich ist dies noch untertrieben.

Nach der Aremberg-Kurve stürzt der Wagen in die Fuchsröhre. Die Pferde unter der Haube brüllen zornig auf, rasend schnell geht es in die Senke und anschließend wieder nach oben. Durch die Kompression wird man in den Sitz gepresst. Links über den "Curb" drüber, wie die Randsteine auf Rennstrecken heißen, dann ein hartes Anbremsen der folgenden Links-Rechts-Kombination. "Adenauer Forst" steht jetzt auf dem Streckenschild.

"Hier ist die geilste Stelle zum Gucken", meint Jan Simons aus Aachen. "Gerade nachdem es am Wochenende zuvor ein Rennen zum Langstreckenpokal gegeben hat. Dann sind alle richtig angefixt und wollen es selber mal krachen lassen. Viele unterschätzen dann den enormen Geschwindigkeitsunterschied zwischen der schnellen Fuchsröhre und dem langsamen Adenauer Forst." Und dann? "Dann knallt es halt", sagt er und lacht: "Deshalb ist die Stelle ja so geil zum Schauen!"

Laudas Schicksalsstrecke

Über Metzgesfeld, Kallenhard und Wehrseifen geht es weiter bergab; spätestens auf der Brücke über der B257 werden bei vielen Autos die Bremsen weich, beginnen die Bremsscheiben zu glühen - in die frische Eifelluft mischt sich der Geruch nach verbrannten Bremsbelägen.

Wenige Meter später folgt der Abschnitt zwischen Ex-Mühle und Bergwerk, jener Ort, an dem Niki Lauda 1976 seinen schweren Unfall hatte, dessen Spuren ihn bis heute zeichnen: Jetzt nur nicht darüber nachdenken, weiter, die folgende Rechtskurve muss perfekt genommen werden! Anschließend geht es fast nur noch bergauf, fast nur noch Vollgas. Bis zu 17 Prozent Steigung lassen PS-schwache Autos förmlich verhungern, nur die allerstärksten vermitteln dem Fahrer den Eindruck, notfalls auch mit über 200 Sachen die Eiger-Nordwand hoch stürmen zu können.

Bei Kilometer zwölf wartet dann das Karussell, eine der berühmtesten Streckenpassagen. Es ist eine halbkreisförmige Linkskurve, deren unterer Teil geneigt und holprig ist, während der obere Teil gerade und glatt asphaltiert wurde. Aber unten herum geht's schneller: Wen stört es da schon, wenn das harte Sportfahrwerk jeden einzelnen Schlag ans eigene Kreuz weitergibt?

Unter den Besuchern sind auch auffällig viele Frauen. Die meisten von ihnen sind anfangs nur ihrem Partner zuliebe mit an die Nordschleife gefahren; mittlerweile sind sie zu echten Kennerinnen geworden. "Ich mag halt Autos und Motorsport", sagt Barbara Rumpf, die ihre Blicke kaum von der Strecke lösen kann. Aber warum dann Touristenfahrten? "Ach, bei den richtigen Rennen ist es oftmals langweiliger, weil da alle Fahrer gut sind. Bei den Hobbyfahrern passiert halt auch mal was, da wird viel mehr überholt und ab und zu dreht sich mal einer." Schwere Unfälle? Die wolle hier keiner sehen, sagt sie. Die belasten einen, da leide man geradezu mit.

Hinein ins Brünnchen

Dritter Gang, vierter Gang, ein paar Kurven, ab und zu will das Heck ausbrechen, geht der Puls nach oben. Dann hat man den höchsten Streckenabschnitt erreicht: die "Hohe Acht", mit 747 Metern auch der höchste Berg der Eifel. Es folgt eine der flüssigsten Passagen: links, rechts, rechts, wieder links, bergab, bergauf und wieder bergab, hinein ins "Brünnchen", wo an schönen Tagen Tausende Zuschauer auf die selbsternannten Lenkradartisten warten.

Rund 250.000 Runden drehen die Hobbyfahrer pro Jahr auf der 1927 eröffneten Traditionsstrecke. Unfälle passieren dabei zwar häufig, jedoch bleibt es in den allermeisten Fällen bei Blechschäden. Im Jahr 2011 starben zwei Menschen, in den Jahren 2009 und 2010 kam es zu keinem tödlichen Zwischenfall. Dies liege auch an den Vorsichtsmaßnahmen der Nürburgring Automotive GmbH, sagt deren Sprecherin Stefanie Hohn. Ein Arbeitskreis aus Polizei, Rettungskräften, Marshalls und Streckensicherungspersonal verbessere stetig die Sicherheit des Touristenverkehrs.

Ausfahrt Brünnchen, eine nicht ganz einfach zu nehmende Linkskurve, schmieriger Fahrbahnbelag. Dann voll aufs Gas, dritter, vierter Gang. "Pflanzgarten": Über die gefürchtete Bodenwelle hinweg; zwei, drei Meter weit ist das komplette Fahrzeug in der Luft. Kurz vor dem "Schwalbenschwanz" presst sich innen ein Caterham CSR-200 vorbei: kein ABS, keine elektronischen Fahrhilfen, aber ein kräftiger Motor und lediglich 580 Kilogramm Gewicht, wie gebaut für die Nordschleife. Optik aus den fünfziger Jahren, in 3,7 Sekunden von 0 auf 100.

Nach der folgenden langen Geraden abbremsen, Ende, abbiegen in die Ausfahrt: Die Runde ist fertig, der Fahrer auch.

"Liebe kann man auch nicht erklären!"

Besitzer des Caterham ist ein erfolgreicher Kölner Immobilienmakler. Seinen Namen mag er nicht sagen, was sollen denn seine Kunden denken? Dafür weiß er aber, was ihn zum Kauf einer Jahreskarte für 1350 Euro bewogen hat: "Nach einer Runde Nordschleife bin ich immer so fertig wie nach einer Stunde heftigem Sport, aber gleichzeitig auch erholt wie nach einem Tag Urlaub. Das find ich sonst nirgendwo, diese Herausforderung, so viel ausgeschüttetes Adrenalin. Man liebt diese Strecke abgöttisch, oder man hasst sie abgrundtief: Manchmal auch beides, innerhalb einer einzigen Runde. Außenstehenden, die kein Benzin im Blut haben, kann man das kaum vermitteln, aber das macht nichts: Liebe kann man ja auch nicht erklären!"

Über den Gipfeln der Eifel senkt sich langsam die Sonne. Noch ist es hell genug, ist die Strecke noch eine Stunde lang offen. Ob da irgendwo noch 24 Euro für eine weitere Runde im Portmonnaie sind?

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insgesamt 25 Beiträge
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    Seite 1    
1. eine schöne Strecke
hoffnungsvoll 06.10.2011
Zitat von sysopWenn Amateure durch die Schleifen des Nürburgrings schliddern, erfreut das*nicht nur die Fahrer. An der Rennstrecke warten zahlreiche*Gaffer, bis es raucht und knallt.*Linus Geschke sorgt für ihre Unterhaltung - und radiert die Reifen eines 420-PS-BMWs gekonnt ab. http://www.spiegel.de/reise/deutschland/0,1518,788880,00.html
Es ist zwar ganz amüsant, was die Autofahrer auf der Nordschleife veranstalten, aber zügig ist der Kurs nur mit Motörrrädern zu erschließen. Mit straßenzugelassenen Fahrzeugen stellen die 9min eine wahre Herausforderung dar, während straßenzugelassene Motorräder um die 8min Grenze kämpfen. Gerade in Kurvengeschlängeln mit Bodenwellen sind Motörrader erheblich sicherer und schneller zu bewegen; aber das werden Autofahrer, die quasi ohne Federung fahren müssen, nie verstehen. :)
2. Pah !
ohgottogott 06.10.2011
Zitat von hoffnungsvollEs ist zwar ganz amüsant, was die Autofahrer auf der Nordschleife veranstalten, aber zügig ist der Kurs nur mit Motörrrädern zu erschließen. Mit straßenzugelassenen Fahrzeugen stellen die 9min eine wahre Herausforderung dar, während straßenzugelassene Motorräder um die 8min Grenze kämpfen. Gerade in Kurvengeschlängeln mit Bodenwellen sind Motörrader erheblich sicherer und schneller zu bewegen; aber das werden Autofahrer, die quasi ohne Federung fahren müssen, nie verstehen. :)
... weshalb der Streckenrekord ja auch von einem Motorrad gehalten wird.... achnee, oups, war ja doch was mit 4 Rädern dran ;))
3. Motorrad vs Auto
slin_71 06.10.2011
Zitat von hoffnungsvollEs ist zwar ganz amüsant, was die Autofahrer auf der Nordschleife veranstalten, aber zügig ist der Kurs nur mit Motörrrädern zu erschließen. Mit straßenzugelassenen Fahrzeugen stellen die 9min eine wahre Herausforderung dar, während straßenzugelassene Motorräder um die 8min Grenze kämpfen. Gerade in Kurvengeschlängeln mit Bodenwellen sind Motörrader erheblich sicherer und schneller zu bewegen; aber das werden Autofahrer, die quasi ohne Federung fahren müssen, nie verstehen. :)
Leider ist Ihre Aussage nicht korrekt. Gerade in Kurven und bei Bodenwellen haben Autos gegenüber Motorrädern Vorteile. Das hat etwas damit zu tun, dass Autos im Gegensatz zu Motorrädern mehr Grip auf die Straße bringen. Physik lässt sich leider nicht überlisten. Der *Streckenrekord* für Motorräder wurde 1993 von Helmut Dähne gefahren (7:49,71 Minuten) Für Autos liegt, bei gleicher Strecke, der Rekord bei 6:11,13 min, gefahren von Stefan Bellof (auf Porsche)
4. Nürburgring 1970
dus–ber 06.10.2011
ich war 9 Jahre alt, als ich Ferien in der Eifel verbrachte. Die Vulkaneifel ist ja ganz nett, aber beschaulich. Ich wohnte bei älteren Leuten. Sie war die Schwester einer Mitbewohnerin aus DUS. Rentenalter weit überschritten. Schenk's alter Käfer war ihr ganzer Stolz. Auf die Frage, was ich denn gerne einmal in der Eifel machen wolle, sagte ich: Rheinfall bei Schaffhausen oder Nürburgring. Ich wusste damals nicht, wie weit Schaffhausen von der Eifel entfernt ist. So wurde es der Nürburgring. Im Käfer im Schritttempo sind wir dann über die Rennstrecke geknattert. Die anderen "Amateure" haben uns mehrfach überrundet. In der Tat kann ich mich heute noch an die Verrückten erinnern, die in den Fangzäunen hingen, deren Autos nur noch Schrottwert hatten. Wir haben die eine Runde schadlos gemeistert. Für mich war es damals eine einzige Enttäuschung.
5. Unsinn
si_tacuisses 06.10.2011
Zitat von hoffnungsvollEs ist zwar ganz amüsant, was die Autofahrer auf der Nordschleife veranstalten, aber zügig ist der Kurs nur mit Motörrrädern zu erschließen. Mit straßenzugelassenen Fahrzeugen stellen die 9min eine wahre Herausforderung dar, während straßenzugelassene Motorräder um die 8min Grenze kämpfen. Gerade in Kurvengeschlängeln mit Bodenwellen sind Motörrader erheblich sicherer und schneller zu bewegen; aber das werden Autofahrer, die quasi ohne Federung fahren müssen, nie verstehen. :)
Kein Motorrad kann einem Auto auf dem Ring das Wasser reichen. Nichtmal mit Dähne drauf. Sie haben den Ringe offenbar weder mit Auto noch Motorrad befahren.
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Touristenfahrten auf dem Nürburgring
Öffnungszeiten und Informationen
Auskunft unter 02691-302630 oder unter www.nuerburgring.de
Preise
Einzelfahrt: 24 Euro; vier Runden: 89 Euro; Jahreskarte: 1350 Euro
Mitfahrgelegenheit
Besucher, die von Profis im Renntempo über die Strecke gefahren werden wollen, können auf diverse Angebote zurückgreifen: Eine Runde im "BMW Ring-Taxi" kostet beispielsweise 195 Euro.

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