Autokino Zempow Willkommen in Brandenwood

Wie aus der Zeit gefallen wirkt das erste Autokino der DDR - trotzdem lockt die verstaubte Romantik Jugendliche in Scharen vor die Leinwand. Am besten lief "Otto - der Film", Auch "Manta, Manta" war ein Renner bei den Filmfreunden im brandenburgischen Zempow.

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Von Christian Fuchs


Zuerst wird der Asphalt holprig, dann ist die Straße nur noch eine Sandpiste. Keine gute Zufahrt für ein Autokino. Langsam fahren lohnt sich aber, dann sieht man mehr: Märkische Kiefern wehen sacht im Wind, Bio-Rinder äsen am Wegesrand, es duftet nach Nadelwald. Elstern krächzen. Ansonsten gibt es in dem brandenburgischen Örtchen, nur eineinhalb Stunden entfernt von Berlin, nicht viel zu sehen: Die einzige Straße in Zempow führt auch zur einzigen Attraktion: dem Autokino.

"Bis dieses Kino eröffnet hat, war Zempow das letzte Loch vor der Hölle", ruft Claus Neumann zur Begrüßung über den Stacheldrahtzaun. Er öffnet das Tor, schließt die Toiletten auf und entsichert die Alarmanlage. Die Sonne senkt sich bereits, es ist später Nachmittag. Der Platz sieht aus wie ein Waschbrettbauch. Im kleinen Hang sind Furchen parallel zur Leinwand eingegraben. Wenn die Wagen später mit den Vorderrädern auf den Erhebungen stehen, haben die Insassen eine bessere Sicht.

Nur wegen eines verregneten Sommers entstand 1977 das einzige Autokino der DDR. Damals wurden Filme auf dem Gelände der ehemaligen Hühnermast-LPG gezeigt. Als es unaufhörlich wie aus Kübeln schüttete, flüchteten die Besucher in ihre Autos. Die Idee zum allerersten "Drive-in Theatre" entstand jedoch 50 Jahre zuvor in den USA und verfolgte einen ganz und gar kapitalistischen Zweck: Der Erfinder wollte Kunden in sein Autozubehör-Geschäft locken. Vielleicht gab es deshalb keine Open-Air-Kinos in der DDR. Und eventuell liegt auch deshalb die Mehrzahl der 20 deutschen Autokinos heute im Osten. Der Nachholbedarf zwischen Sachsen und Rügen war ab 1990 wohl groß.

Als die Gemeinde Zempow das Autokino 1994 schließen wollte, hat es Familie Neumann übernommen. Vater Claus macht den Einlass, Tochter Regina brät die Buletten, zuckert das Popcorn, und Sohn Maik ist der Chef. Stolz zeigt Claus Neumann eine Autogrammkarte der Schauspielerin Wolke Hegenbarth. Sie hat vor einigen Jahren mal hier gedreht, Maria Schrader war auch schon mal da.

Mit dem Traktor zu "Manta, Manta"

Junior Maik Neumann kommt mit dem Auto angebraust. Er schließt das Häuschen mit dem Projektor auf, Bienen summen um den efeuumrankten Bau in der Mitte des Platzes. Maik nimmt die Filmrolle und wuchtet sie in den Projektor. Früher hat das sein Vater gemacht. Neumann senior ist seit 60 Jahren im Filmgeschäft. Mit sechs Jahren half er beim "Landfilm", um die 25 Pfennig Eintritt zu sparen. Seitdem lässt ihn die Cinematografie nicht mehr los. Auch Sohn Maik hat er angesteckt, schon als Siebenjähriger unterstützte er seinen Vater, später ging er selbst in die Filmvorführerlehre.

"Na, kommt schon eener?", ruft Maik über den Platz zu Vater Claus am Eingang. Noch kommt keener. Die beiden sind ein eingespieltes Team, zusammen suchen sie auch die Filme aus. Am besten laufen Actionfilme. Der bisherige Blockbuster bei den Neumanns war jedoch "Otto - der Film". "Damals in den Achtzigern musste sogar die Polizei eingreifen, weil der Ort schon ab 13 Uhr verstopft war", erinnert sich Neumann senior. Filme mit Autos laufen auch immer gut, bei "Manta, Manta" standen in den ersten Reihen stets eine Armada der herausgeputzten Kult-Opels. Einmal kam sogar ein Bauer mit Traktor, alles kein Problem im Autokino Zempow.

Heute ist kein Trecker dabei, als die ersten Autos gegen 19 Uhr auf das Gelände rollen. "Fünf Euro pro Person", sagt Claus Neumann freundlich und steckt seinen Kopf durch die Scheibe. 220 Autos haben Platz bei ihm - 80 mehr, als es Einwohner in Zempow gibt. Maik Neumann schaltet den Platzfunk ein. Der Clubhit "Sunglasses at Night" dröhnt aus den Boxen und den Autoradios der ersten Besucher. Das Kino ist auch gleichzeitig ein Radiosender. Es hat eine eigene UKW-Frequenz, über die die Zuschauer den Ton hören können.

Fummelpannen und Heiße Schokolade

Ein Gruppe Jugendlicher hat sich ein paar gute Plätze vorn vor der Leinwand gesichert. Sie rauchen, quatschen, und wenn eine aufgemotzte Karre vorbei schleicht, recken die Jungs ihre Köpfe danach. "Es ist schön, mit dem eigenen Auto herzukommen und zu machen, was man will", sagt Florian Mäder. Der 20-Jährige war schon öfter mit seiner Freundin hier. "Komm, wir machen erst mal ein Bier auf", ruft ein kräftiger Junge, der in einem Campingstuhl fläzt. "Natürlich nur alkoholfrei", ergänzt Florian. Sie müssen ja noch nach Hause fahren.

Viele junge Menschen sind heute gekommen. So wie Andreas Besen. Er steht in der Schlange am Imbiss und entscheidet sich für eine große Portion Popcorn und eine Bratwurst. Die Wurst ist für seine Freundin, die weiter oben auf dem Berg im Auto auf ihn wartet. Laetitia Li-sai kommt aus Paris. "Sie ist heute den ersten Tag bei mir, und da wollte ich ihr gleich ein Highlight bieten", sagt Andreas. Das Liebespaar hatte sich vor zwei Jahren in Potsdam kennen gelernt.

In Frankreich hat Laetitia noch nie von einem Autokino gehört. Jetzt wartet sie gespannt auf den Film. Das Open-Air-Kino wirkt so aus der Zeit gefallen, dass es eine romantische Anziehung auf junge Menschen ausübt. "Einmal ging bei einem Auto in der letzten Reihe andauernd die Lichthupe", erinnert sich Maik Neumann, "da war aber nichts kaputt, die Jugendlichen sind beim Fummeln nur andauernd an den Lichtschalter gekommen."

Nur noch wenige Minuten bis Filmstart, langsam ist es kühl geworden in der Ostprignitz. Wer jetzt noch an der Imbissausgabe steht, bestellt "Heiße Schokolade" oder Kaffee und huscht dann schnell wieder ins Auto. Über 200 Menschen sind gekommen. Zu Neumanns Glück ist das nächste richtige Kino in Neuruppin 36 Kilometer entfernt. Wer bewegte Bilder auf dem Land sehen will, muss nach Zempow. Aber auch Gäste aus Berlin und sogar aus Österreich sind gekommen.

Draculas Verwandte überm Autokino

Claus Neumann bewacht weiter das Tor. Als der Film beginnt, kuckt er nur kurz auf die riesige Wellblechleinwand. Er schaut die Filme nur noch selten, die in seinem Kino laufen. "Früher habe ich alles mit Hans Albers und Heinz Rühmann gesehen", sagt der 66-Jährige. Der letzte Film mit dem "Blonden Hans" kam 1960 in die Kinos.

Ruhe hat sich wie die Nacht über das Autokino gelegt. Aus dem Vorführhäuschen dringt das Knattern des tschechischen Projektors MEO. Maik Neumann überwacht die Filmrollen. Jeden Mittwoch bringt ein Kurier einen neue Rolle aus Berlin, die läuft dann eine Woche durch bis zum nächsten Mittwoch. Über Maiks Kopf wohnt eine Fledermaus. "Sie ist unser Maskottchen", sagt er und schaut in den klaren Sternenhimmel, den man hier gut sieht, weil es auf dem Platz so dunkel ist wie in einer Höhle.

Manchmal fliegt die Fledermaus über das Gelände, und darum ziert sie auch das Logo des Autokinos. Darauf flattert ein Dracula vor dem Vollmond in die Brandenburger Nacht. In 90 Minuten werden ihm die Besucher folgen. Auf Rädern, nicht mit Flügeln.



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