Flößer auf der Loisach: Ein echter Bayer aus Trinidad
Dies ist eine Männergeschichte. Sie erzählt von einem Mann, der sich einen Sohn wünschte. Von Männern, die in Schwarz und Weiß denken. Und von Jason Charles, der aus Trinidad und Tobago nach Bayern kommt und der erste schwarze Flößer Deutschlands wird. Heute sagt er: "Dahoam is Dahoam."
In ihren Gummistiefeln tänzeln die beiden Männer über die glitschigen Baumstämme, als folgten sie einer Choreografie. Mit ihren Äxten hacken sie in das harte Holz, als wäre es Butter. Mehr als hundert entästete und geschälte Bäume liegen gestapelt am Ufer. Es sind besonders gerade gewachsene Fichten, dicker als Telegrafenmasten. Stamm für Stamm rollt die Böschung hinab und klatscht in den Fluss. Mit Stahlseilen und handgeschmiedeten Eisenkeilen werden sie verbunden.
Eine hölzerne Insel entsteht. 17 Bäume werden ein Floß. 18 Meter lang, sieben Meter breit, mit Platz für 60 Personen. Mit Bierbänken, Regendach und Toilette. Mit einer Bühne für die Blaskapelle. Ein schwimmendes Oktoberfest in Klein. Wer eine Floßfahrt bucht, der will immer auch das volle Programm mit Musi und Brezn, mit Weißwuascht und Leberkaas, mit einer zünftigen Brotzeit eben. Und vor allem mit Bier, Bier, Bier. Eine echte Gaudi, wie man in Bayern sagt.
Gleich wird der Reisebus mit den Passagieren kommen. Ein nebliger Schleier wabert über der Loisach, die im österreichischen Teil Tirols entspringt und kurz hinter Wolfratshausen im bayerischen Oberland in die Isar mündet. Jason Charles ist einer der beiden Männer. Es gibt nicht mehr viele Flößer in Deutschland, er gehört zu den Letzten seiner Zunft. Er ist aber auch der Erste - der Erste, der in über 800 Jahren Flößerei so ganz anders ist als die anderen: Seine Haut ist schwarz. "Ein Neger", wie in Oberbayern noch immer viele sagen, wobei die meisten das gar nicht böse meinen, sondern nicht besser wissen.
Liebesgeschichte in der Karibik
Jason hat ein breites Kreuz und ein breites Lächeln. Unter seinem Stopselhut schauen geflochtene Rastazöpfe hervor. Wenn Jason redet, mischt sich Bayerisch mit Englisch. Das R rollt noch nicht perfekt, aber es rollt. Manchmal rutscht ein englisches Wort mit raus. Deutsch hat er in zweieinhalb Jahren gelernt, Bayerisch hat noch ein Jahr länger gedauert.
Er sagt: "Wenn der Sepp nicht wäre, wäre ich gar nicht hier. Der hat mir alles beigebracht." Der Sepp ist der andere Mann auf dem Floß und heißt Josef Seitner. Ihm gehört der Floßbetrieb. Sein ganzes Leben schon bringt er Touristen auf dem Fluss nach München. Er hat zwei Töchter. Und die eine, die Martina, die hat den Jason geheiratet. Doch am besten ist es, man erzählt die Geschichte von Anfang an.
Alles beginnt mit einem Urlaub in der Karibik. Sepp und seine Tochter fliegen nach Trinidad und Tobago, dem kleinen Inselstaat vor der Küste Venezuelas. Bei einem Spaziergang am Strand lernt Martina einen jungen Einheimischen kennen. Jason ist 1977 in Toco geboren, einem Dorf in der nordöstlichsten Ecke von Trinidad. Er ist 13, als seine Mutter an Krebs stirbt. Zwei Jahre später verunglückt sein Vater bei einem Autounfall. Er wächst bei seiner älteren Halbschwester auf und arbeitet in einer Ferienanlage.
Und mit Martina geht jetzt alles ganz schnell. Sie verlieben sich, sind sich ihrer Sache sicher. Sie wollen heiraten. Ein Jahr später wagt der 24-Jährige den Schritt nach Europa. Nach Deutschland. Nach Bayern. In eine andere Welt. Er weiß nicht, worauf er sich einlässt. In Wolfratshausen aber, der kleinen Provinzstadt, hat alles seinen festen Platz, der Maibaum, der markante Kirchturm, die Wirtshäuser, die Menschen. 18.000 leben hier.
"Meine Mädels sind mein Untergang"
Auch der Sepp lebt schon immer in Wolfratshausen. Er ist ein durchtrainierter Mann mit kurzen Fingern, die schnell und kräftig zupacken können. Er ist viel in Bewegung, das ist ihm anzusehen. Geboren ist er 1947, doch er sieht jünger aus. Er sagt: "Mein Fitnessstudio habe ich jeden Tag umsonst." Schon früh hatte er sich für den Fluss entschieden - wie schon sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater vor ihm. Als er zwölf war, durfte er das erste Mal mit auf die Loisach. Mit 14 ging er in die Lehre. Mit 16 lenkte er alleine ein Floß bis nach München. Als sein Vater starb, wurde er 1979 der Floßmeister der Familie.
Viele Jahrhunderte lang brachten Wolfratshausener Flößer das Holz aus den Bergen bis nach München. Heute halten sich die verbliebenen Floßmeister mit Vergnügungsfahrten über Wasser. 18 Männer arbeiten für Sepp. Und eigentlich könnte er bald in Rente gehen, "doch das geht noch nicht", sagt er, "denn das wäre das Ende". Er hat noch keinen Nachfolger gefunden und ein Problem: Noch nie hat es einen weiblichen Flößer gegeben. Er aber hat zwei Töchter.
"Das ist nichts für Frauen", sagt Sepp selber, "dafür braucht man Kraft." Doch nun fehlt ihm ein Stammhalter, der die Tradition retten könnte. Denn das Floßrecht darf nur innerhalb der Familie oder an den Schwiegersohn vererbt werden. "Das war schon immer so", seufzt er, "so sind die Regeln. Es klingt vielleicht hart, aber meine Mädels sind mein Untergang."
Nun aber kam Jason ins Spiel. Und Sepp witterte seine Chance. "Ich konnte nur gewinnen", sagt er heute, "es war ja sonst keiner in Sicht." Schnell stand fest: Er würde seinen Schwiegersohn für zwei Jahre in die Lehre nehmen. Und er musste für diese Entscheidung einiges einstecken damals. Hinter seinem Rücken wurde viel geredet, wenig Gutes. Seine Flößerfreunde verschränkten die Arme vor der Brust. Sie vergruben ihre Hände tief in den Hosentaschen. Man kennt sich in der Zunft, und das nicht erst seit ein paar Jahren oder Jahrzehnten. Man kennt sich seit Generationen. Man ist skeptisch gegenüber Fremden, erst recht, wenn sie so fremd aussehen wie Jason.
Stammtischwitze auf Jasons Kosten
"Die Kollegen waren nicht begeistert", erzählt Sepp. Dass ein Schwarzer das alte Handwerk der Flößer lernen wollte, hatte es noch nie gegeben. Und Sepp wusste selber nicht, was er davon halten sollte. "Das war für uns alle eine neue Erfahrung, und zu Beginn war auch ich skeptisch, das muss ich ehrlich zugeben. Ich musste über meinen Schatten springen."
Jason bekam schnell zu spüren, dass es in der Männerwelt der Flößer grob und derb zugehen kann. Am Stammtisch machte man Witze auf seine Kosten. Er saß daneben und verstand kein Wort, sein Deutsch war noch zu schlecht. Und deshalb lächelte er. Er schwieg und zeigte ein Dauerlächeln. Es war eine Zerreißprobe, die ihn fast verrückt gemacht hätte. "Ich war traurig und wütend zugleich", blickt er zurück, "doch es hat mich auch motiviert, die Sprache schnell zu lernen."
Wer ein Floß sicher steuern will, darf erst einmal nur mitfahren und beobachten. Man muss das Lenken langsam lernen und "das Wasser wie eine Zeitung lesen können", beschreibt Sepp, "der Fluss ist jeden Tag anders". Im nächsten Schritt kommt der Flößerlehrling an das Ruder am Heck, für das man viel Kraft braucht. Erst wer mehr Erfahrung hat, dem wird das vordere Steuerholz anvertraut. Jason bestand die Prüfung ohne Fehler.
"Besser kann man es nicht machen", schwärmt sein Schwiegervater heute noch. Und er ist auch ein bisschen stolz darauf, dass er es den Skeptikern und Nörglern gezeigt hat. "Alle waren überrascht, dass der Jason die gleiche Arbeit bringen kann wie ein Weißer auch. Wir haben so manchem die Augen geöffnet." Doch wenn die Reisegruppen aus dem Bus steigen und Jason in Lederhose und mit Stopselhut sehen, ist die erste Reaktion immer gleich: "Oh, guck mal, ein Afrikaner in Tracht. Und der spricht auch noch Bayerisch - das ist ja lustig." Schwarze Haut und bayerische Provinz passen für viele noch immer nicht zusammen.
Ganz nach Wasserstand brauchen sie fünf bis sieben Stunden für die 30 Kilometer bis nach München. An guten Tagen fahren sie mit vier oder fünf Flößen. An Tagen wie heute mit einem und weniger als 30 Passagieren. Mit ihren langen Flößerhaken stoßen Sepp und Jason das Floß kraftvoll ab. Leise gleitet es los. Der Fluss nimmt es mit. Das Wasser gurgelt und plätschert sanft. Falls es auf einer Floßfahrt so etwas wie Romantik gibt, dann wird sie nun weggeblasen: Die fünfköpfige Kapelle setzt ein. Man beginnt mit "Stelldichein in Oberkrain". Es folgen der "Kaiserwalzer", "Das Kufsteiner Lied" und viele viele Male "Ein Prosit der Gemütlichkeit". Die Leute sind begeistert. Alle schunkeln, manche tanzen, einige werden mutig und stellen sich auf die Bänke.
- 1. Teil: Ein echter Bayer aus Trinidad
- 2. Teil: Wette mit Mehmet Scholl, Smalltalk mit Stoiber
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- Oliver Lück:

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