Per Elektrorad durchs Chiemgau: Ja, mir san mim E-Radl da

Von

Sind E-Bikes nur was für Omas und Fußkranke? Sicher nicht, wie eine mehrtägige Rundfahrt im Chiemgau beweist. Sehr bald hat man sich an den Komfort des entspannten Strampelns gewöhnt - und kann selbst bei Anstiegen und Gegenwind die Szenerie genießen.

Radreise: Chiemgau per E-Bike Fotos
Norbert Eisele-Hein

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Selbst im Frühsommer strahlen die immer noch schneebedeckten Gipfel der Chiemgauer Alpen wie die frisch-gebleachte Zahnreihe einer Hollywood-Schönheit. Stahlblau leuchtet der Himmel dazu. Schloss Herrenchiemsee und ein paar kleine Schäfchenwolken spiegeln sich im Chiemsee, dem Bayrischen Meer. Erst Bazi, eine kleine Elektro-Schaluppe vom Bootsverleih, bringt Bewegung in den Wasserspiegel und lässt das Abbild zum Aquarell zerfließen.

Was für ein Auftakt. Prien erweist sich als optimaler Startpunkt für unsere Pedelec-Tour durch den Chiemgau. "Der Akku hat 250 Watt. Damit habt ihr an die 80 Kilometer Reichweite. Je nachdem, wie stark ihr am Gas dreht oder selbst mitstrampelt", erklärt uns Franz Stadelmann in der Zentrale des Verleihs Additive Bikes. "Und falls das nicht reicht, könnt ihr in über 25 Stationen, quer über den Chiemgau verteilt, jederzeit nachtanken." Wir drehen gleich mal am Gas und rauschen über einen wundervollen Pfad durch mehr als mannshohes Schilf runter zur Uferpromenade.

Irmgard, ein liebevoll herausgeputzter Ausflugsdampfer, bringt uns zur Herreninsel. König Ludwig II. war ein Beau, ein Schöngeist, ein Schwelger. Die Regierungsgeschäfte waren ihm oft zu profan. 1878 ließ er sich hier eine kleine Kopie vom Schloss in Versailles errichten. Mit seinen Schlössern hat er Bayern ein ewiges Vermächtnis geschaffen. Die vielen amerikanischen und japanischen Besucher beweisen den internationalen Stellenwert.

Verlockungen am Wegesrand

Zurück am Ufer-Radweg drehen wir wieder am rechten Griff unserer E-Bikes. Blühende Apfelbäume, kunterbunte Fleckerlteppiche duftender Streuwiesen wischen wie in einem Daumenkino vorbei. Urige Biergärten und zahllose Badestrände laden zu einer Pause ein. Weißwürste mit Brezn und Weißbier zum Frühschoppen, Obazda, Schweinshax'n mit Knödl - vielerlei Kalorienbomben preisen die Wirtshäuser auf mit Kreide beschriebenen Werbetafeln an.

Oder nur einen Eisbecher kaufen und die Füße vom Steg in das Bayrische Meer baumeln lassen? Entspannter Müßiggang an der Riviera Bayerns? Nichts da, wir bleiben hart. Die Räder laufen einwandfrei. Nach einiger Zeit verlassen wir das Seeufer und steuern auf dem Klosterradweg hart nach Norden, direkt auf das Kloster Seeon zu.

Dies ist die frühere Wirkstätte von Papst Benedikt XVI. Einst berühmt für seine Buchmalerei, dient es heute als Bildungszentrum. Die dicken Klostermauern beherbergen ein Restaurant und stilvolle moderne Zimmer. Außerdem hat Additive hier eine Leih- und Ladestation.

Der Werdegang des bayrischen Papstes ist stark mit seiner Region verwoben. Im August 2005 wurde hier ein Radweg ins Leben gerufen: Der Benediktweg kombiniert über 248 Kilometer die geradezu inflationäre Anhäufung an Klöstern, Kirchen, Kapellen, profaner und sakraler Kunst mit der Schönheit der "Terra Benedicta". Vom befestigten Uferweg aus reicht der Blick weit über die gezackten Gipfel der Kampenwand, der Königin des Chiemgaus, bis hinein zu den kahlen Felsabstürzen des Wilden Kaisers in Tirol.

Fortbewegung für Omas und Fußkranke?

Längst vergessen sind anfängliche Bedenken oder besser handfeste Vorurteile zum Thema Elektrorad. "Mit so was fahren doch nur Omas oder Fußkranke, das ist was für die Reha, nicht für den Aktivurlaub, total uncool", so lassen sich die Kommentare von Freunden und Bekannten zusammenfassen. Doch die Häme ist nicht gerechtfertigt. Zum einen müssen wir selbst noch treten, aber eben weniger. Uncool wirken die Räder nicht, sie sehen enorm lässig aus. Der Akku ist völlig unsichtbar in der Tasche innerhalb des Rahmens versteckt. Aber sei's drum. Letztlich ermöglicht ein Elektrorad vielen Leuten einen Aktionsradius und Fahrspaß, der gerade im hügeligen Gelände oder bei Gegenwind sonst nur sehr fitten Radfahrern möglich ist.

Ein Knick nach Nordosten bringt uns nach Tittmoning, in "das Traumland meiner Kindheit", so Joseph Ratzinger in seiner Biografie. Dort verlebte er im "Stubenrauchhaus", einem stattlichen Bau, seine Kindheit, ging zu den englischen Fräulein in den Kindergarten und genoss die idyllischen Spaziergänge im Kreise der Familie zur Wallfahrtskirche Maria Brunn. Als dort 1930 anlässlich einer Firmung Kardinal von Faulhaber von den Kindern begrüßt wurde, begeisterte er sich bereits für den purpurnen Talar des Erzbischofs. "Ich werde auch mal Kardinal", prophezeite er damals schon bestimmt.

Eine Kombination von Radwegen und einsamen Straßen führt uns in den Rupertiwinkel. Wunderschöne Höfe mit einer geballten Dichte an Geranien flankieren die Route. Am Waginger See, dem wärmsten See Bayerns, stürzen wir uns in das angenehm weiche Wasser des Moorsees.

Mammut am Wegesrand

Wir passieren Traunstein und folgen der Traun stromaufwärts auf dem schattigen Uferradweg. Bei Siegsdorf stoßen wir unvermittelt auf ein lebensgroß nachgebautes Mammut. 1975 wurden dort 45.000 Jahre alte Mammutknochen gefunden. Seit 1995 offenbart das kleine Museum allerlei Wissenswertes über die Steinzeit im Chiemgau.

Der Traun-Alz-Radweg geleitet uns nach Ruhpolding direkt zur Windbeutel-Gräfin. "Extra bavariam non est vita et si est vita non est ita", lautet das Motto auf einer Holztafel über dem prächtig herausgeputzten Gasthof. Frei aus dem Lateinischen übersetzt: Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben und wenn doch, dann nicht dieses. Wenn sich vor den Bergzacken ein XXL-Windbeutel mit Sauerkirschen und Vanilleeis aufbaut, wenn dann etwas weiter in der Laubau eine Trachtengruppe ihr Sommerfest feiert und die feschen Dirndl und schneidigen Burschen in traditionellen Trachten tanzen und Schuhplatteln, dass die Bühne wackelt, dann gibt es wohl keinen Zweifel mehr an dieser These.

Reit im Winkl, unser nächster Halt, gilt im Winter als Schneeloch. Seit Rosi Mittermaier 1976 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck jede Menge Edelmetall abräumte, sind die Winklmoos-Alm und Reit im Winkl jedem Wintersport-Fan ein Begriff. Dort wo Skifahrer wegen vieler schwarzen Pisten im Winter mit der Zunge schnalzen, finden Elektroradler im Sommer viele erstklassige Strecken. Häufig schrauben sich die Routen rings um den Ortskern langsam aber stetig mehr als 1000 Höhenmeter hoch zum Fellhorn und zur Steinplatte.

Auf der letzten Etappe wagen wir eine Stippvisite in Tirol und pedalieren über Kössen zum Klobenstein. Wir folgen dem Flusslauf des Tiroler Achen in einen fast schon kitschigen Heimatfilm. Ein Almbauer wetzt die Sense, mäht die steile Bachböschung mit der Hand. Die Bergzacken funkeln golden, die Balkonpflanzen quietschrot. Wir passieren Marquartstein und Bernau und erreichen wieder Prien - schon sehen wir Bazi wieder auf dem Chiemsee schippern. Fazit: Eine weiß-blaue Überdosis setzt jede Menge Glückshormone frei. Und mit dem Elektrorad fühlen sich sogar die Schenkel danach noch gut an.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
plasmopompas 12.09.2012
Zitat von sysopSind E-Bikes nur was für Omas und Fußkranke? Sicher nicht, wie eine mehrtägige Rundfahrt im Chiemgau beweist. Sehr bald hat man sich an den Komfort des e
Bin mal gespannt wann hier im Thread wieder die ersten "richtigen" Radfahrer auftauchen, die den E-Bikes die Berechtigung absprechen.
2.
xzeusx 12.09.2012
"Oder nur einen Eisbecher kaufen und die Füße vom Steg in das Bayrische Meer baumeln lassen? Entspannter Müßiggang an der Riviera Bayerns? Nichts da, wir bleiben hart." Schreibt jemand der sich bei den eher zahmen Hügeln da unten von einem E-Motor helfen lässt... Ich habe nichts gegen die Dinger, aber man sollte schon realistisch bleiben. Ich freue mich über die Rentner die damit Mobilität wiedergewinnen, aber deswegen sind sie noch lange nicht "hart".
3.
troy-mc-lure 12.09.2012
"Bin mal gespannt wann hier im Thread wieder die ersten "richtigen" Radfahrer auftauchen, die den E-Bikes die Berechtigung absprechen." Ihre Berechtigung haben die Dinger schon aber in der Freizeit damit rumzufahren - da würd ich mich in Grund und Boden schämen. Ich sehe sie schon vorm geistigen Auge, PKW-Ausflügler, die E-Bikes auf dem Dach/Heckträger geschnallt, 100km ab ins Grüne und dann 10 km unter Strom in den nächsten Biergarten. Das nennt man dann moderne Freizeitbeschäftigung ;)
4. Sorry, aber ...
shredderbert 12.09.2012
... neben den Wegschönheiten hätte ich mir ein wenig mehr Informationen über das E-Biken gewünscht ...
5. Für jeden etwas
terramunda 12.09.2012
Über Pedelecs steht ja im Artikel wenig bis nichts drin und es wird suggeriert, das man am Hahn dreht, was nur selten stimmt. Aber: Elektroräder sind tatsächlich alltagstauglich und stehen für eine neue, moderne Mobilität. Jeder kann nach seinem Gusto wählen, das ist ja das Schöne an der neuen Technologie. Viel Watt, wenig Watt, vom MTB bis zum Lastenrad, von Fun bis zum Arbeitsgerät - es gibt immer mehr Möglichkeiten und Trends. Und viele Sportler haben auch schon den Dreh mit den Stromern raus, echte Freaks sogar. Wer nicht will, kann es ja sein lassen, keiner wird gezwungen, doch ich bin sicher: der Run auf Ebikes hat gerade erst begonnen. Bei Einsatz Erneuerbarer Energien ist das eine tolle Sache. Die Branche sollte sich nur schleunigst mehr Gedanken über das Recycling der Akkus machen, die halten nicht ewig.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Deutschland-Urlaub
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare
Fotostrecke
Naturwunder und Baukunst: Welterbestätten in Deutschland