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Radfahren: Berlin schaltet auf grüne Welle - ein bisschen

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In Kopenhagen gibt es sie seit Jahren, nun hat auch Berlin eine grüne Welle für Radfahrer. Das Pilotprojekt auf einer Nebenstraße ist gut gemeint - nötiger wären fahrradfreundliche Ampelschaltungen aber an vielbefahrenen Kreuzungen.

Radfahren in Berlin: Ein bisschen grüne Welle Fotos
SPIEGEL ONLINE

Berlin - Beim Einbiegen in die Belziger Straße deutet nichts darauf hin, dass hier eine Novität zu besichtigen ist. In der Nähe des Rathaus Schöneberg hat Berlin eine grüne Welle für Radfahrer eingerichtet. Ein Hinweisschild sucht man vergebens. Nur wer die Lokalpresse liest, erfährt davon. Beim eher gemütlichen Tempo von 16 bis 18 km/h hat man an bis zu drei Ampeln hintereinander Grün.

Die grüne Welle ist ein Pilotprojekt. Sebastian Bührmann vom Deutschen Institut für Urbanistik nennt sie "ein wichtiges Signal an die Radfahrer". Sie funktioniert wegen des relativ großen Abstands von Ampel zu Ampel in beide Richtungen. Spezielle Ampeln für Radfahrer gibt es nur an einem Ende der Belziger Straße, ansonsten werden die normalen Ampeln genutzt, die für Autos wie Radler gleichermaßen gelten.

Vorbild der Berliner Verkehrsplaner war die dänische Hauptstadt Kopenhagen, wo Radler seit Jahren auf mehreren Hauptrouten gut unterwegs sind. Am Morgen sind die Ampeln Richtung Zentrum auf Grün programmiert, nachmittags in der Gegenrichtung.

Was Berliner Radfahrer als hilfreiche Maßnahme begrüßen, sorgt in der Boulevardpresse für Empörung: "Arme Autofahrer! Jetzt kommt die grüne Welle für Radfahrer", titelte die "Bild"-Zeitung. "Grüne Welle für Radler behindert den Verkehr", schrieb die "BZ".

Eher ein symbolischer Schritt

Wer sich in der Belziger Straße umschaut, kann die Aufregung kaum nachvollziehen: Sie ist eine typische Nebenstraße mit wenig Autoverkehr, in der Tempo 30 gilt. Autofahrer nehmen eher die parallel verlaufende vierspurige Hauptstraße.

Für Radler ist die Strecke jedoch wichtig, denn sie gehört zur Wannsee-Radroute, die vom Schlossplatz in Mitte auf 28 Kilometern Länge bis zur Glienicker Brücke nach Potsdam führt. Schon der Längenvergleich verdeutlicht, dass die grüne Welle eher ein symbolischer Schritt ist: Sie ist gerade mal 700 Meter lang. Im Berliner Rathaus spricht man von einem "überschaubaren Umfang" und "kleinräumigen Verbesserungen".

Burkhard Horn von der Senatsverwaltung hält es für sinnvoll, solche Maßnahmen erst dort zu testen, wo die Bedingungen vergleichsweise einfach sind. "Wenn man sich gleich auf eine sehr konfliktträchtige Strecke mit vielen konkurrierenden Anforderungen stürzt, ist die Gefahr groß, das Thema durch eine negative öffentliche Diskussion zu verbrennen", sagt der Verkehrsexperte.

Die TU Berlin sucht derzeit nach weiteren Strecken in Berlin, auf denen eine besondere Ampelschaltung für Radler sinnvoll sein könnte. Die Stadt möchte eine über mindestens fünf Ampeln reichende grüne Welle umsetzen - als Modellprojekt der Radverkehrsstrategie. Mögliche Strecken liegen unter anderem in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf. Erklärtes Ziel ist, Radfahren attraktiver zu machen und mehr Menschen auf den Sattel zu bringen.

Reaktion auf den zunehmenden Radlerstrom

Vor allem an den Hot Spots im Zentrum Berlins werden fahrradfreundliche Ampelschaltungen dringend gebraucht. Immer mehr Radler drängen sich auf den viel zu schmalen Radwegen.

Aber: Auf dem Weg zur fahrradfreundlichen Stadt macht Berlin sogar Rückschritte. So wurden in den vergangenen Monaten an einigen Kreuzungen in Mitte Ampelschaltungen verändert. Die Grünphase der Radfahrerampel ist plötzlich deutlich kürzer als an der Autofahrerampel - offensichtlich eine Reaktion auf den zunehmenden Radlerstrom. Dieser hindert Autofahrer an Kreuzungen immer öfter am Rechtsabbiegen, denn geradeaus fahrende Radler haben Vorfahrt. Anstatt die Infrastruktur an den steigenden Radverkehr anzupassen, ändern die Verkehrsplaner die Ampelschaltung.

Die Senatsverwaltung warnt Radfahrer vor allzu großen Hoffnungen auf schnelleres Vorankommen. Ein Problem sind laut Horn die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Radfahrern. Zudem seien grüne Wellen gerade an großen Verkehrsachsen besonders schwer umzusetzen. "Es nützt der Stadt unter dem Aspekt der Luftreinhaltung nichts, wenn der Autoverkehr weniger flüssig abgewickelt wird, weil wir mehr Stop-and-go haben", sagt er. Das Gleiche gelte für den ÖPNV: Eine grüne Welle, die Busse und Bahnen ausbremse, sei "nicht vertretbar".

In Kopenhagen herrschen andere Prioritäten: Dort wurden Autos aus der Straße Nørrebrogade teilweise ganz verbannt, um Platz für den mit bis zu 40.000 Radlern täglich dichtbefahrensten Radweg der Welt zu schaffen. "Die grüne Welle war ein so großer Erfolg, dass sie auf drei weitere wichtige Radwege Richtung Zentrum erweitert wurde", sagt Mikael Colville-Andersen, Betreiber des Blogs "Copenhagenize". Quasi nebenbei habe sich auch die Sicherheit erhöht: "Radler, die bislang sehr schnell gefahren sind, haben ihre Geschwindigkeit gedrosselt, damit sie immer Grün haben."

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1. Die Autolobby
bumminrum 22.04.2014
ist eindeutig stärker. Und das wird sich auch nicht ändern. Es fehlen zentrale Fahrradachsen, welche ausserhalb der Straßen über Parks und Grünanlagen verlaufen. Wenn es sie dann doch einmal durch Zufall gibt, dann sind diese Wege nicht asphaltiert - bei Regen sind diese Wege dann nicht benutzbar. Der geringere Fahrradanteil gegenüber Dänemark liegt auch am schlechteren Angebot. Warum kann man z.B die Fahrräder mit den ÖPN nicht kostenlos mitnehmen? Warum werden E-Bikes mit dümmlichen Helmdebatten diskriminiert anstatt die Leistungsgrenzen für zulassungsfreie Räder auf 30 km/h zu erhöhen. Diese Bike sind dann genauso schnell wie Autos in verkehrberuhigten Zonen. Die Autos verschlechterten die Lebensqualität durch Krach und Feinstaub. Bitte einmal in eine wirkliche Megacity fahren - Istanbul oder Peking. Zum abgewöhnen.
2. Das Problem ist die fehlende Radwegspflicht
boingdil 22.04.2014
Berlin strotzt vor Radwegen, jedenfalls im Vergleich zu den meisten Städten. Jedoch werden diese von immer mehr Radlern ignoriert und statt dessen die Straße verwendet. Obwohl die Radwege frei sind, und keineswegs nur von Kurieren und Rennradlern. Das ist gefährlich, verursacht Staus und ist eine Steuergeldverschwendung ohne Gleichen, die Radwege waren teuer! Aber75% der Radler geben gefühlt ja eh ihr Hirn ab, wenn sie aufs Rad steigen. Und eine grüne Welle für die Verkehrsteilnehmer die eh Ampeln ignorieren... Unfug.
3. Ampeln an sich
cato-der-ältere 22.04.2014
Ampeln an sich führen zu StopandGo, und somit Lärmbelästigung, mehr Abgasen, öffentlichen Ausgaben und zäherem Verkehr. Gleichzeitig bewirkt die Gesetzmäßigkeit der Bürokratie an sich, dass die Zuständigen in den Ämtern immer mehr und mehr davon einrichten. Da sie ja irgendetwas tun müssen um ihre Gehälter und Pensionen aus Steuergeldern mit Aktivität rechtfertigen müssen. Das Gleiche ist es bei den Verkehrsschildern...
4. Radler
shechinah 22.04.2014
Radler sind wohl die einzigen Verkehrsteilnehmer, die es für gottgegeben halten, daß sie niemals anhalten, in einer Schlange stehen oder irgendwo warten müssen.
5. Was mal mal bedenken sollte...
norwood1969 22.04.2014
Wenn die Hauptstrassen fuer den Autoverkehr zunehmend unattraktiv werden, dann werden diejenigen, die sich auskennen, eine Route durch Wohngebiete finden. Bei Strecken die ich oft fahre, kenne ich zumindest nun die schnelleren (trotz Tempo 30) Wege durch kleinere Strassen und komme da rascher voran, als auf den verstauten Hauptstrassen. Diese Konsequenz waere auch mal bedenkenswert, denn irgendwann hat man die paradoxe Situation, dass die Radfahrer die Hauptstrassen staerker nutzen und die Autofahrer die Nebenstrassen. In meiner Freizeit fahre ich gerne Rad, im Berufsleben geht das gar nicht bei mir.
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