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Tipps zum Berlin-Bummel: Jeder Kiez birgt Schätze

See im Tiergarten: "Bleibt nicht in Mitte hängen!" Zur Großansicht
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See im Tiergarten: "Bleibt nicht in Mitte hängen!"

Sie kennt die schönsten und geheimsten Ecken der Hauptstadt: Autorin Lucia Jay von Seldeneck verrät im Interview, wo Berlin noch überrascht.

Zur Person
  • David von Beck
    Lucia Jay von Seldeneck, geboren 1977 in Berlin, ist freie Journalistin und Buchautorin. Für ihre im Emons Verlag erschienenen Bücher durchkämmte sie sämtliche Bezirke der Hauptstadt, immer auf der Suche nach lauschigen Plätzen im Grünen, urigen Gaststätten und Sehenswürdigkeiten, die zuvor kaum einer sehenswert fand.
SPIEGEL ONLINE: Berlin hat sich nach der Wende zu einem der beliebtesten Reiseziele der Welt gemausert. Warum eigentlich?

Seldeneck: Die Aufbruchsatmosphäre hat die Leute anfangs angezogen. Das Potenzial der vielen Freiflächen, der ganze Platz, den man nur nutzen musste. Berlin ist eine Stadt, die extrem viel erzählen kann. Und wenn man ein wenig an der Oberfläche kratzt, findet man viele unerwartete Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben gerade Ihr viertes Buch über Berlin und die Menschen, die hier leben. Wo finden Sie Orte, die selbst Sie als gebürtige Berlinerin verblüffen?

Seldeneck: Jede Ecke der Stadt birgt ihre Schätze. Und wenn man genug hat vom hippen Berlin, von Partys und Kulturszene, dann muss man nur an den Stadtrand fahren. Dort warten die Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Was gibt Berlins Peripherie denn her?

Seldeneck: Zum Beispiel "Paule III" in Köpenick. So heißt die Ruderfähre, die Wanderer und Müggelspree-Ausflügler von einem Ufer ans andere übersetzt - für den Preis eines Bustickets. Einen tollen Fund habe ich außerdem einmal in Kaulsdorf gemacht, einem dörflichen Bezirk im Osten Berlins. Die Pfarrerin nahm mich mit auf den Dachboden der Kirche und zeigte mir die sogenannten Totenkronenbretter. Damit feierte man im 18. Jahrhundert junge Menschen, die noch vor ihrer Hochzeit gestorben sind. Die barocken Tafeln erinnern an einen märkischen Brauch, über den schon Theodor Fontane schrieb, den aber heute kaum einer mehr kennt.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur jüngeren Geschichte. Was hat sich seit der deutschen Einheit in Berlin verändert?

Seldeneck: In den ersten zehn Jahren nach der Wende war es für mich etwas ganz Besonderes, aus der Stadt herauszugehen, ohne jemandem meinen Pass zeigen zu müssen. Plötzlich gab es ein Umland, das darauf wartete, entdeckt zu werden. Inzwischen sind das ehemalige Ost- und Westberlin verschmolzen, wir erleben es heute als großes Ganzes.

SPIEGEL ONLINE: Aber immer noch unterscheidet sich Berlin von anderen Metropolen. Warum?

Seldeneck: Vielleicht ist uns der Entdeckergeist geblieben. Wer hierherkommt, scheint unwillkürlich eine gewisse Neugierde zu entwickeln: Da ist doch dieser Schornstein, der über die Dächer ragt - da muss also irgendwo eine alte Fabrik sein. Wir können gar nicht anders, wir lieben es, verlassene Häuser oder Industriebrachen zu betreten und uns die Geschichten vorzustellen, die sich darin einst abspielten.

SPIEGEL ONLINE: An solchen Orten entstehen häufig kulturelle Zentren. Kreative lassen sich nieder - oder Menschen, die ein gutes Geschäft riechen. Was ist Ihre schönste Neuentdeckung?

Seldeneck: Die Grießmühle am südlichsten Ende von Neukölln. Mitten im Grünen, am Ufer des Teltow-Kanals, finden unter freiem Himmel Partys, Comedy-Abende und Märkte statt. Aber Berlin lebt nicht nur von solchen Orten. Ich mag die Stadt auch für all die Details, die man übersieht, wenn man nicht genau hinsieht.

SPIEGEL ONLINE: Welches Fundstück zählt zu Ihren Lieblingen?

Seldeneck: Im Tiergarten gibt es einen Baum, in den der ganze Text von Ben E. Kings Lied "Stand by Me" eingeritzt ist. So etwas ist doch wundervoll! Mein Appell an alle Berliner und Berlin-Touristen: Macht euch auf, guckt euch um. Geht in Hinterhöfe und klettert auf Parkdecks, blickt auf den Boden und vor allem: Bleibt nicht alle in Mitte hängen!

Zehn weitere Entdeckungen haben wir hier für Sie zusammengestellt:

Die Bucht an der Schleusenbrücke

Wer über die Schleusenbrücke Richtung Schlossplatz läuft, der sieht schon von weitem eine mächtige Eichenbaumkrone. Folgt man dem Stamm nach unten, entdeckt man dort inmitten des ununterbrochenen Getöses der Baustelle einen über all dies erhabenen Ort der Ruhe. Eine Pforte im gusseisernen Geländer lädt ein, auf diese kleine Insel mit Baum abzutauchen. Die hohen Gräser glitzern im Sonnenlicht, ein kleiner Tisch mit Backgammon-Muster steht im Schatten der Eiche, und am Ast hängt eine Schaukel. Warum eigentlich nicht gerade hier und jetzt einmal kurz die Füße ins Wasser halten und den Rücken auf dem Gras ablegen?

Die Bucht ist von großen Steinen eingefasst. Hier und da schmücken angeschwärzte Konsolen die Mauer. Und wenn man es nicht weiß, kann man es kaum erahnen: Diese Mauer ist die Rückseite des enormen Sockels, auf welchem 1897 direkt gegenüber vom früheren Schlosseingang ein kolossales Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. errichtet wurde. Die Reiterstatue überstand Revolutionen und Kriege und wurde 1950 abgetragen, um Platz zu schaffen für die von der DDR-Regierung geplanten Aufmärsche. Der Sockel mit den Stufen durfte bleiben - und die Eiche auch.

Die Hasenschänke

Die Hasenheide hat einen schlechten Ruf. Vielleicht zu Recht. Aber wenn man von der Kreuzberger Seite kommt und den steilen Aufstieg geschafft hat, fühlt man sich sofort wie befreit. Straße, Lärm und Hektik sind abgeschüttelt. Auch die Dealer werden weniger. Es geht vorbei an Minigolf und Streichelzoo, Spielplatz und Freiluftkino - und dann ist das eigentliche Herz des Parks erreicht: die Hasenschänke. Mit dem nierenförmigen Betondach und dem gepflasterten Platz davor sieht sie aus wie eine Tankstelle aus den fünfziger Jahren. Ein Kiosk, wird manch einer denken und sich enttäuscht wieder abwenden. Aber dieser Ort ist es wert haltzumachen.

An Tischen mit Plastikstühlen treffen sich bei gutem Wetter Neuköllner Stammgäste, Kreuzberger Jungeltern und Tempelhofer Spaziergänger. Seit 15 Jahren betreibt Familie Schneider den Ausflugsimbiss, in dem es Wurst, Buletten, Kartoffelsalat, Kuchen, Eis und Schokoriegel gibt. Spätestens nach dem zweiten Bier kommt man mit den anderen Gästen ins Gespräch. Alles wird einem gemeinsamen Bedürfnis untergeordnet: der allgemeinen Naherholung.

Die Jukebox in der Ankerklause

Auch mal schön, wenn sich nichts ändert. In dieser Stadt, die in einem unzumutbaren Tempo immer schneller immer weitermacht, braucht jeder Mensch Orte, die bleiben und Halt geben. Auf die Jukebox in der Ankerklause ist Verlass. Sie steht immer schon an ihrem Platz gegenüber der Theke, an ihr muss jeder vorbei. Tagsüber, um auf die Terrasse zu kommen, von wo aus die Geranien ihr Signal der Gemütlichkeit weit über den Landwehrkanal aussenden.

Und sobald es dunkel wird bis in den frühen Morgen hinein regiert die Box mit den Spiegeln über die Nacht. Das Gedränge ist groß, aber irgendwann im Laufe des Abends kommt der Moment, an dem der Platz vor der Musikbox ganz unverhofft frei ist. Plötzlich steht man selbst davor und lässt die vier CD-Hüllen mit den Pfeiltasten weiterklappen - eine unvorhersehbare Mischung aus Blues, Rock 'n' Roll und elektronischer Musik. Ein bisschen wie der Soundtrack des Lebens.

Das Parkdeck der Neukölln Arcaden

Kurve um Kurve geht es nach oben, die Zwischendecks sind gefüllt mit parkenden Autos, Familien, beladen mit Einkaufstüten, stehen Schlange am Kassenautomat. Vor der letzten Kurve nach oben hängt eine Kette. Wer über diese Absperrung für Autos steigt, läuft in den Himmel hinein. Kein Straßenlärm, nicht mal ein Rauschen dringt bis auf das oberste Deck vom Parkhaus der Neukölln Arcaden hinauf. Von hier oben lässt es sich gut in das Leben da unten hineingucken. In den grauen Schluchten der Hinterhöfe lassen sich versteckte Oasen mit Blumenkübeln entdecken - und am Horizont erstreckt sich das rotbraune Häusermeer von Berlin.

Das Parkdeck des Einkaufszentrums gipfelte viele Jahre lang vergessen über den Dächern Neukölln, bis es zu neuem Leben erweckt wurde. An den Brüstungen klettern nun Pflanzen empor, Holzpodeste umrahmen eine große Sandkiste und am Rand stehen gezimmerte Hütten. "Der Klunkerkranich" ist aber viel mehr als eine weitere Strandbar oder ein Open-Air-Club, denn hier steht die Gemeinsamkeit an erster Stelle: Mittwoch und Samstag sind Gärtnertage. Dann werden weit oben über der Karl-Marx-Straße Kübel begrünt und Bienen gezüchtet.

Intershop 2000 – die Schätze der Geschichtensammlerin

Ostalgie ist schon lange keine Nische mehr. Das Geschäft mit DDR-Devotionalien blüht in Berlin. Es ist vor allem das Sortiment der Neuerfindungen, das einen in Staunen versetzt: Ampelmännchen-Nudeln, ein "Held der Arbeit"-Duschbad oder Kondome mit dem Motto "Seid bereit, immer bereit". Das alles gibt es im Intershop 2000 nicht. Denn in dem kleinen Viertel nördlich der Stralauer Allee stapeln sich in einem ehemaligen Konsum-Laden die wahren Schätze der vergangenen Ära: die Geschichten zu den Produkten. Elke Matz hat sie gesammelt.

Weil ihr das Mitropa-Geschirr gefiel, reiste sie 1990 dem Porzellan hinterher und sammelte in unzähligen Bahnhofsgaststätten zwischen Hof und Rostock Tassen, Teller und Milchkännchen ein, bevor sie weggeschmissen wurden. Noch heute, 25 Jahre später, biegen sich die Regale unter Stapeln von Geschirr. Spielzeug, Bücher, Original-Friedensplakate und noch viel mehr DDR kann man im Laden (Dannecke Straße 8) durchstöbern und kaufen. Zum Beispiel die Hühner-Eierbecher von "Sonja PLASTIC" aus der Nähe von Chemnitz. Die bunten Plastikhühner kennt jeder, der in der DDR aufgewachsen ist.

Paule III – Manpower auf der Müggelspree

Am Wasser endet die kleine Straße in Köpenick. Der einzige Hinweis, dass es doch weitergeht, sind ein Haltestellen-Schild und eine Wartebank. Auf dem Fahrplan stehen die Abfahrtzeiten der F24, die hier auf die andere Seite nach Rahnsdorf übersetzt, immer zur vollen Stunde. Doch dann winkt es vom anderen Ufer - und ein rotes Ruderboot nähert sich über die Müggelspree. Es ist Ronald Kebelmann, der mit wenigen kräftigen Ruderschlägen auf den Steg mit Haltestelle zusteuert. Er hält sich nicht an den vorgeschriebenen Fahrplan, sondern ist immer dann, wenn jemand am Ufer steht, mit Paule III zur Stelle.

An warmen Sommertagen fährt er bis zu 150 Mal über den Fluss. "Einen Wunderschönen" begrüßt er die Wartenden und fragt dann mit einem freundlichen Grinsen: "Wollen Se vielleicht rüber?" Seit 100 Jahren bringt die Ruderfähre hier zwischen den Müggelheimer Spreewiesen und Rahnsdorf die Menschen über das Wasser. Acht Personen oder vier mit Rädern passen auf die Paule III. Man rückt zusammen auf der Bank, die Fahrscheine werden abgestempelt, und dann geht es los.

Fährzeiten: Saisonbetrieb, im April nur am Wochenende, von Mai bis Oktober dienstags bis sonntags
Adresse: Zur Fähre, Müggelheim, 12559 Berlin-Köpenick

Die Gründerzeit-Platte

Erker, Stuckgesims, Statuen, ein bisschen italienische Renaissance, ein bisschen englisches Stadthaus. Mitten in Hellersdorf sollte einst auf rund 64.000 Quadratmeter Fläche die Illusion europäischer Altbaufassaden entstehen. Motive aus 45 Ländern waren auf den Wohnblöcken geplant. Es wäre das größte Wandbild der Welt geworden. Doch der Investor ging pleite, und so wurde nur das deutsche Haus fertig. Dennoch: Die Täuschung in der Stendaler Straße 30 bis 42 ist gelungen. Wie vor einem riesengroßen Wimmelbild läuft man vor den Häusern auf und ab entdeckt zwischen kunstvollen architektonischen Details und Giebelfenstern vorbeiflatternde Möwen, Störche und Enten. Menschen blicken aus den Fenstern, telefonieren auf dem Balkon oder winken von der Dachbrüstung - alles Pinselwerk, das mit perfekten Schattierungen die glatte Wand in eine dreidimensionale Stuckfassade verwandelt.

Die Pelmeni-Welt hinterm Ostbahnhof

Am Hermann-Stöhr-Platz in Friedrichshain gibt es Pommes, China-Pfanne, Döner und Broiler. Und es gibt Pelmeni. Gegenüber vom Kleiderstand, an dem die grell gefärbten Shirts im Wind flattern, betritt man Vladimir Egozovs Reich. In dem selbst gezimmerten Anbau neben seinem Imbiss stehen unter der Zeltplane drei Tische, aus dem Fernseher schmachtet ein russischer Schlagersänger zu seinen Playbacks. "Ich beschäftige mich seit 19 Jahren mit Pelmeni", sagt Egozov über seine Delikatessen. "Ich habe sie auf der ganzen Welt probiert." In China, in Russland, in Italien und New York." Nur heißen sie eben überall anders."

Der Ingenieur aus Riga füllt seine "Berlinischen" Pelmeni mit einem Gemisch aus Lamm, Schwein, Rind und Gans und serviert sie einer köstlichen Suppe mit frischen Kräutern und viel saurer Sahne. Dazu schenkt er georgischen Wein ein.

Der Brotofen von Pankow

Der Duft von frisch gebackenem Brot lockt die Menschen auf den Hof mit dem buckeligen Kopfsteinpflaster und dem rauchenden Schornstein. Dreimal in der Woche werden in den Alten Bäckerei in der Wollankstraße die Pankower Brote gebacken, in einem Ofen, der beinahe den ganzen Raum einnimmt. Zuerst kommen die Laibe bei 400 Grad Celsius vorne neben der Luke an das Feuer, das mit Buchenholz aus der Uckermark brennt. Dann werden sie nach hinten umgesetzt, um bei 300 Grad Celsius fertig zu backen. So entsteht die besonders leckere Kruste.

Wenn am Nachmittag die ersten Brote die Regale an der Wand füllen, geht hier drei Stunden lang ununterbrochen die niedrige Tür auf und zu. Aber nicht nur zum Kaufen kommen Menschen herein - es gibt noch ein Ritual, das beinahe feierlich an jedem Backtag begangen wird: Die Kinder aus dem Viertel kommen, um sich eine Scheibe frisches Pankower abzuholen. Ohne ein Wort stehen sie neben der Tür, bis sie dran sind.

Die Terrasse am Weißen See

Der "Milchhäuschen"-Schriftzug auf dem Flachdach über der Terrasse am Weißen See ist ebenso schlicht und apart wie der Sechziger-Jahre-Bau, auf dem er angebracht ist. Wie dieser Ort zu seinem Namen kam? Als hier am Ufer noch das imposante Schloss Weißensee stand, ein altes Rittergut, das Ende des 19. Jahrhunderts in einen Vergnügungspark umgebaut wurde – mit Karussells, Tanzsälen und Bierlokalen –, stand auf der gegenüberliegenden Seite des Sees das Gartenhaus im Park. Im Ersten Weltkrieg brannte das Schloss fast vollständig ab, aber das Gartenhaus blieb erhalten.

Die Stadt richtete in den Räumen eine Milchsammelstelle für bedürftige Kinder ein. Diese Milchhäuser, in denen Kuhmilch aus der Umgebung gesammelt und gekühlt wurde, waren damals nicht ungewöhnlich. Aber man findet auch Texte, aus denen hervorgeht, dass in dieser Weißenseer Milchsammelstelle Muttermilch von Ammen für die Säuglinge im nahe gelegenen Krankenhaus aufbewahrt wurde. Heute ist für Programm rund um den See gesorgt: Neben dem Strandbad Weißensee gibt es einen Ruderbootverleih und einen Streichelzoo.

Bei den Texten handelt es sich um gekürzte Auszüge aus dem Buch "111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss". Emons Verlag; 240 Seiten; 14,95 Euro.

Das Interview führte Julia Stanek.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Ach ja,
wunderpaule 04.10.2015
die übliche Lobhudelei für Berlin, als ob Berlin der Nabel der deutschen Welt wäre, seit Jahrzehnten immer und immer wieder dasselbe. Niemand schreibt, dass in Berlin die unhöflichsten und unkultiviertesten Deutschen wohnen, dass Berlin ohne all die Menschen aus anderen Kulturen wirklich ein hässlicher Ort wäre, dem Germanismus und Eigenlob verfallen. Niemand schreibt, dass die offizielle Geschichtsschreibung in Gestalt von Gebäuden lügenhaft ist, und das nicht erst seit der Maueröffnung. Beispiele gefällig? Noch immer ist die Neue Wache, die der zentrale Gedenkort der Deutschen sein soll, das Lügenkonstrukt, dass der Historiker und nicht verurteilte Straftäter Helmut Kohl sich aus den Fingern gesogen hat. Der Aufbau des alten preussischen Stadtschlosses bedeutet den Sieg der restaurativen Kräfte in dieser Stadt, die städtebaulich und ästhetisch katastrophale Neubebauung des Potsdamer Platzes, nach Kungeleien mit Debis und Sony, spricht Bände. Das Hotel Adlon wie fast die gesamte Bebauung am Pariser Platz will die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges vergessen machen. Das ließe sich endlos fortsetzen. Vergesst Berlin! Bleibt zu Hause oder fahrt woanders hin. Ihr verpasst nichts und wenn, dann nur ein wenig Gehirnwäsche mehr...
2. Danke für die Erklärung
peeka(neu) 04.10.2015
"Vielleicht ist uns der Entdeckergeist geblieben. Wer hierherkommt, scheint unwillkürlich eine gewisse Neugierde zu entwickeln: Da ist doch dieser Schornstein, der über die Dächer ragt - da muss also irgendwo eine alte Fabrik sein. Wir können gar nicht anders, wir lieben es, verlassene Häuser oder Industriebrachen zu betreten und uns die Geschichten vorzustellen, die sich darin einst abspielten." Das erklärt einiges, denn mir geht es - auch wenn elf Jahre früher als die Autorin geboren - tatsächlich ähnlich. Als ich als HTW-Dozent einst aus dem Peter Behrens Haus kam und beim Vorbeigehen aus einer Halle auf dem ehemaligen Samsung-Gelände auf einmal Klaviermusik vernahm, musste ich auch einmal herumlaufen. In dieser Halle werden eigentlich alle Schiffe restauriert. Das sieht schon toll aus. Doch am anderen Ende saß ein Niederländer, der alte Klaviere zur Restauration kaufte und auf einem davon spielte. Die Schwierigkeit aber auch Spannung dieser Stadt liegt in ihrer ständigen Veränderung. Man kann kaum einen "Tipp" geben, denn wenn dieser gelesen wird, kann es gut sein, dass es den Ort vor allem aber die Menschen, die den Ort beleben, gar nicht mehr gibt. Wer nach Berlin kommt, sollte einfach losziehen und entdecken!
3. Menschen-Zoo
trimedial 04.10.2015
Von Seldeneck: Mein Appell an alle Berliner und Berlin-Touristen: Macht euch auf, guckt euch um. Geht in Hinterhöfe und klettert auf Parkdecks... Das sind so Empfehlungen ganz nach meinem Geschmack. Ich freue mich schon drauf, von Touristen beklatscht zu werden, wenn ich zur Mülltonne gehe und freue mich weiterhin, wenn ich einiger meiner malerischen Lieblingsorte in lustvoller Beklommenheit mit vielen teilen darf.
4. Eigenlob
chico 76 04.10.2015
stinkt bekanntlich. Man mag diese ständigen Lobhudeleien auf die schmuddeligste Hauptstadt Europas nicht mehr lesen. Selbstkritik ist nicht des Berliners Ding.
5. Super
Wupperflipper 04.10.2015
Ich fahre in eine Millionenstadt um dann am Ortsrand die schönheiten zu genießen. Bin ich froh dass ich auf dem Lande wohne und all dass was man in der Großstadt suchen muss vor der Haustür habe. Fragt euch mal wieso am Wochenende Horden von Menschen raus in die Natur fahren wenn doch die Stadt so toll ist.
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