Radwanderung durch Thüringen Vom Bier zur Bratwurst

Bier, Bratwurst und Johann Sebastian Bach liegen näher beieinander, als angenommen: Eine Radwanderung durch Thüringen eröffnet ungeahnte Einblicke - kulinarisch, landschaftlich und kulturell.

TMN

Der Weg vom Bier zur Bratwurst führt über genau drei Berge. Die Bezeichnung Berge ist an dieser Stelle allerdings eine leichte Übertreibung für die Hügel, die sich wie Inseln aus den Getreidefeldern erheben. An diesen vorbei führt der Pfad den Weinberg hinauf - bis nach Arnstadt. In dem ältesten Ort Thüringens beginnt die Wanderung "Vom Bier zur Bratwurst" - die weitaus mehr als nur kulinarische Höhepunkte bietet und ungeahnte Einblicke in den Freistaat bietet.

Arnstadt ist das Tor zum Thüringer Wald und wurde 704 erstmals urkundlich erwähnt. Noch stolzer sind die 25.000 Einwohner allerdings auf Johann Sebastian Bach. Der Komponist trat 1703 in dem charmanten Örtchen seine erste Organistenstelle an. Während seiner vier Arnstädter Jahre geriet er mit den dortigen Kirchenoberen aneinander. Mal kritisierten sie seinen Spielstil, dann seine Frauengeschichten und letztlich seinen Lebenswandel. Das Bach-Denkmal des Künstlers Bernd Göbel auf dem Marktplatz zeigt dann auch einen lässigen jungen Mann, der sich auf einem Meilenstein lümmelt.

Vom Marktplatz ist es nur einen Steinwurf bis zu Bachs ehemaliger Arbeitsstätte entfernt. Die barocke Kirche ist heute nach dem Komponisten und Klaviervirtuosen benannt. Vor ihr plätschert das Wasser im Hopfenbrunnen. Denn Arnstadt ist nicht nur Bachstadt: Die Einwohner der 20 Kilometer südlich von Erfurt gelegenen Kreisstadt reklamieren auch für sich, im Jahre 1617 das erste Weizenbier außerhalb Bayerns gebraut zu haben.

Und damit nicht genug: Auch die Rostbratwurst soll ihre Wurzeln in Arnstadt haben. Die Einwohner berufen sich dabei auf die erste urkundliche Erwähnung der bekanntesten regionalen Spezialität Deutschlands - eine Rechnung des Arnstädter Jungfrauenklosters aus dem Jahre 1404 über einen Groschen für Bratwurstdärme.

Die Radwandergruppe ist wieder in Bewegung. Durch die Felder und über Kalk- und Ziegenberg geht es weiter zum Ziel der acht Kilometer langen Tour: zum 1. Deutschen Bratwurstmuseum in Holzhausen.

Wohin man auch schaut: Überall gibt es Würste. Im Garten des Geländes haben sich regionale Künstler mit der Bratwurst beschäftigt und Installationen aufgestellt. Die Besucher durchschreiten die weltweit einzige begehbare Bratwurst. Und sie können sich das "Thüringer Festmahl" anschauen, ein riesiges Bild des Karikaturisten und Grafikers Arno Funke, der einst als Kaufhauserpresser Dagobert Berühmtheit erlangte.

Merkel, Obama und Goethe an einem Tisch

Funke hat sich von da Vincis Werk "Das Abendmahl" anregen lassen und zeigt bekannte Persönlichkeiten, die um eine Tafel herum sitzen und Thüringer Spezialitäten schlemmen. Berühmte Thüringer wie Luther, Schiller oder Goethe sind ebenso dabei wie Angela Merkel als Kloßmarie und Barack Obama als Bratwurstkönig.

Im Bratwurstmuseum steht Thomas Mäuer gerade zwischen historischen Schlachtwerkzeugen und erzählt, dass jährlich 40 Millionen Thüringer Rostbratwürste produziert werden. Sie reichen aneinandergelegt zweimal um die Erdkugel. Mäuer ist der Mitbegründer des Museums, das 2006 vom Verein Freunde der Thüringer Bratwurst eröffnet wurde.

Und da auf die Wurst Senf gehört, beginnt der nächste Tag mit einem Besuch der Senf- und Kunstmühle Kleinhettstedt. Alles hier wirkt wie ein großes Freilichtmuseum. "Wir sind kein Museum, sondern ein produzierendes Denkmal", sagt Friedrich Morgenroth, der die Mühle in achter Generation führt. Der Senf aus Kleinhettstedt ist ein Exportschlager und wird nach Österreich, Italien, Japan oder in die USA verkauft. 20 Sorten hat Morgenroth im Angebot, darunter Spezialitäten wie Bärlauchsenf, Biersenf oder Nordhäuser-Doppelkorn-Senf.

Der kleine Ort mit der Senfmühle liegt direkt am 120 Kilometer lagen Ilmtal-Radweg und ist ein beliebter Zwischenstopp bei Radtouristen. Er beginnt an der Quelle der Ilm in Stützerbach im Thüringer Wald und führt in nord-östlicher Richtung nach Bad Sulza. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club hat ihm vier von fünf möglichen Sternen verliehen. Zurecht: Die Strecke ist gut ausgeschildert, und am Wegesrand liegen viele Hotels und Herbergen für Radfahrer.

Für die Liebhaber von Bier und Bratwurst mit Senf gibt es wohl kaum eine schönere Tour. Doch auch landschaftlich hat die Region viel zu bieten: Wälder, Wiesen und Weiden machen das Radfahren angenehm. Auch weniger erprobte Radler finden hier ihren Spaß.

Matthias Wenten/dpa/lei



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.