Urwälder in Europa Wie aus einer anderen Zeit

Slowakei, Italien, Spessart: Der Fotograf Matthias Schickhofer hat die letzten Urwälder Europas besucht. Er kam mit fantastischen Bildern zurück.

Ein Interview von , manager-magazin.de

Matthias Schickhofer; Brandstätter

Zur Person
  • Matthias Schickhofer; Brandstätter
    Matthias Schickhofer, 48, ist ein österreichischer Naturfotograf, Autor und Umweltschützer. Er engagiert sich seit mehr als 20 Jahren unter anderem als Kampagnendirektor bei Greenpeace.
  • Webseite Matthias Schickhofer
Frage: Herr Schickhofer, haben Sie eigentlich Angst, wenn Sie nachts allein im Urwald sind?

Schickhofer: Nein. Ich bin seit vielen Jahren immer wieder in der Wildnis unterwegs. Es macht mir nichts, wenn es Bären und Wölfe gibt. Ich bin aber auch noch keinem ganz direkt begegnet, die lassen Menschen meist in Ruhe. Einmal hat mich ein Bär aus einem Jungwuchs angeknurrt. Das war zuerst ein heftiger Schrecken, dann hab ich aber instinktiv laut mit dem Tier gesprochen und bin nicht weggelaufen. Das hat funktioniert. Der hat sich getrollt. Ich fühle mich im Wald grundsätzlich sehr daheim.

Frage: Den meisten Menschen geht das anders. Schon der römische Historiker Tacitus schrieb von "den schrecklichen Wäldern" Germaniens. Warum macht uns der Wald Furcht?

Schickhofer: Der natürliche Lebensraum der frühen Menschen war die Baumsteppe: weite, offene Flächen mit einzelnen Bäumen oder Baumgruppen. Daher kommt vielleicht auch unsere Vorliebe für Parklandschaften, das ist etwas Archaisches, das tief in uns wurzelt. Wir mögen diese Weite, diese Offenheit, aber es muss auch Verstecke geben.

Im tiefsten Innern haben wir immer noch Angst vor Beutegreifern - dabei haben wir die selbst schon fast alle ausgerottet. In der westlichen Welt hat eine Entwöhnung von der Wildnis stattgefunden, weil es hier kaum noch Wildnis gibt. Freie Natur - das kennen wir allenfalls noch aus dem Gebirge. Selbst die Nationalparks sind meist Sekundärlandschaften, die immer noch stark von der bisherigen Forstwirtschaft geprägt sind. Das ist allenfalls Urwald von morgen.

Frage: Wie lange dauert es denn, bis dieses Morgen eintritt? Bis aus einem Wald wieder Urwald geworden ist?

Schickhofer: Schwer zu sagen. Echter Urwald ist ein Wald, der sich seit der letzten Eiszeit ohne maßgeblichen menschlichen Einfluss entwickelt hat. Erst gab es Birkenwälder, Haselwälder, dann kamen Eichen - und jetzt leben wir im Zeitalter der Buche. Aber alte Buchennaturwälder muss man bei uns fast mit der Lupe suchen. Das wird Jahrhunderte bis Jahrtausende brauchen, bis es da wieder Urwälder gibt.

Immerhin: Wälder wie der Steigerwald oder der Spessart sehen schon sehr ähnlich aus wie die Buchenurwälder in den Karpaten. Da liegt Totholz, der Wald ist nicht gleichaltrig, es gibt sehr alte Bäume mit Höhlen und Spalten. Da kann sich die Artenvielfalt entwickeln. In Urwäldern leben besondere Pilze, Käfer und Vögel, die es in den jüngeren Wirtschaftswäldern nicht gibt.

Frage: Haben Sie einen Lieblingswald in Deutschland?

Schickhofer: Ganz viele. Absolut großartig ist der Bayerische Wald, da gibt es kleine Bereiche, die nie forstwirtschaftlich genutzt wurden. Das Urwaldgebiet Mittelsteighütte bietet eine in ganz Europa einmalige Konstellation: Sie trinken ein Bier in einem Biergarten, und fünf Minuten später können Sie in einen echten Urwald spazieren. Wunderschöne alte Wälder gibt es auch an der Müritz und in den Bayerischen Alpen in der Nähe von Wildbad Kreuth. Den genauen Ort möchte ich nicht verraten. Das ist wirklich eine andere Welt, wie aus einer anderen Zeit.

Frage: Welche Tageszeit ist Ihnen die liebste?

Schickhofer: Ganz in der Frühe oder spät am Abend ist das Licht besonders interessant. Das blaue Abendlicht nach Sonnenuntergang produziert interessante Stimmungen; vor Sonnenaufgang ist das Licht warm und weich, rötlich, toll zum Fotografieren. Regenwetter ist auch fantastisch: Der nasse Laubwald duftet und leuchtet, und besonders im Herbst gibt es wirklich magische Momente.

Dobrocsky, Slowakei: Mini-Urwald am Boden
Matthias Schickhofer; Brandstätter

Dobrocsky, Slowakei: Mini-Urwald am Boden

Frage: Wenn man Ihre Fotografien betrachtet, scheint Sie der Mikrokosmos mit winzigen Blüten, Pilzen und Moosen ebenso zu faszinieren wie die mächtigen Baumriesen.

Schickhofer: Der Bewuchs im Keller des Waldes ist wie eine Fantasy-Welt: Wenn alte Bäume fallen, entstehen Lichtungen, Jungwuchs kommt nach - das sind faszinierende Mikrowelten, fast Miniatur-Urwälder. Da herrscht ein grünes Zwielicht, da wähnt man sich in einem Wald wie in "Herr der Ringe".

Frage: "Verkommenheit, wie überall dort, wo die ordnende Hand des Menschen nicht hinkommt", so sah man Ende des 19. Jahrhunderts die Urwälder. Wann hat sich dieses Bild geändert?

Schickhofer: Das ist eine relativ neue Entwicklung. Früher war der Wald vor allem Lebensraum und Ressourcenquelle. Man trieb Vieh hinein und mästete die Schweine dort. Wald war Teil der Lebensgrundlage, aber er war auch gefährlich. Ab dem Zeitalter der Romantik wurden einige der letzten alten Wälder erhalten, oft als Kulisse für das Jagdvergnügen des Adels. Dass Urwald auch wissenschaftlich und ökologisch bedeutsam ist, auch für die Forstwirtschaft, das fand man erst viel später heraus.

Frage: Die letzten großen Urwälder gibt es vor allem in Osteuropa - zum Beispiel in Rumänien. Wie wird es dort weitergehen?

Schickhofer: Immer noch wird in Rumänien auch in Nationalparks geholzt, auch in Urwäldern. Das muss sich dringend ändern. Rotbuchenwälder gibt es nur in Europa. Die brauchen daher dringend besseren Schutz. Deshalb hat die Unesco auch ein Welterbe-Programm zum Schutz der europäischen Buchenwälder gestartet. In Nationalparks sollten eigentlich 75 Prozent der Fläche streng geschützte Kernzonen sein, ohne Holzeinschlag.

Frage: Und wie sieht es wirklich aus?

Schickhofer: Im Bayerischen Wald ist das auch so. In Rumänien sind aber nur 25 bis 30 Prozent der Nationalparks streng geschützt. Die Nationalparks werden von den rumänischen Staatsforsten Romsilva gemanagt; die verfolgen zuerst einmal kommerzielle Interessen und versteigern sogar Einschlagsrechte. Der große Raubbau geht auf die Kappe von Konzernen, von denen viele offenkundig korrupt sind. Statt die Urwälder umzuschneiden, könnte der Tourismus dort viel besser entwickelt werden. Es ist nämlich traumhaft schön dort, nur weiß das kaum jemand.


Matthias Schickhofer: "Unser Urwald". Brandstätter Verlag; 192 Seiten; 34,90 Euro.



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Seite 1
Tevje 06.10.2015
1. Die Bilder
sind gut gemacht - aber Aufnahmen aus einem Hudewald als "Urwald" zu verkaufen (aus dem Kellerwald) setzt schon eine Leserschaft voraus, die es Waldes unkundig ist. Auch die anderen europäischen Urwälder standen durchweg schon unter Nutzung, sind also aufgegebene Kulturwälder. Und in Deutschland sorgten Jahrhunderte nachhaltiger Forstwirtschaft für den Wald, den wir haben, und nicht das unter Schutz stellen, das derzeit romantisch beschworen wird. Nur, was einen Wert hat, bleibt erhalten, alles andere ist stets in Gefahr, Zeitlaunen zum Opfer zu fallen - siehe Palmyra.
chjuma 06.10.2015
2. etwas zum innehalten
Und nachdenken. Wenn unsere unverständliche Jagd nach ungenießbaren Euros oder Dollars beendet sein wird, die letzte Ölpfütze versiegt und die letzte Plastik tüte zersetzt ist, werden die wahren Werte der Natur, die wir bis zu unserer Selbstvernichtung außer Kraft gesetzt zu haben glauben, wieder das Leben bestimmen. Neben diesen ganzen Unsäglichkeiten der Dollarjäger aus allen Teilen der Welt, die sich hier versammeln, um heraus zu finden dass dies doch nicht das Land ist in dem Milch und Honig fließen ein fast tröstlicher Beitrag. Danke
marthaimschnee 06.10.2015
3.
Das mag für große Urwälder alles zutreffen, aber kleine Urwälder findet man außerhalb der Städte sehr häufig. Ich muß hier in Mitteldeutschland zumindest nicht wirklich lange suchen (halbe Stunde mit dem Fahrrad), um ähnliche Bilder zu machen. Das sind dann natürlich keine zig Quadratkilometergroßen Areale, meist ist man in einer Stunde durchgelaufen oder es sind nur 50x50m große Inseln auf Feldern, aber es kommt diesen Urwaldbegriff im Sinne von "Mensch kümmert sich nicht drum" schon sehr nahe.
Bueckstueck 06.10.2015
4.
Zitat von Tevjesind gut gemacht - aber Aufnahmen aus einem Hudewald als "Urwald" zu verkaufen (aus dem Kellerwald) setzt schon eine Leserschaft voraus, die es Waldes unkundig ist. Auch die anderen europäischen Urwälder standen durchweg schon unter Nutzung, sind also aufgegebene Kulturwälder. Und in Deutschland sorgten Jahrhunderte nachhaltiger Forstwirtschaft für den Wald, den wir haben, und nicht das unter Schutz stellen, das derzeit romantisch beschworen wird. Nur, was einen Wert hat, bleibt erhalten, alles andere ist stets in Gefahr, Zeitlaunen zum Opfer zu fallen - siehe Palmyra.
Das ist eine ziemlich engstirnige Denke. Natürlich gibt es genau diese Urwälder die eben nie Nutzwald waren, wie man es heute kennt. Das sind aber gut versteckte, leider viel zu kleine Fleckchen.... Weiss man aber nicht, wenn man nur den durchorganisierten deutschen Nutzwald kennt...
Christofkehr 06.10.2015
5. so what?
ich kann da jetzt keine große Fotokunst drin sehen - wir alle, die wir gerne raus in die Natur gehen, bringen oft Ähnliches mit nach Hause. Nette Idee, aber das besondere der relativ unberührten Wälder ist erst im Vergleich zu "langweiligen" Aufforstungen zu sehen ....
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