Winzer im Odinstal Besuch beim Rebenversteher

Rebstöcke werden nur bei abnehmendem Mond beschnitten - und bei Kalziummangel bekommen sie Eichenrindentee: Der biodynamische Weinanbau wird selten so konsequent betrieben wie auf Gut Odinstal in der Pfalz. Das Ergebnis sind tiefenentspannte Tropfen, fern jeder Konvention.

Weingut ODINSTAL

Von Rainer Schäfer


Wachenheim - Achtung, hier verlassen Sie die breit getrampelten Pfade der Pfalz, wo Weintouristen in Horden marschieren: Das Weingut Odinstal ist nur über einen Schotterweg zu erreichen. Die letzten Häuser des Weindorfs Wachenheim bleiben zurück, zwischen Wald und Rebbergen führt der Weg steil nach oben. Auf der Anhöhe endlich thront das Gut.

Andreas Schumann sieht müde aus, die Ringe unter den Augen lassen sich nicht verbergen. "Dieses Jahr hat Nerven gekostet", sagt er. Der 35-Jährige ist Winzer und Betriebsleiter des Weinguts. "Wir hatten noch nie so viele Erntetage", erzählt er. Das Frühjahr war kalt, die Vegetation kam nur langsam in Schwung, im Herbst setzten Regenfälle ein. Mühsam mussten sie immer wieder Trauben aussortieren.

Ein frischer Wind zieht durch die Reben, drinnen im Gutshaus knistert das Kaminfeuer. Im Odinstal herrschen besondere Bedingungen für den Weinbau: Auf 350 Metern über dem Meeresspiegel stehen die höchsten Weinberge der Mittelhaardt. Für Rotweine ist es hier oben zu kalt, die weißen Trauben reifen 20 Tage länger als unten im Tal. Durch die lange Vegetationsperiode konzentrieren sich die Aromen in den Trauben.

Dass im Weingut Odinstal biodynamischer Weinbau betrieben werden sollte, darüber waren sich Andreas Schumann und Thomas Hensel einig, als sie 2004 loslegten. Damals galten biodynamisch arbeitende Winzer noch als Sonderlinge, die sich in esoterischen und okkultischen Handlungen verlieren. Den beiden war es einerlei.

Rebschnitt nur bei abnehmendem Mond

Hensel ist Eigentümer des Weinguts, sein Geld verdient der 60-Jährige mit Immobilien. "Ich will nicht abends nach Hause kommen, und tagsüber wurde im Weinberg Gift gespritzt", sagt er. Winzer Schumann hat sich akribisch in die Biodynamik eingearbeitet. "Die entscheidende Frage für meine Arbeit lautet: Was ist gut für die Rebe?", erklärt Schumann. "Es ist nebensächlich, was gut für den Winzer ist."

Im Hof wird währenddessen in einem Metallkessel ein Hornmist-Präparat angerührt. Das soll die Durchwurzelung im Weinberg und die Verbindung von Pflanze und Boden verbessern. Wein, sagt Schumann, sollte nach dem Boden schmecken, auf dem die Rebe steht. "Das klappt am besten mit der biodynamischen Bewirtschaftung." Man schmecke die unterschiedlichen Lagen viel besser heraus, den Charakter des Basalts, des gelben Buntsandsteins und Muschelkalks.

Wie alle biodynamisch arbeitenden Winzer vergräbt auch Schumann Kuhhörner mit Präparaten wie Hornkiesel, und er orientiert sich an den Mondphasen. Der Rebschnitt etwa wird bei abnehmendem Mond durchgeführt. Schumann ist überzeugt, dass die Weine durch die Biodynamik "weicher, harmonischer und komplexer werden".

Aber auch beim Pflanzenschutz ist sie für ihn die einzige Methode. Im konventionellen Weinbau ist es üblich, chemisch-synthetische Pestizide einzusetzen. Schumann lehnt das kategorisch ab. Und das Spritzen von löslichem Mineraldünger kommt für ihn einer "Zwangsernährung der Reben" gleich. Inzwischen hätten immer mehr Winzer erkannt, dass aus einem geschundenen Weinberg keine großen Weine kommen: "Die entstehen immer mit der Natur, nie gegen sie", sagt Schumann.

Schumann umsorgt und bekocht seine Reben

Der Winzer ist kein dogmatischer Eiferer, keiner der anthroposophischen Kollegen, die ergeben den mitunter wunderlichen Vorschriften Rudolf Steiners folgen. Schumann ist ein Rebenversteher. Er studiert ihr Wesen, er umsorgt sie und kocht Tee aus Kräutern für sie. Vor Pilzkrankheiten schützt Schachtelhalmtee, gegen Kalziummangel hilft Tee aus Eichenrinde.

So konsequent wie im Odinstal wird Biodynamik selten betrieben. Schumann sucht ständig nach Wegen, um die natürlichen Prozesse weiter auszuloten. Einen seiner Weinberge hat er 2008 zum letzten Mal geschnitten. "Die Rebe ist eine Lianenpflanze, die wir Winzer zum Obstbäumchen machen", erklärt er. "Sie zu schneiden bedeutet Stress für die Rebe und beeinträchtigt die Harmonie der Weine." Schumann hat beobachtet, dass die Trauben "in völliger Freiheit" kleiner, lockerbeeriger und aromatischer werden. Allerdings sei die Ernte im Wildwuchs "gnadenlos arbeitsintensiv, mit doppelt so vielen Arbeitsstunden".

Insgesamt sind es rund 20 Hektar, die zum Gut gehören. Auf fünf Hektar werden Riesling, Weißburgunder, Auxerrois, Silvaner und Gewürztraminer angebaut. Acht Hektar Mischwald umgeben den Hof und die Grünflächen, auf denen Charolais-Rinder weiden und auch sieben Bienenvölker unterwegs sind. Biodynamik funktioniert für Schumann nur als "geschlossener Hofkreislauf". Die Fläche der "ökologischen Nische" Odinstal ist komplett arrondiert, hier stört kein Nachbar mit anderen Vorstellungen, kein Winzer, der zur Chemiekeule greift.

Auch im Keller vertraut Schumann den natürlichen Rhythmen. Er verzichtet auf Reinzuchthefen, "weil sie die Weine gleich machen". Seine Moste bleiben bei der Vergärung ungekühlt, "um ihr Temperament zu erhalten". Und wenn die natürlichen Hefen länger brauchen mit der Vergärung als erwartet, dann muss die Kundschaft eben warten.

Lichter der Großstadt flackern in weiter Ferne

Dafür bekommt sie ungewöhnliche, tiefenentspannte Weine, die eine große innere Ruhe ausstrahlen, trotzdem mit ihrer Spannung fesseln wie der Riesling Basalt mit den Aromen reifer Zitrusfrüchte. Oder der Weißburgunder vom Basalt, der Schmelz, Substanz und Tiefe verknüpft. Es sind schlanke Weine, die nicht schwer am Alkohol tragen. Da sie kaum den Konventionen entsprechen, finden sie nicht überall Freunde. Schwer tun sich vor allem konservative Kritiker.

Bei Experimentierfreudigen aber sind die Weine begehrt - und in den nordischen Ländern: Die Skandinavier lockt auch der Name Odins, des bedeutendsten nordischen Gottes, obwohl gar nicht erwiesen ist, ob das Odinstal tatsächlich nach ihm benannt wurde. Die Naturweine werden in berühmten Restaurants wie Noma und Geranium in Kopenhagen ausgeschenkt, oft sind skandinavische Sommeliers auf dem Gut zu Besuch.

Hensel hat das Anfang des 19. Jahrhunderts erbaute klassizistische Gutshaus 1998 gekauft und mit seiner Frau Ute renoviert und umgebaut. Seinen Gästen serviert er die Weine gern in der geräumigen Küche. Draußen plätschert der Brunnen, die großen Sprossenfenster bieten eine beeindruckende Aussicht: Weit entfernt, wie auf anderen Planeten, flackern die Lichter von Darmstadt, Heidelberg und Karlsruhe.

Es ist dunkel geworden, der dänische Praktikant Tobias Nilsson fährt noch mit dem Quad durch die Rebzeilen und versprüht Kräutertee. Gleich wird er belohnt mit einem Glas der Weine, an denen nicht nur Nachfahren der Wikinger Gefallen finden.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Ratzbär 17.12.2013
1. Nullsumme?
Also wird die Zeit, die durch das Nichtbeschneiden der Rebstöcke gespart wird, durch die doppelte Arbeitszeit der Ernte wieder verbraucht? Wenn der Wenn bzw. die Trauben dann einen besseren, intensiveren Geschmack haben - warum nicht so? Klingt auf jeden Fall "probierenswert". ;-) (Ganz abgesehen von den fehlenden chemischen Sprühmitteln, deren Rester sicherlich in konventionellen Weinen nachweisbar sind.)
taglöhner 17.12.2013
2. Aluhelm
---Zitat--- Damals galten biodynamisch arbeitende Winzer noch als Sonderlinge, die sich in esoterischen und okkultischen Handlungen verlieren. ---Zitatende--- Damals wie heute. Denn genau die Esoterik und okkulte Praktiken hebt sie von den anderen ab, wie sie ja auch im artikel beschrieben werden. SPON wühlt mal wieder kräftig in der Eso-Welle. Verblödungsjournalismus nenne ich sowas. Wenn Weinkunden den Hokuspokus mit bezahlen wollen und diese Weine gleichwertigen oder besseren konventionellen oder Bioweinen vorziehen ist das ihre Sache. Aber ein seriöses Magazin sollte nicht auch noch Werbung dafür machen. Ich denke mal, die Weinwirt- und -Wissenschaft wird ihnen schon den Marsch blasen.
BettyB. 17.12.2013
3. Klar doch natürlich..
Wer aber kocht "in der Natur" den Tee, wenn es Schumann nicht macht? Der "liebe" Gott?
taglöhner 17.12.2013
4. gefühlte Intensität
Zitat von RatzbärAlso wird die Zeit, die durch das Nichtbeschneiden der Rebstöcke gespart wird, durch die doppelte Arbeitszeit der Ernte wieder verbraucht? Wenn der Wenn bzw. die Trauben dann einen besseren, intensiveren Geschmack haben - warum nicht so? Klingt auf jeden Fall "probierenswert". ;-) (Ganz abgesehen von den fehlenden chemischen Sprühmitteln, deren Rester sicherlich in konventionellen Weinen nachweisbar sind.)
Ja wenn! Blöderweise wird auch im konventionellen- und noch mehr im Bioweinbau selektiv gelesen, wenn's ein besseres Gewächs ist. Und eine beliebige von hunderten alternativen Erziehungsmethoden weltweit als überlegen zu bewerten, weil Eso im Spiel ist, kann man nur als Volksverdummung bezeichnen. Und wie im konventionellen- und Bioweinbau wird auch hier kräftig Kupfersulfat als Fungizid gesprüht, sonst kann man's nämlich gleich bleiben lasen. Kann man prima im davon angereicherten Boden, aber auch im Lesegut nachweisen. Her muss man aufpassen, nicht auf Etikettenschwindel 'reinzufallen.
dont_think 17.12.2013
5. Kein dogmatischer Eiferer?
Wer Kuhhörner vergräbt, um den Nährstoffbedarf der Rebe zu decken, ignoriert den tatsächlichen Entzug durch Lese und Blattfall und schadet mittelfristig der Bodengesundheit. Wer mit Minimalschnitt oder gar keinem Schnitt versucht, die Rebe nicht zu stressen, sollte konsequenterweise das Lesegut aus Wildreben (analog Brombeeren) zusammentragen. Nur das Wildreben in die Rheinauen gehören und ein- bis zweimal im Jahr überschwemmt werden, was gleichzeitig das Nährstoffproblem löst. Das kannten schon die alten Ägypter mit ihrem Nilschlamm. Auf keinen Fall in 350m Höhe von Mischwald umgeben. Ich kann jetzt schon die "feine Champignongnote" (Pilzbefall) schmecken, die für solche Weine typisch ist. Das ist alles ein alter Hut, schon in den 1980er Jahren gab es solche Bestrebungen und nicht erst seit 2004, wie im Text angedeutet. Aber woher soll ein Immobilienmakler das wissen? Für mich sicherlich kein Reisetipp, sondern ein abschreckendes Beispiel, wie man es nicht machen sollte.
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