Fährmann auf der Elbe: Immer an der Grenze

Von Oliver Lück

Als Matrose ist Erich Butchereit um die Welt gefahren, hat Stürme auf hoher See erlebt und unzählige Häfen gesehen. Heute setzt er im brandenburgischen Lenzen viele Male täglich über die Elbe. Der 69-jährige Fährmann verbindet zwei Ufer, die noch immer mehr trennt als die bloße Entfernung.

Fährmann in Brandenburg: Holüber! Fotos
Oliver Lück

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Erich Butchereit ist kein Freund von Brücken. Er sagt: "Wo Brücken sind, dürfen sie auch bleiben. Aber wo Fähren fahren, braucht man keine Straßen auf Stelzen." Butchereit ist Fährmann und verbindet zwei Ufer miteinander, er baut quasi eine Brücke. 400 Meter liegen zwischen den beiden Ufern. Es sind Ufer, die früher zwei Länder waren. Das brandenburgische Lenzen auf der einen, Pevestorf in Niedersachsen auf der anderen Seite. Die Prignitz und das Wendland. Ost und West.

Wenn Erich Butchereit zur Arbeit geht, braucht er bloß aus der Haustür und die wenigen Meter auf dem Deich entlang zum Fähranleger zu laufen. Seit 1998 leben er und seine Frau in ihrem Haus einen Kilometer außerhalb von Lenzen, der kleinen Stadt mit ihren 2400 Einwohnern. Es ist eine ländliche Gegend ohne Industrie, die nächste große Stadt ist Schwerin, über 60 Kilometer entfernt. Die Butchereits haben keine Nachbarn und werden auch keine bekommen. Sie wohnen mitten in einem Biosphärenreservat.

Ihr Haus ist das einzige in Sichtweite, es steht direkt am Elberadweg. Regelmäßig klingeln Ausflügler bei ihnen und fragen, ob sie sich die Wasserflaschen füllen können. Aus ihrem Wohnzimmerfenster können sie auf den Fluss blicken, aus dem Esszimmer über die Elbtalauen. Nichts verstellt den Blick. Früher schon hatte hier das Haus des Fährmanns gestanden. Die Butchereits bekamen eine Sondergenehmigung, kauften das Grundstück und bauten die Ruine wieder auf. Erich Butchereit sagt: "Wenn ich abends nach Hause gehe, kann ich mich nicht verlaufen."

Auf Abenteuersuche als Matrose

Gerade rollen zwei Autos auf die kleine Fähre, dahinter führen zwei Reiterinnen ihre Pferde an Bord. Bis 29,9 Tonnen kann die "Westprignitz" befördern. Erich Butchereit übernimmt jetzt das Steuer und löst seinen Mitarbeiter ab. Er hat zwei Angestellte. Von Anfang Mai bis in den Spätsommer hinein fahren sie von 6 bis 21 Uhr, in Früh- und Spätschicht. Sieben Tage die Woche. Drei Minuten dauert die Überfahrt. Einen Fahrplan gibt es nicht. "Wir fahren auf Sicht, nach Bedarf", erklärt der 69-Jährige. Und nicht selten muss er leer übersetzen, wenn am anderen Ufer Wartende zu sehen sind. Der Diesel für eine Tour kostet ihn vier Euro. "So kann man nicht reich werden", sagt er.

Erich Butchereit ist dennoch kein Mann, der leicht aus der Ruhe zu bringen wäre. Er sagt, der Blick auf das Wasser beruhige ihn. Er trägt eine schwarze Prinz-Heinrich-Mütze, die seine Glatze versteckt, dazu einen dunkelblauen Troyer, Jeans und Turnschuhe. Mit 15 Jahren lernte er auf der Schifferschule in Schönebeck bei Magdeburg. Auf der Elbe. Für drei Jahre. Doch der zweitgrößte deutsche Strom war ihm schnell zu klein geworden. Er wollte weiter weg - aufs Meer. "Ich war abenteuerlustig."

Nach seiner Zeit bei der Armee bewarb er sich bei einer Reederei und wurde genommen. Zehn Jahre fuhr er als Matrose zur See. Auf Handels- und Forschungsschiffen. 1966 ging er auf seine erste große Fahrt: vier Monate nach Indonesien und zurück. Es folgten viele Reisen, darunter Indien und Uruguay, Argentinien und Brasilien - er hat die halbe Welt gesehen. "Ein großes Privileg in der damaligen DDR."

Der Dieselmotor dröhnt, der Kaffee vibriert in der blauen Plastiktasse. In steter Regelmäßigkeit schieben sich die langen, flachen Binnenschiffe vorbei. Unten schlägt der Puls des Flusses, unaufhörlich und immer in Bewegung. Oben steht Erich Butchereit im Ruderhaus und erzählt von der Seefahrt. Vom Nordatlantik, wo sie vor Grönland mit ihrem Schiff mal 14 Tage gegen den Wind ankämpften, keinen Meter vorankamen und fast gekentert wären. Er erzählt von meterhohen Wellen und von Bombay, wie er bei 40 Grad das Deck schrubbte.

Seit 1990 im Pendeldienst

Nach seiner Zeit auf See arbeitete Erich Butchereit bei der Wasserwirtschaft in der Einsatzbrigade. Er war für den Hochwasserschutz zuständig, sicherte die Deiche und nahm Wasserproben. Schon damals war er fast täglich auf der Elbe. Und sehr schnell nach dem Mauerfall hatte er die Idee, eine Elbfähre einzurichten. Bis Kriegsende 1945 hatte es in Lenzen schon einmal eine Fährverbindung gegeben. Im Auftrag der Stadt kaufte er eine ausrangierte Fähre in Koblenz. Drei Wochen dauerte die Überführung den Rhein hinunter, auf dem Mittellandkanal, dem Elbeseitenkanal und weiter die Elbe hinauf.

Es musste viel renoviert und umgebaut werden. Doch am 26. März 1990 brachte die "Westprignitz" zum ersten Mal Passagiere über die Elbe. Und bis Oktober 1992 war Erich Butchereit noch bei der Stadt angestellt, dann pachtete er die Fähre auf eigene Kosten, was ein großes Wagnis war: Zwei Monate später wurde die Dömitzer Brücke - 20 Kilometer elbabwärts - feierlich eröffnet. Seine Einnahmen gingen um zwei Drittel zurück.

Vor dem Bau der Brücke warteten morgens um sechs schon 18 Autos. Den ganzen Tag ging es hin und her. Ohne Pause. "Heute", sagt er, "ist der Winter hart. Der Sommer hält uns über Wasser." Viele Touristen fahren dann über die Elbe. Jetzt allerdings, Ende April, sind erst wenige Ausflügler unterwegs. Erich Butchereit kennt die meisten der Passagiere. Es sind Stammkunden, Pendler, die eine Wochen- oder Monatskarte haben. In Schnackenburg, zwölf Kilometer den Fluss hinauf, kreuzt die nächste Fähre, insgesamt gibt es noch 45 Elbquerungen dieser Art in Deutschland.

Erich Butchereit sagt: "Auf meiner Fähre lerne ich viele Menschen kennen." Drei Minuten verbringt er mit diesen Menschen auf der Elbe. Drei Minuten, die manchmal tief blicken lassen. "In den Köpfen gibt es die Grenze noch immer", sagt er, "viele unterscheiden noch immer zwischen Menschen aus dem Osten und aus dem Westen. Das ist schade." Er selber hat das nie getan. "Dafür bin ich zu weit gereist." Manchmal wird er auf die einstige Grenze angesprochen, und dass er als Fährmann in gewisser Weise heute noch zur deutsch-deutschen Völkerverständigung beitrage. Seine Fahrgäste stellen dann Fragen, und Erich Butchereit erzählt ein bisschen, wie das damals so war, vor der Wende.

Die Elbe ist sein Urlaubsort

Eine drei Meter hohe, schwarze Wand aus Streckmetall und Stacheldraht stand mitten auf dem Deich. Es gab einen 500 Meter breiten, sogenannten Sicherheitsstreifen mit freiem Sicht- und Schussfeld. An die Elbe durfte man nur mit einem Passierschein. Fluchtversuche waren auch in Lenzen nicht selten. Einmal sind zwei Schornsteinfeger durch den Fluss geschwommen. Butchereits Schwester gelang mit ihrem späteren Mann 1962 die Flucht über das Eis der Elbe. Einer muss bleiben, hatten die Geschwister immer gesagt, damit die Eltern im Alter versorgt sind. Auch Erich Butchereit hatte manchmal mit dem Gedanken gespielt, die Seiten zu wechseln - doch seine zwei Jahre jüngere Schwester war schneller. Sie lebt heute in Australien.

Fragt man ihn, wie lange er noch Fährmann sein wird, muss er lachen. Seine Frau sagt: "Mein Mann ist ein arbeitswütiger Rentner." Er sagt: "So lange es noch geht, bis der Arzt sagt, dass Schluss ist." Für heute ist Schluss. Es ist fast dunkel. Er steuert die Fähre an den Anleger, drückt einen Knopf und der Motor geht blubbernd aus. Erich Butchereit sagt "blubb, blubb, blubb", packt seine Sachen und geht von Bord. Einige Angler stehen am Ufer und gehen auf Zander, Hecht und Wels. "Die Elbe hat sich gut erholt in den letzten 20 Jahren", sagt der Fährmann, "der Fluss reinigt sich selbst."

Manchmal, wenn gerade keine Passagiere in Sicht sind, nimmt er das Fernglas zur Hand und beobachtet Graureiher und Kraniche, Seeadler und Biber. Die Elbe ist Butchereits Heimat geworden. Die Elbe ist sein Arbeitsplatz. Die Elbe ist sein Urlaubsort. Er nickt, verabschiedet sich und geht in Richtung Haus auf dem Deich.

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1.
mitch72 02.05.2012
Ein sehr schöner Artikel. Da ich selber aus Stendal komme weiss ich, dass die Gegend Altmark/Wendland/Prignitz zwar tot, dafür aber wunderschön ist. Ich wünschte nur, mehr Urlauber aus Berlin/Hamburg oder mal aus dem süddeutschen Raum würden sich hierher verirren. Dem Fährmann immer eine handbreit Wasser unterm Kiel wünsche ich, der nun leider auch in der Schweiz lebt.
2. Dieselfähre?
alexausroßlau 02.05.2012
Warum denn eine Dieselfähre? Eine Gierfähre tut es doch auch (siehe Aken oder Coswig). Eine Gierfähre braucht keinen Treibstoff, nur etwas Strom.
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Zur Person
Nadide Fuchs

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.

Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.

Webseite Lück und Locke


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