Brocken in Sachsen-Anhalt: Wetterfrosch vom Blocksberg
Wenn der Schnee an den Bäumen klumpt und der Nebel am Fenster gefriert, dann ist Ingo Nitschke glücklich. Denn dann ist er fast alleine am höchsten Berg Norddeutschlands. Seit 34 Jahren arbeitet er auf dem Brocken als Wetterbeobachter und ist inzwischen eine echte Größe am Gipfel.
Ingo Nitschke mag den Vergleich mit Reinhold Messner nicht. Er sagt: "Das ist nicht nett. Das ist zu einfach." Das stimmt - wobei eine gewisse Ähnlichkeit nicht wegzudiskutieren ist. Ingo Nitschke brummt mit seiner tiefen Stimme wie ein Bär und stapft mit seinen 1,93 Meter immer auch ein wenig tapsig durch das Leben. Er hat lange, graublonde Locken, die aussehen, als hätte sie ein Sturm gekämmt. Sie wippen lustig hin und her, wenn er erzählt.
Und er muss - wie Messner auch - bereits bärtig auf die Welt gekommen sein. Dazu trägt er eine Brille, einen weißen Frosch als Anhänger an einem Lederband um den Hals und einen giftgrünen Pullover, dessen Marke gut zu ihm passt: Mammut. Der 51-Jährige ist eine echte Größe hier am Brocken, dem mit 1141 Metern höchsten norddeutschen Gipfel, der einst ein geteilter Berg war und heute auf der Grenze von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen liegt.
Seit 34 Jahren arbeitet Ingo Nitschke hier oben im Hochharz. Er ist Wettertechniker, das heißt, er beobachtet das Wetter: Niederschlag, Temperatur, Luftdruck, Schneehöhe, Windgeschwindigkeit. Alle halbe Stunde meldet er dem Deutschen Wetterdienst seine Messergebnisse. Sieben Männer besetzen im Schichtdienst die Wetterwarte, die seit 1895 steht und die mit ihrem markanten Turm auch aus großer Entfernung gut zu sehen ist.
"Nur der Berg und die Tiere"
Heute allerdings nicht: Dichtes Schneetreiben nimmt die Sicht. Nebel hat sich zusätzlich über den Berg gelegt. Windschiefe, dürre Fichten krümmen sich unter der Last des Schnees und sind zu Wesen mit verkrüppelten Armen mutiert. Es dämmert. Einige unbeirrbare Touristen schwanken als dunkle Gestalten auf dem Gipfel umher. Das Fauchen und Zischen der alten Dampflok, die mehrmals täglich auf schmalspurigen Gleisen 16 Kilometer den Blocksberg hinaufschnauft, klingt wie von einem heiseren, wilden Tier.
Ingo Nitschke sitzt derweil im Turm an seinem Schreibtisch mit den Monitoren, auf denen die Schneefront als rote Fläche über Norddeutschland hinweg zieht. Sein Fenster ist fast vollständig mit Eiskristallen zugewachsen. "Mit Nebel sind wir Spitzenreiter in Europa", sagt er, "306 Tage im Jahr! Und 2007 hatten wir fast 3000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter." So kann nur einer reden, den extreme Wetterphänomene faszinieren. Nitschke sagt: "Verrücktes Wetter macht mir Spaß."
Schlimm findet er dagegen, wenn an strahlend schönen Sommertagen oder am Tag der Deutschen Einheit 20.000 Touristen und mehr die Kuppe stürmen, ihren Müll liegen lassen und für Erbsensuppe anstehen. Dann sehnt er sich nach dem Sonnenuntergang, wenn es wieder ruhiger wird, die Füchse herauskommen und er seinen Fotoapparat in die Hand nehmen kann: "Lange Schatten, rotes Licht, nur der Berg und die Tiere."
"Mauer weg!"
Nitschke erzählt aber auch, dass es richtig unheimlich werden kann, wenn bei 200 km/h und mehr der Turm ins Wanken gerät. Jetzt bläst der Wind mit moderaten 95 km/h. Und die Frösche in den Regalen wackeln bereits leicht hin und her - über 800 sind es mittlerweile. Erst kürzlich hat er alle mal geputzt. Als er hier oben anfing, bekam er zwei Wetterfrösche von seiner Nachbarin geschenkt. Und nach der Wende, als immer mehr Besucher kamen, wurden es auch immer mehr Frösche.
Sein Leben lang ist der Wettermann mit dem Berg verbunden. Der Raum, in dem er heute sitzt, war früher sein Spielzimmer und ist heute sein Arbeitszimmer. Schon seine Eltern waren beide in der Station tätig. Wie sie musste auch Nitschke sich zu DDR-Zeiten den Platz hier oben mit bewaffneten Grenzposten teilen. Die Mauer verlief quer über den Brocken, der zu einem Symbol der deutschen Teilung wurde. Genauso wie ein Bild von Ingo Nitschke und seiner Frau Corina, das um die Welt ging und heute in allen Geschichtsbüchern auftaucht. Er holt das Foto aus der Schublade.
Die beiden waren damals auf das Dach des Turmes gestiegen und hatten ein Transparent gespannt. Zwei Worte und ein Ausrufezeichen hatten sie auf das Bettlaken gemalt: "Mauer weg!" Am 3. Dezember 1989 war das. Und unten standen 6000 Demonstranten, die aus den umliegenden Dörfern des Harzes in einem Sternmarsch auf den Gipfel gekommen waren, um den Brocken zu befreien, der auch drei Wochen nach Mauerfall noch immer militärisches Sperrgebiet war. Die Menschen sahen die Botschaft und wussten nun, dass auch da oben welche von ihnen waren. Und die Grenzer öffneten die Tore, die sich nie wieder schließen sollten.
"Der Brocken, das Wetter, die Huskys"
Die Nitschkes wohnen in Schierke, 700 Einwohner, am Südostfuß des Berges auf einem idyllisch gelegenen Campingplatz am Waldrand mit Blick auf den Brocken. Ihrem Campingplatz. Sie hatte ihn vor zehn Jahren gefragt: "Hasi, baust du mir einen Campingplatz?" Er hatte geantwortet: "Ja, mach' ich!" Nach drei Jahren war er fertig, dann eröffneten sie. Zeltplätze, Stellplätze für Wohnmobile, kleine Holzhütten in Bullerbürot gestrichen. Jeden Tag im Jahr haben sie geöffnet. Gäste sind immer da. Auch im Winter. Outdoorverrückte, die bei jeder Witterung im Zelt schlafen.
In der Hütte gleich vorne beim Eingang, wo auch die Rezeption untergebracht ist, hängen große Fotos an der Wand, die die Nitschkes auf Tour zeigen. Jedes Jahr verreisen sie mindestens einmal und oft mit dem Fahrrad. 1983 auf dem Tandem bis zum ungarischen Balaton. 2002 ans Nordkap. 2009 Polarkreis und Lofoten. Gerade waren sie mit ihren Hundeschlitten zwei Wochen im Norden Dänemarks. Seit zehn Jahren haben sie ihre Huskys. Keine Stoppuhr, keine Hunderennen - "nur zum Spaß", sagt Ingo Nitschke.
Und dann fasst er zusammen, was wirklich wichtig ist: "Der Brocken, das Wetter, die Huskys, der Campingplatz, unsere Radtouren, ein bisschen Skifahren - das ist unser Leben. Und das reicht uns auch."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Reise
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Deutschland
- RSS
- alles zum Thema 16 Länder, 16 Leben
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Dienstag, 12.03.2013 – 06:17 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 10 Kommentare

Oliver Lück, Jahrgang 1973, lebt als freier Journalist und Fotograf zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein. Für die SPIEGEL-ONLINE-Serie "Lück und Locke" war er mit Hund und Wohnmobil in Europa unterwegs.
Für "16 Länder, 16 Leben" wird Lück jeden Monat aus einem anderen deutschen Bundesland berichten.
Webseite Lück und Locke
- Oliver Lück:

Neues vom Nachbarn
26 Länder, 26 Menschen.Rowohlt Taschenbuch Verlag; 320 Seiten; 9,99 Euro.
- Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.
- Zehn Routen im Schnee: Die schönsten Loipen Deutschlands (29.12.2011)
- Winterausflug zum Brocken: Harz-Tour mit Lok und Grog (03.12.2011)
- Leidingen im Saarland: Ein Dorf, zwei Länder (14.11.2012)
- Bremens einsame Insel: Einmal Wildnis und zurück (27.07.2012)
- Besuch in Thüringen: Der Stockmacher von Lindewerra (17.12.2012)
- Reisekneipe in Dresden: Die Fernwehschmiede (02.01.2013)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT REISE
-
Reisefotos
Wo die Welt am schönsten ist: SPIEGEL ONLINE zeigt, warum es sich lohnt, auf Reisen zu gehen. -
Die Welt als Quiz
Reiserätsel: Wie gut kennen Sie sich aus in Ihrem Urlaubsland? Testen Sie Ihr Wissen! -
Abgetaucht
Faszinierende Unterwasserwelt: Die schönsten Tauchreviere von Ostsee bis Pazifik -
Interaktiv
Die Welt entdecken: Unsere Leser geben ihre besten Reisetipps weiter - und Sie können mitmachen! -
Reiserecht
Ihr gutes Recht: Wie viel Geld bringt eine Kakerlake? Wie eklig darf ein Hotelzimmer sein?

