Currywurstfestival in Neuwied Blattgold mit scharf

Ketchup war gestern. Heute tunkt der Currywurstfan seinen Lieblingssnack in Lakritzsoße oder Mangomarinade. Beim Foodie-Treffen im rechtsrheinischen Neuwied gibt es sogar Bratwurst mit Blattgold.

Von Michael Lenz

Simon Zimpfer

Erics Lippen sind taub. Er hat gerade eine Currywurst verspeist, die mit 16 Millionen Scoville-Einheiten als "teufelsscharf" gilt. "Bei mir brennt alles, mein Kreislauf spielt verrückt", sagt der 20-Jährige. Zubereitet hat den feurigen Snack Florian Häfner, der beim 10. Fest der Currywurst in Neuwied mit seinem Wurststand "Scharfer Zipfl" dabei ist. Mit Scoville-Einheiten wird der Schärfegrad von Chili gemessen, und 16 Millionen Einheiten sind so ziemlich das Äußerste, was ein gesunder Mensch vertragen kann.

Eric ist trotz der Qualen glücklich. "Letztes Jahr habe ich mich nicht getraut", gesteht der junge Mann, der zusammen mit seinen Freunden Yannik und Marcel zum Currywurst-Treffen in die Residenzstadt der Fürsten zu Wied gekommen ist.

Der "Scharfe Zipfl" aus Bayern ist eine von über 30 Buden, in denen jedes Jahr am letzten Januarwochenende im rechtsrheinischen Neuwied Currywürste brutzeln. 150 verschiedene Soßen gibt es hier zu probieren, sie machen aus Deutschlands wohl beliebtestem Snack wahre Deluxe-Kreationen. Da wäre zum Beispiel die Currywurst nach "Ostfriesenart" - serviert mit Cocktailmeerettichsoße und Nordseekrabben -, die indische Variante mit Bananen-Curry oder für den statusbewussten Gast die "Currywurst Goldeneye" mit 24 Karat Blattgold.

Streetfood liegt im Trend. In Berlin und Hamburg versammeln sich bei Genussfestivals regelmäßig Foodtrucks, um sich im Braten von Burgern, Falten von Tortillas und Köcheln südamerikanischer Fischeintöpfe zu messen. Das Foodie-Treffen in der 65.000-Einwohner-Stadt Neuwied findet bereits zum zehnten Mal auf dem Luisenplatz statt.

800 Millionen Currywürste pro Jahr

Die Currywurst wurde erst als darmlose Wurstart "Spandauer ohne Pelle" 1949 durch die Berlinerin Hertha Heuwer bekannt und hat seitdem als Fastfoodklassiker das Speiseverhalten von Groß- und Kleinstadtmenschen revolutioniert. Die Deutschen verzehren jährlich mehr als 800 Millionen dieser kalorienreichen, kleingeschnittenen, oft in Öl frittierten, in Pappe servierten Würste in klebriger roter Soße mit fettigen Pommes. Herbert Grönemeyer hat sie besungen, das Currywurstmuseum in Berlin befasst sich mit der Geschichte der Wurst, die mal mit, mal ohne Darm, als Brüh- oder Bratwurst, als Biowurst oder Phosphatbombe daherkommt.

Der ehemalige Prolo-Snack hat sogar die gehobene Gastronomie erobert, in der Brasserie des Parkrestaurants Nodhausen zum Beispiel. "Auf Bitte von Gästen servieren wir schon mal Currywurst als Mitternachtssnack", erzählt Sternekoch Florian Kurz, einer der Juroren des Festivalwettbewerbs "Extrawurst 2016".

Wurst mit Champagner-Trüffel-Soße

Die Neuwieder Schaustellerfamilie Meyer gehört seit Jahren zum Inventar des Currywurstfestivals und gilt als Pionier der Soßenvielfalt. "Anfangs gab es auf dem Festival nur die traditionelle Currywurst", erzählt Ingrid Meyer. "Wir wollten etwas Abwechslung." Auf einem Probierteller mit zehn Soßen gibt es neben Currywurst mit Bolognese, Currywurst mexikanisch oder Currywurst mit Spinat auch die neue Kreationen "Woscht & Chips" - im Bierteig ausgebackene Wurststücke mit Pommes und Minzsoße. "Wir haben uns von den englischen Fish & Chips inspirieren lassen", sagt Meyer. Was sie selbst von Currywurst mit Lakritzsoße und anderen Kreationen hält? "Also, isch wollt des net de ganse Sommer mache", gesteht Meyer.

Auch andere Anbieter haben originelle Zusammenstellungen auf der Karte: Das Neuwieder Food Hotel, erstmalig bei dem Currywurstgelage, kredenzt Pommes mit Rote-Bete-Himbeer-Dressing. An einem anderen Stand gibt es Currywurst mit Champagner-Trüffel-Soße.

Am schwarzen Verkaufswagen des hippen Veggiewerks aus Koblenz diskutiert Chef Dominik Fuchs mit Gästen, mit welcher Soße er die vegane Wurst aus Weizeneiweiß ins Rennen um die "Extrawurst 2016" schicken soll. Die Entscheidung fällt knapp für Mango-Ingwer aus und gegen Schoko-Rotwein oder BBQ-Jack-Daniels. Die Veganer können im Wurstwettbewerb nicht punkten, obwohl Sternekoch Kurz beim ersten Biss spontan sagte: "Die Wurst ist schon mal gut." Erst später dämmert es ihm, dass sie nicht aus Fleisch war - und er korrigiert: "Das sind keine Currywürste."

Einstimmig erklären Kurz und seine vier Jurorenkollegen ein Gericht vom "Scharfen Zipfl" zur Extrawurst 2016. Das Publikum applaudiert. Florian Häfner freut sich riesig über seine Siegerwurst "Laos", Stufe 2, mit maximal einer Million Scoville. Sie ist mit einem Hauch Zitronengras gewürzt.

Eine milde Variante im Vergleich zu dem, was zuvor bei Erics Chili-Mutprobe in der Pappschale lag. Ein Erinnerungsfoto mit dem Bratmeister schafft er gerade noch. Dann eilt er zum Getränkestand.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Rohrspatz 01.02.2016
1. Blattgold
Blattgold auf der Currywurst gibts bei uns in Düsseldorf schon länger. Wems schmeckt...
p2063 01.02.2016
2.
die Wurst hatte mit Sicherheit keine 16 millionen SCU, denn das würde reinem Capsaicin entsprechen. dazu kommt noch, dass ohnehin ab einem gewissen Wert eine Sättigung der Rezeptoren eintritt und man gar keinen unterschied mehr schmecken kann.
k70-ingo 01.02.2016
3.
Na, wann wird der erste "Pfui, pöhse neoliberale Dekadenz"-Kommentar wohl kommen? Den Empörten sei der Hinweis gegönnt, daß Danziger Goldwasser bereits seit 500 Jahren bekannt ist und in gutsortierten japanischen Lebensmittelgeschäften Blattgold zum Streuen über festliche Mahlzeiten angeboten wird.
trader_07 01.02.2016
4. Wem die Currywurst...
Zitat von RohrspatzBlattgold auf der Currywurst gibts bei uns in Düsseldorf schon länger. Wems schmeckt...
Wem die Currywurst an sich schmeckt, dem schmeckt sie auch mit Blattgold. Blattgold hat keinen Eigengeschmack.
Alfr. Tetzlaff 01.02.2016
5. Currywurst aus Bayern???
Currywurst aus Bayern? Ausgeschlossen. Das wäre ja wie Weißwürste aus Berlin. Die Weißwürste heißen jedoch in der Hauptstadt die grauen Schwestern oder rasierte Mäuse oder einfach nur Dreckschläuche. Der Berliner Ureinwohner isst jedenfalls sowas nicht... Scharf, das will ich wohl glauben. Das war´s dann aber auch.
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