Bauarbeiten bei der Bahn Extra zahlen für den Umweg

Mehr als eine Stunde länger dauert die Fahrt - und dann ist das Ticket noch teurer: Bei der Bahn müssen Kunden unter Umständen für Baustellen zahlen. Fahrgastvertreter sind empört.

Bauarbeiten an einer Bahnstrecke
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Bauarbeiten an einer Bahnstrecke

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Ulrich V. kennt die Strecke Nürnberg-Stuttgart genau, seit 20 Jahren fährt er mehrmals im Monat zwischen den beiden Städten hin und her. V. hat die Route im Kopf, die Abfahrtszeiten - und den Preis. So fällt ihm im Juni 2017 sofort auf, dass die Fahrkarte auf einmal fast 30 Euro kostet und nicht wie sonst nur etwa 20 Euro.

Der Grund: Die eigentliche Strecke ist wegen Bauarbeiten gesperrt. V. muss deshalb einen Umweg über Augsburg fahren und dort umsteigen. Das dauert insgesamt 80 Minuten länger. Und es ist teurer.

"Das geht gar nicht", sagt Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. Kunden dürften nicht für Umwege aufgrund von Baustellen zur Kasse gebeten werden. "Wer mehr bezahlt hat, sollte sich an die Bahn wenden und eine Erstattung fordern", sagt Naumann.

"Warum muss ich den Aufpreis bezahlen?"

Auch die Deutsche Bahn erklärt auf Nachfrage, Fahrgäste müssten in der Regel keine Mehrkosten durch baustellenbedingte Umleitungen tragen. Kunden, die von Preissteigerungen aufgrund von Baustellen betroffen seien, könnten sich die Differenz zum ursprünglichen Preis erstatten lassen, teilt das Unternehmen mit.

Eigentlich.

Denn genau das hat V. vergeblich versucht. Zwar hat seine Firma die Fahrkarte bezahlt, doch V. fühlte sich ungerecht behandelt. "Warum muss ich den Aufpreis für eine Strecke bezahlen, die ich wegen einer getauschten Weiche fahren muss?", schrieb der Kunde Ende Juni 2017 in einer E-Mail an den DB Kundenservice.

Was folgte, war eine Kaskade von Telefonaten und E-Mails. Über acht Monate lang wurde sein Fall zwischen dem "DB Kundendialog" und dem "Servicecenter Fahrgastrechte" hin- und hergereicht, jedes Mal entschuldigte sich die Bahn bei ihm - nur eine Erstattung gab es nicht.

Baustelle
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"Höherwertiges Produkt"

Im Februar 2018 kam die endgültige Absage. "Es ist manchmal nötig, dass Umwege oder Umleitungen in die Reiseroute mit aufgenommen werden müssen", schrieb die Bahn. "Jedoch haben Sie dieser Reiseroute auch bei Ihrem Kauf zugestimmt."

Auf SPIEGEL-Anfrage bekräftigt der Konzern diese Haltung. Die IC-Verbindung sei zum Zeitpunkt der Buchung nicht angeboten worden - wegen der Baustelle. Bei der alternativen Verbindung über Augsburg habe es sich um ein "höherwertiges Produkt" (ICE) gehandelt, so komme der Preisunterschied zustande. Der Kunde habe sich "bewusst für diese Reise entschieden".

Doch wie "bewusst" ist so eine Entscheidung, wenn der Fahrgast beruflich nach Stuttgart muss und seine eigentliche Verbindung nicht mehr existiert? Und kann man wirklich von einem "höherwertigen Produkt" sprechen, wenn die Reise mehr als eine Stunde länger dauert und der Fahrgast einmal mehr umsteigen muss?

SPIEGEL ONLINE; Quelle: Deutsche Bahn AG

Es zeigt sich: Ob ein Fahrgast für einen Umweg bezahlen muss oder nicht, lässt sich pauschal nicht sagen. Entscheidend ist laut Bahn der Fahrplan zum Zeitpunkt der Buchung:

  • Ist die Baustelle noch nicht in den Fahrplan integriert, bekommt der Kunde die Mehrkosten erstattet. Bei einem Umweg von mehr als einer Stunde greift dann sowieso die gesetzliche Entschädigung. Auch wenn eine andere Route gefahren werden muss als ursprünglich gebucht, erhält der Fahrgast die Differenz zurück. Die Bahn empfiehlt, bei Online-Buchungen den "Verspätungsalarm" zu aktivieren, Kunden würden dann etwa über neue Baustellen auf ihrer Route informiert.
  • Ist die Baustelle aber bereits eingeplant, gibt es keinen Anspruch mehr. Der Kunde akzeptiert mit seiner Buchung dann, dass die Fahrt länger dauert - und gegebenenfalls auch teurer ist, wenn eine andere Route gefahren wird. So wie im Fall von V., bei dem es sich um einen seltenen Fall handele, so der Konzern.

Allerdings muss ein Umweg gar nicht immer teurer sein. So wird etwa Anfang September auf der Schnellfahrstrecke von Köln nach Frankfurt gebaut, die ICEs werden über die deutlich langsamere Rheinstrecke umgeleitet. Diese Baustelle wird nach Auskunft der Bahn Ende Juni in den Fahrplan integriert, die Fahrt dauert dann 90 Minuten länger, soll aber nur 52 Euro kosten statt 75 Euro wie sonst.

Ärgern dürften sich alle Kunden, die sich bereits eine Fahrkarte für den Normalpreis gekauft haben. Diese Fahrgäste können sich jedoch laut Bahn die 23 Euro Differenz erstatten lassen.

Und hoffen, dass das dann schneller klappt.



insgesamt 52 Beiträge
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Spiegulant 25.06.2018
1. Erstaunlich
Es ist erstaunlich - bei der Bahn aber dann auch wieder nicht - dass ein Unternehmen wegen solcher popeliger 10 Euros sich seinen Ruf gründlich ruinieren will. Auch diese bürokratische Spitzfindigkeit, Baustellen in den Fahrplan einzuplanen, um damit dann abzukassieren, erfreut natürlich die Kundschaft und schafft Loyalität und Beliebtheit.
adrianhb 25.06.2018
2.
In Berlin bekommt die Bahn sehr oft den Anschluss in Karow an die Niederbarnimer Eisenbahn nicht hin. Es gibt im Falle des Falles kein Ansagen per Lautsprecher und die Informationen im Internet sind unzuverlässig. Wenn man dann den letzten Zug verpasst hat und bei der Kundenhotline anruft, wird empfohlen, ein Taxi zu nehmen und sich den Preis dafür zurückerstatten zu lassen. Die Rückerstattung wurde dann aber abgelehnt! Obwohl in einem Service-Center bei der S-Bahn eingereicht. Die NEB wiederum bekommt es oft nicht mit, wenn sie in den Bahnhof einfährt, obwohl die S-Bahn noch nicht da war. Obwohl die Bahn abends ca. 30 Minuten in Sichtweite des Bahnhofs wartet. Wenn man darauf anspricht, heißt es, man könne da nichts machen. Und das ist nur die Situation bei normalen Fahrplan - bei Ersatzverkehr wird's noch schlimmer.
olli08 25.06.2018
3. Der Weg ist das Ziel !
Ich verstehe die Aufregung nicht. Es gehörte schon immer zu Selbstverständnis der Bahn, ihre Kunden möglichst lange (in Zeit und Strecke) reisen zu lassen. Möglichst schnell von A nach B? Blödsinn, darunter leiden Umsatz, Auslastung und Personenkilometer! Wenn dem Pöbel dies nicht gefällt, so wähle er doch ein anderes Verkehrsmittel ...
arno38 25.06.2018
4. Nun ja, die Kosten steigen ja auch
Ich finde es relativ naheliegend, dass mit steigender Strecke oder höherwertigen Zügen die Kosten steigen und die Bahn das auf die Fahrgäste umlegt. Ich habe doch nicht ein lebenslanges Anrecht auf gleichbleibende Zugverbindungen.
danielneu 25.06.2018
5.
Es gibt ja ganz offensichtlich eine gewisse Neigung, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Deutsche Bahn zu schimpfen. Oft sicherlich berechtigt, aber in diesem Fall finde ich das Verhalten und auch die Argumentation der DB vollkommen in Ordnung und logisch. Im Übrigen würden Bus- und Flugunternehmen bei Streckenänderungen (egal ob aufgrund von Baustellen oder aus anderen Gründen) ganz genauso handeln.
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