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Mein Lieblingswinterziel Barfuß auf Baltrum

Ostfriesland Tourismus

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Wir waren gerade volljährig, als wir zu acht mit pickepacke vollen Autos vom Ruhrgebiet gen Baltrum fuhren, um dort Silvester zu feiern. Das ist weder geografisch, noch - gerade in dem Alter - als Idee naheliegend: Anfang der Achtziger kochte der Pott doch zum Jahreswechsel!

Feuerwerkstechnisch kam da manches zum Einsatz, das wahrscheinlich unter das Kriegswaffenkontrollgesetz hätte fallen müssen. Zwischen Nachbarn wütete das Wettrüsten: Lauter, bunter, schriller, mehr, hieß die Devise. Die Augen tränten vom Schwefelrauch, die Lunge brannte und manchmal auch die eine oder andere Hose.

Und jetzt also Ostfriesland? Baltrum im Winter? Wir alle waren Großstadtkinder. Wir suchten den Gegensatz, Ruhe, die Un-Stadt, stille, schwarze Nächte. Wir wollten Sterne sehen, keine Lichtermeere und Schlagende Wetter. Entschleunigung, würde man heute sagen.

Der Plan ging auf: Schon der Hinweg geriet zu einer Fahrt in den Winter. Es schneit nicht oft dort oben im Norden, aber wenn, dann wird es bannig kalt. Der niedersächsische Blizzard setzte schon im Emsland ein, der Schnee flog waagerecht, als wir endlich auf dem friesischen Deich standen.

Die Insel selbst hatte man offenbar weitgehend evakuiert, was uns aber nicht störte. Eine Kneipe bot Wärme und Kaffee mit Bohnensopp (in Rum oder Weinbrand getränkte Rosinen). Ansonsten gab es nur Wind und Schnee und das winterflache Meer um uns herum.

In der Silvesternacht sah man fern übers Watt ein paar Raketen aufsteigen, zu hören war nur der kalte Wind. Und wir, in der Einsamkeit oben auf dem Deich, schreiend, keuchend und kichernd: Wir feierten mit einem mitternächtlichen Wettlauf, barfuß durch den Schnee. Schmerzhaft und schön.

Und dann entschleunigten wir gänzlich. Am Folgetag fuhr die Fähre nicht. Im menschenleeren Hafen schimmerte matt eine Eisdecke auf dem Wasser. Wir riefen zu Hause an, dass wir wohl nicht ganz pünktlich sein würden. Es wurden zwei Tage voller Spaziergänge, die immer mit der gleichen Frage begannen: "Sollen wir noch mal gucken gehen, wie es im Hafen aussieht?"

Jo, sagten wir wortkarg. Der Wind pfiff, der Schnee fiel, und irgendwann kam ein Schiff.

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7 Leserkommentare
michaelkaloff 03.12.2013
BitteMitSenf 03.12.2013
Dengar 04.12.2013
OmaGeddon 04.12.2013
wqa 04.12.2013
tomatosoup 04.12.2013
sura1603 18.12.2013

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