Digitales Fasten im Urlaub Einfach mal offline sein

Im Silicon Valley üben Manager Handy-Verzicht, im Allgäu bietet ein Hotel ein Funkstille-Paket an. Das bewusste Abschalten wird zum Urlaubstrend und nennt sich nun Digital Detox.

Mandarin Oriental Hotel Group / TMN

Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar! Eine stetig wachsende Zahl von Menschen will im Urlaub nicht nur den Kopf, sondern auch ihre Mobilgeräte abschalten. Manche gehen dabei sogar so weit, dass sie sich komplett vor Elektrosmog schützen wollen.

Sogenanntes Digital Detox liegt daher im Trend. "Wir haben derzeit oft von allem zu viel. Zu viel süßes, fettes, vorfabriziertes und ungesundes Essen, Reizüberflutung, zu viel Stress. Die Leute wollen runterkommen", sagt Claudia Wagner von Fit Reisen in Frankfurt. Bei dem Veranstalter sind Ayurveda und maßgeschneiderte Ernährungskonzepte gefragte Urlaubsformen.

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Der Technikverzicht ist hingegen noch relativ neu. Dennoch bemühen sich auch immer mehr Hotels darum, ihre Gäste beim bewussten Abschalten zu unterstützen. In der Regel hat der Gast die Wahl zwischen vollständigem Verzicht und der Freiheit, zwischendurch wieder online zu gehen.

Das Digital-Detox-Angebot der Mandarin Oriental Hotel Group wird laut Group Spa Director Jeremy McCarthy vor allem von Frauen aus dem jeweiligen Land genutzt. Sie geben für die Zeit des Aufenthalts ihr Mobiltelefon an der Rezeption ab und entspannen sich bei Gesichtsmasken, Lektüre und Malen.

Pause von der Online-Sucht

Den Begriff Digital Detox haben 2012 Levi Felix und Brooke Dean in Kalifornien geprägt. Sie wollten sich und andere von der Online-Sucht heilen. In speziellen Erholungscamps im Herzen der Digitalwirtschaft im Silicon Valley lernten die Teilnehmer, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, zur Ruhe zu kommen und durchzuatmen. Ohne Alkohol, dafür mit Yoga, Sport, gesunder Ernährung, Briefpapier und Schreibmaschine.

Christian Montag, Suchtforscher an der Universität Ulm, hat dafür großes Verständnis. "Unsere Daten weisen darauf hin, dass mit dem Smartphone eine neue Dimension von Verhaltenssucht einhergeht. Wenn in einer Studie etwa 40 Prozent der Befragten angeben, abends mit dem Smartphone ins Bett zu gehen und morgens als erstes danach greifen, ist das ein Alarmzeichen." Der Forscher plädiert für eine tägliche Digital-Detox-Phase. Im Urlaub ist das Abschalten jedoch oft leichter als im Alltag.

Nicht immer muss der Mensch dafür den Stecker ziehen: In manchen Berghütten und abgelegenen Regionen avanciert das Funkloch zum Standortvorteil. Hüttenurlaube und Klosteraufenthalte bekommen so einen trendigen Anstrich - auch wenn gar nicht Digital Detox draufsteht.

Doch den Ausstieg aus der digitalen Welt bekommt der Urlauber heute auch perfekt inszeniert, etwa im Belle-Epoque-Hotel Rosenlaui im Berner Oberland. Dort nächtigt man in Antiquitäten-Betten, es gibt ein Münztelefon, aber weder Fernsehen noch Radio und nicht einmal fließendes Wasser auf den Zimmern.

Und ins Fünf-Sterne-Designhotel vigilius mountain resort in Südtirol gelangt man nur per Seilbahn. Die fernsehfreien Zimmer werden nachts vom WLAN abgekoppelt. Die Hubertus Alpin Lodge & Spa in Balderschwang im Allgäu animiert ihre Gäste mit einem Funkstille-Paket zum Verzicht aufs mobile Endgerät.

Einmal komplett abkoppeln bitte

Manchen reicht das noch nicht. Sie wollen nicht nur ein Smartphone im Flugmodus und eine handyfreie Zone, sondern gänzlich frei von Elektrosmog sein. Denn im Zweifel strahlen das aktive Handy im Nebenzimmer, das WLAN im Hotel oder der Sendemast auf dem Dach munter weiter. Und das Strommagnetfeld ist ebenfalls allgegenwärtig.

In der Öko- und Bioszene haben einige Hotels schon länger Elektrokabel im Haus ummantelt und bieten entweder nur Powerline oder WLAN zum individuellen Ausschalten an.

Andere Hotels folgen mit Neu- und Anbauten dem Trend. Das geht quer durch die Branche. "Nachträglich umzubauen ist technisch und finanziell auch kaum zu leisten", sagt der Hotelier Theo Peter, für den die etwa 200.000 Euro mehr für Elektrosmog-Reduktion des neuen Hotels quartier in Garmisch-Partenkirchen keine Frage war.

Seine 18 Holz-Lodges sind an Wänden, Böden und Leitungen abgeschirmt, einen Fernseher gibt es nicht einmal auf Sonderwunsch. Der Gast reguliert mit einem Technikkasten selbst, wann er off- oder online ist.

Im Spa-Anbau des Brenners Park-Hotels in Baden-Baden können Gäste sich per Knopfdruck sogar komplett vom Stromnetz abkoppeln lassen. Den meisten Reisenden, die digital entgiften wollen, reicht aber wohl schon eine gewisse Zeit ohne Smartphone und Internet.

Karin Willen, dpa/asc

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