Container-Hostel in Warnemünde Ab in die Kiste

Früher fuhren sie vollbeladen über die Weltmeere, heute können Ostseeurlauber in Überseecontainern übernachten. Ein neues Hostel in Warnemünde stapelt hoch.

Dock Inn/ TMN

Wie verhalten sich 67 Container bei Windstärke acht? "So etwas wusste niemand", sagt Petra Cavet. Die Mitarbeiterin des Dock Inn führt die Gäste auf die Freiluftplattform im fünften Stock. Gegenüber ist die Bahnstation "Warnemünde Werft" zu sehen, dahinter ein paar Hafenkräne - die perfekte Kulisse für Industrieromantiker. Und für das Dock Inn, Deutschlands erstes Hostel aus Überseecontainern, das seit Frühjahr 2017 in Warnemünde Gäste empfängt.

Ein Hostel aus Containern? Was sich legoleicht gebaut anhört, war ein Prozess von fünf Jahren. Ein Statiker legte fest, dass jeder siebte Container mit einem Querkreuz stabilisiert werden musste, erzählt Cavet. Jetzt schlafen Gäste dort, wo etwa schon mal 20 Tonnen Bananen im Bauch eines Containerschiffes auf Weltreise waren. Nach tropischen Früchten riecht es nicht mehr in den 25 Quadratmeter großen Kisten, dafür aber nach neuen Möbeln und Anstrich.

Außer der länglichen Quaderform erinnert im Inneren der Container kaum noch etwas an den einstigen Bestimmungszweck. Es gibt Schlafbereich, Bad und Wohnzimmerecke mit Flatscreen. Das Erlebnis, im Container zu schlafen, spielt sich mehr im Kopf ab.

Hafen mit Geschichte

Warenumschlag, Schiffsbau und Schifffahrt haben in Warnemünde eine lange Tradition. "Hier war der einzige Tiefseehafen der DDR", sagt Philipp Rose, der für das örtliche Touristenbüro Stadtführungen macht. "Sozialismus hin Sozialismus her, Handel musste getrieben werden." Und wer etwa mit der MS "Käpp'n Brass" eine Hafenrundfahrt macht, bekommt von Kapitän Wolfgang Sense noch mehr Geschichte zu hören.

"Im Jahr 1046 wurde hier der erste Kutter gebaut, 1951 das erste Stahlschiff", tönt er über die Außenlautsprecher. Auch die ersten Stückgutfrachter der DDR seien hier auf Kiel gelegt worden. In einem, der MS "Dresden", ist mittlerweile das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum Rostock untergebracht - die Ausstellungen erzählen von Schiffsbau- und Fahrgastschifffahrt in der DDR, von der Bedeutung des Hafens als Umschlagplatz seit dem Mittelalter.

Heute aber liegt ein Kreuzfahrtschiff am Terminal vertäut, das gleich nach St. Petersburg ablegt. Für eine Begleitfahrt bis zur Mole hat Kapitän Sense die "Käpp'n Brass" hinter der "Aida Mar" positioniert. Am Heck des Schiffsriesen verschwinden surrend dicke Taue in großen Öffnungen, dann ertönt ein Schiffshorn. Das Wasser beginnt zu quirlen, selbst in hundert Metern Entfernung tanzen die Wirbel.

Kultige Broiler-Bar

Während die "Aida Mar" schnell Fahrt in Richtung offenes Meer aufnimmt, steigt an der Mole ein kleines Fest. Wie jedes Mal, wenn ein Kreuzfahrtriese aufbricht, sagt Silvia Grahl, die Würstchen und Bier serviert und plötzlich nichts mehr zu tun hat, weil sich alles an Deck der "Käpp'n Brass" drängt.

Wer später noch Hunger hat, kann in eine Institution einkehren, die es schon gab, als die Kreuzfahrtbranche in Warnemünde noch gar nicht existierte. "Schon zu DDR-Zeiten war die Broiler-Bar im Vorzeigehotel Neptun von Warnemünde Kult", sagt Hans Schneider, der stellvertretende Restaurantleiter. "Lass mal 'nen Broiler essen, hat man zum Beispiel nach der Zeugnisausgabe gesagt." Gegrillte Hähnchen hatte man nicht alle Tage. Weil seit jeher keine Reservierungen angenommen werden, muss man auch heute noch anstehen.

Mit Grillhühnchen im Magen ist ein Spaziergang an der frischen Seeluft genau das Richtige. Der Sandstrand von Warnemünde gilt als einer der breitesten an der deutschen Ostsee. Und ein bisschen Wellengang ist immer, dafür sorgt allein der rege Fährbetrieb nach Gedser, Trelleborg und Gdynia. Die Schiffe schieben sich am Leuchtturm vorbei ins Meer, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde und schnell zum Wahrzeichen des einstigen Fischerdorfes wurde.

Auch das Dock Inn ist bereits stadtbekannt, weil sein Bau und der ganze neue Wohnpark "Am Molenfeuer", umstritten war. "Hier mussten Kleingärten weichen", erzählt ein Taxifahrer. Hostelmitarbeiterin Cavet sieht im Projekt eher einen Beitrag zur Revitalisierung Warnemündes, das lange unter Einwohnerschwund litt: "Größtenteils war das Areal eine Brache." Und mit dem Dock Inn gebe es neben der Jugendherberge nun eine erschwingliche Bleibe in Warnemünde.

Jung, cool und low-budget will man sein. Do-it-yourself ist das Motto: Es gibt eine "Kombüse" genannte Küche zum Selberkochen. Ein Container ist als Musikzimmer mit Plattenspieler eingerichtet. Vor einer hölzernen Shipping-Box voller Schallplatten heißt es: "Such dir 'ne Platte aus und leg sie selber auf!" Und dass es keinen Tischservice gibt, erklärt eine Tafel über der Bar mit den Worten "Besorg es dir selbst!".

Stefan Weißenborn, dpa/ele

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
jan.g.jochim 25.08.2017
1. Ein Wort:
hässlich. Ein Fremdkörper in Warnemünde, das ja eigentlich Punkten könnte mit dem typischen Charme eines Ostseebades. Aufpolierte Fassaden und Touristentempel, letztere, Hotel Neptun zum Beispiel, zumindest noch mit historischer Existenzberechtigung. Aber was man da nun am Hafen aufgetürmt hat, oh weh. Einheimische schütteln schon seit einigen Jahren über manche Entwicklung den Kopf, doch was ihnen da vor die Nase gesetzt wurde kann man vermutlich keinen Ostseefischer rational erklären. Sozialer Wohnungsbau im mittelpreisigen Hotelsektor.Man kann nur hoffen, dass die Betreiber schnell Insolvenz anmelden und die Container danach vielleicht sinnvoll genutzt werden. Man könnte sie in der Ostsee versenken und ein paar Taucher glücklich machen.
Papazaca 25.08.2017
2. Praktisch? Ja! Preiswert? Wahrscheinlich! Architektur? Hmm...
Interessant an dem Beitrag über das "Dock Inn" ist, das wenig über das Hostel selbst geschrieben wird. Eigentlich wird viel mehr über Warnemünde geschrieben, das Hostel ist nur der Aufhänger. Und jetzt kommen sicher alle, die, die noch nie was mit moderner Architektur anfangen konnten. Und diesmal haben sie recht. Container versetzt stapeln und unten vorne eine weitere Kiste als Eingangsbereich und logistisches Zentrum "ankleben" reicht nicht. Wobei ich nichts gegen Architektur mit Container habe. Da gibt es richtig gute Beispiele, wie man aus einem seriellem Element was Individuelles machen kann. Aber hier? Der Bericht von Stefan Weißenburg suggeriert, das er auch nicht viel Interessantes über das "Dock Inn" berichten konnte. Kein Verriß, keine Liebeserklärung, eher die Flucht in Themen drumrum. Wie teuer sind die Zimmer, wie ist das Essen, sind die Gäste zufrieden und fühlen sich wohl? Hat er selbst eine Nacht übernachtet? Hmm Oder hat das Thema ihn so bedroht, das er sich an die Bar geflüchtet hat, vielleicht etwas (viel) getrunken hat und über seine nächste Reise nach Cuba nachgedacht hat. Gut möglich.
lachina 26.08.2017
3.
Heutzutage müssen so viele Menschen in Containern schlafen, ich sehe nicht, dass das etwas Besonderes für meinen Urlaub sein könnte.
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